Experteninterview Expertentelefon "Rückenschmerzen"

"Erste Therapieeffekte innerhalb weniger Wochen":
Moderne Behandlungen können chronisch-entzündliche Rückenschmerzen lindern

Experteninterview mit Prof. Dr. Jürgen Braun, Ärztlicher Direktor des Rheumazentrums Ruhrgebiet in Herne und Prof. Dr. Joachim Sieper, Leiter der Rheumatologie an der Charité, Berlin.

Frage an Prof. Sieper: Morbus Bechterew ist eine rheumatische Erkrankung. Was genau muss ich mir unter dem Krankheitsbild vorstellen?

Prof. Sieper beantwortet Patientenfragen zu Morbus Bechterew
Prof. Joachim Sieper

Antwort Prof. Sieper: Morbus Bechterew ist eine chronisch-entzündliche rheumatische Erkrankung,

die vor allem die Wirbelsäule befällt. Darüber hinaus können aber auch andere Gelenke, Sehnen oder Bänder sowie Organe außerhalb des Bewegungsapparates von der Krankheit in Mitleidenschaft gezogen sein, wie zum Beispiel die Augen und die Haut. Bei einigen Patienten zeigen sich auch Begleitsymptomatiken im Magen-Darm-Trakt und an inneren Organen. Typischerweise tritt die Erkrankung zwischen dem 16. und 45. Lebensjahr auf.

 

Frage an Prof. Sieper: Können zusätzliche Beschwerden auftreten?

Antwort Prof. Sieper: Hinsichtlich der Entzündungen können neben der Wirbelsäule auch andere Gelenke (z.B. Knie, Schulter, Hüfte) schmerzhaft betroffen sein.

Darüber hinaus treten auch weitere Entzündungen, z.B. an den Sehnen und den Augen (Iris, Uveitis) auf. Bei starken Augenschmerzen, Lichtempfindlichkeit und eingeschränkter Sehschärfe sollte ein Augenarzt aufgesucht werden. Halten die Beschwerden an, kann unbehandelt eine Beeinträchtigung der Sehfähigkeit erfolgen. In einigen Fällen liegt auch ein Zusammenhang mit chronischen Darmentzündungen vor. Typische Symptome sind Bauchschmerzen, Durchfälle möglicherweise mit Blutbeimengungen und Gewichtsverlust. Hautveränderungen in Form einer Schuppenflechte können ebenfalls auftreten. In späteren Stadien können eher selten auch weitere innere Organe betroffen sein.

Frage an Prof. Sieper: Wie können sich die Entzündungen an den Sehnen äußern?

Antwort Prof. Sieper: Im gelenknahen Bereich sind die Knochen-Sehnen-Ansätze durch die Entzündung gereizt,

sind schmerzhaft und druckempfindlich. Im medizinischen Fachjargon wird dies Enthesitis genannt. Eine Enthesitis tritt häufig an der Achillessehne auf, die dadurch bedingten Schmerzen am Fersenbein gehören manchmal zu den allerersten Beschwerden bei Morbus Bechterew.

Frage an Prof. Sieper: Ich leide seit Monaten an starken Rückenschmerzen - sogar nachts - und ich bin morgens ganz steif. Langsam mache ich mir Sorgen. Das ist doch für einen jungen Menschen Ende 20 nicht normal? Was kann dahinterstecken?

Antwort Prof. Sieper: Bei den geschilderten Beschwerden muss man grundsätzlich auch an Morbus Bechterew denken. Da Rückenschmerzen viele Ursachen haben können,

ist es schwierig den Beginn dieser rheumatischen Erkrankung frühzeitig zu erkennen. Erste wichtige und aktuelle Informationen zur Früherkennung enthält die Website www.ruecken-experte.de, die in Zusammenarbeit mit führenden deutschen Rheumatologen entwickelt wurde. Dort findet man einen Experten-Test, den Bechterew-Check, der mit wenigen einfachen Fragen eine Orientierung ermöglicht, ob ein erster Verdacht auf eine entzündliche Wirbelsäulenerkrankung gerechtfertigt ist. Eine Ärztesuche erleichtert es zudem, zur näheren Abklärung einen Facharzt in der Nähe des Wohnorts zu finden

Expertentelefon zum Thema Morbus Bechterew
Expertentelefon zum Thema Morbus Bechterew

Frage an Prof. Sieper: Was sind TNF Alpha-Blocker

Antwort Prof. Sieper: TNF Alpha-Blocker sind Medikamente, die über das Immunsystem wirken

und den körpereigenen Botenstoff TNF Alpha hemmen. Dieser Botenstoff hat eine zentrale Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Entzündungen. Bei Morbus Bechterew liegen höhere Konzentrationen von TNF alpha im Körper vor. Durch die Hemmung von TNF  Alpha kann es zu einer schnellen Schmerzlinderung kommen und die Beweglichkeit der Wirbelsäule sowie die allgemeine Leistungsfähigkeit kann maßgeblich gebessert werden. Erste Therapieeffekte lassen sich oft bereits innerhalb weniger Wochen erzielen.

Frage an Prof. Sieper. Warum bleibt Morbus Bechterew oft so lange unentdeckt?

Antwort Prof. Sieper: Experten beklagen, dass heute noch durchschnittlich acht Jahre vergehen,

bis ein Morbus Bechterew richtig erkannt wird. Der Grund ist, dass Rückenschmerzen häufig durch andere Ursachen hervorgerufen werden und sich die Diagnostik deshalb schwierig gestalten kann. Das gilt insbesondere, solange keine krankheitsbedingten chronischen Veränderungen der Wirbelsäule im Röntgenbild nachweisbar sind. Aber glücklicherweise gibt es andere Indizien, die auch bei frühen Stadien auf die Erkrankung hinweisen. Es ist gerade deshalb so wichtig, die Früherkennung zu verbessern, weil eine frühzeitig eingeleitete Behandlung den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen kann. Die Website www.ruecken-experte.de enthält dazu einen Experten-Test, den Bechterew-Check, der eine erste Orientierung ermöglicht.

 

Prof. Jürgen Braun beantwortet Patientenfragen
Prof. Jürgen Braun

Frage an Prof. Braun: Wie entsteht Morbus Bechterew?

Antwort Prof. Braun: Die Entstehung und Ursachen der auch als ankylosierende Spondylitis (AS)

bezeichneten Erkrankung sind in weiten Teilen noch ungeklärt. Neben der erblichen Veranlagung und einer Störung im Immunsystem scheinen auch äußere Faktoren eine Rolle zu spielen.

Frage an Prof. Braun: Was sind die wesentlichen Symptome?

Antwort Prof. Braun: Die wichtigsten und oft auch ersten Symptome sind allmählich beginnende, tief sitzende Rückenschmerzen,

die bevorzugt morgens und nachts auftreten und sich bei Bewegung bessern. Häufig wird von einer morgendlichen Steifigkeit des Rückens berichtet, die länger als 30 Minuten anhält. Die Beschwerden bessern sich oft gut auf Therapie mit nicht-steroidalen Antiphlogistika (NSAR). Die tief liegenden Rückenschmerzen sind meist bedingt durch eine Entzündung der Gelenkverbindungen zwischen Becken und Wirbelsäule (Sakroiliakalgelenk). Rückenschmerzen bei jungen Patienten unter 45 Jahren, die länger als drei Monate andauern, also chronisch sind, weisen auf eine solche entzündliche Ursache hin. Häufig kommt das Gefühl der Abgeschlagenheit und Müdigkeit hinzu. Im fortgeschrittenen Stadium können Versteifungen der Wirbelsäule und damit Einschränkungen der Beweglichkeit auftreten.

Frage an Prof Braun: Mein Mann ist an Bechterew erkrankt. Ich habe Angst, dass unser Sohn diese Krankheit auch bekommt. Kann das sein?

Antwort Prof. Braun: Die genauen Ursachen des Morbus Bechterew sind bislang noch weitgehend unbekannt.

Die Veranlagung, diese Krankheit einmal zu bekommen, ist sicher vererbbar, aber eben nur die Veranlagung. Man weiß nämlich, dass bei etwa 90 Prozent der Patienten mit Morbus Bechterew ein typisches genetisches Merkmal, ein bestimmtes Eiweiß, das sogenannte HLA-B27-Antigen, auf der Oberfläche von Körperzellen zu finden ist. Dieses Merkmal bedeutet jedoch nicht automatisch, dass man an Morbus Bechterew erkrankt ist oder erkranken wird. Die große Mehrheit der Menschen, die es aufweisen - in Deutschland etwa acht Prozent - bekommt die Erkrankung nicht. Nur etwa jeder 15. HLA-B27-positive Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens einen Morbus Bechterew. Umgekehrt bedeutet das Fehlen des Merkmals jedoch nicht, dass die Krankheit ausgeschlossen ist, da andere Gene, Umweltfaktoren und Erkrankungen wie Schuppenflechte auch eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Erkrankung spielen.

Frage an Prof. Braun: Meine jüngere Schwester hat vor einiger Zeit die Diagnose Morbus Bechterew vom Rheumatologen erhalten. Was läuft bei dieser Erkrankung ab?

Antwort Prof. Braun: Die chronisch-entzündliche rheumatische Erkrankung geht mit starken Rückenschmerzen einher.

Im weiteren Verlauf kann sie zu Versteifungen im Bereich der Wirbelsäule führen. Es können aber auch andere Gelenke, Sehnen oder Bänder sowie Organe außerhalb des Bewegungsapparats betroffen sein, z. B. die Augen. Die Erkrankung kann ganz unterschiedlich verlaufen. Viele Patienten haben Phasen, in denen sich Schmerzen und Symptome immer wieder akut verstärken, andere leiden anhaltend unter Schmerzen. Die Krankheit kann auch für einige Jahre ganz zur Ruhe kommen. Gerade wegen dieser uneinheitlichen Verläufe ist es wichtig, sich vom Rheumatologen untersuchen zu lassen und die Therapie immer wieder auf die Aktivität und den Schweregrad der Erkrankung abzustimmen. Es gibt heute sehr gute Behandlungsmöglichkeiten.

Frage an Prof. Braun: Häufig ist in Zusammenhang mit Morbus Bechterew auch von einer Augenerkrankung - einer sogenannten Uveitis - die Rede. Was muss man sich darunter vorstellen?

Antwort Prof. Braun: Die anteriore Uveitis, Iritis oder Regenbogenhautentzündung.

ist eine Entzündung im vorderen Augenabschnitt, die sich meistens durch ein rotes, schmerzhaftes Auge äußert. Dieses ist dann meist druckempfindlich (bei leichtem Druck des Fingers auf das Augenlid) und es können Schmerzen beim Wechsel zwischen hell und dunkel auftreten. Bei solchen Symptomen sollten Betroffene rasch einen Augenarzt aufsuchen und diesen über die Diagnose Morbus Bechterew informieren.

Frage an Prof. Braun: Ist Morbus Bechterew heilbar? Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Antwort Prof. Braun: Leider ist die chronische Wirbelsäulenentzündung bislang nicht heilbar.

Mit einer modernen Therapie lässt sich ihr Verlauf jedoch positiv beeinflussen. Dabei ruht die Behandlung im Wesentlichen auf zwei Säulen: An erster Stelle stehen aktive Bewegungsübungen zur Erhaltung der Wirbelsäulenbeweglichkeit - beispielsweise Physiotherapie oder Krankengymnastik -, die in jedem Stadium der Erkrankung unverzichtbar sind. Tipps zu Training und Bewegung gibt auch die Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew (DVMB) auf ihrer Website www.bechterew.de. Als zweite Säule gilt die Gabe von Medikamenten zur Schmerzlinderung sowie zur Entzündungshemmung.

Frage an Prof. Braun: Welche Medikamente stehen zur Behandlung zur Verfügung?

Antwort Prof. Braun: Die medikamentöse Behandlung orientiert sich an Erscheinungsform und Schweregrad der Erkrankung.

Experten beantworten Fragen rund um Morbus Bechterew
Von links: Prof. Joachim Sieper, Ludwig Hammel, Prof. Herbert Kellner, Prof. Jürgen Braun

Frage an Prof Braun: Ich habe gehört, dass bei Morbus Bechterew außer Rückenschmerzen auch noch andere Beschwerden auftreten können. Welche sind das?

Antwort Prof. Braun: Bei Morbus Bechterew können nicht nur Entzündungen an der Wirbelsäule,

sondern auch an anderen Gelenken wie Knie, Schulter oder Hüfte auftreten. Auch die Sehnenansätze und zum Teil sogar Organe, wie die Augen oder die Haut (Schuppenflechte), können betroffen sein. Nicht selten werden im Verlauf eines Morbus Bechterew auch chronische Darmentzündungen beobachtet (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa). Typische Symptome sind dann Bauchschmerzen, Durchfälle, zum Teil mit Blutbeimengung und Gewichtsverlust. In späteren Stadien der Erkrankung können auch andere Organe wie das Herz betroffen sein (Aortenklappenfehler).

Frage an Ludwig Hammel: Mir ist klar, dass ich mich als Morbus-Bechterew-Patientin regelmäßig bewegen muss. Gibt es Sportarten, die besonders gut geeignet sind?

Antwort Ludwig Hammel: Aktive Bewegungsübungen sind in jedem Erkrankungsstadium die wichtigste Maßnahme.

Im Frühstadium dienen sie dazu, der Fehlhaltung des Bewegungsapparates, der Versteifung der Wirbelsäule oder anderen möglichen Spätfolgen vorzubeugen. Wenn die Krankheit weiter fortgeschritten ist, richtet sich die physiotherapeutische Behandlung nach den jeweiligen Symptomen. Entsprechend Ihrer Beschwerden führt der Physiotherapeut eine individuell gestaltete Behandlung durch. Gut geeignete Sportarten sind Nordic Walking, Schwimmen, Radfahren, Volleyball in adaptierter Form und Bogenschießen. Nach dem Motto "Bechterew'ler brauchen Bewegung" ist die Beteiligung an Gruppengymnastik besonders empfehlenswert. Vielerorts wird regelmäßig Gruppengymnastik unter fachlicher Anleitung durch die DVMB angeboten. Dabei können Sie auch überprüfen lassen, ob Sie die Übungen richtig machen. Unter www.ruecken-experte.de finden Sie weitere Übungen.

 

Experten beantworten Fragen rund um Morbus Bechterew

Frage an Prof Kellner: Bei meinem Bruder besteht Verdacht auf Morbus Bechterew. Bei welchem Arzt sollte er die Diagnose abklären und sich behandeln lassen?

Antwort Prof. Kellner: Die Behandlung des Morbus Bechterew gehört so früh wie möglich in die Hände von speziell geschulten Ärzten,

den Rheumatologen. Diese Fachärzte sind auf die Diagnostik und Therapie von chronischen und entzündungsbedingten Krankheiten des Bewegungsapparates spezialisiert und können ihre Patienten mit einer individuellen Behandlung optimal einstellen.

Frage an Prof Kellner: Ich leide seit Jahren an Morbus Bechterew. Mein Arzt möchte mich jetzt auf einen TNF?-Blocker umstellen. Wie wirken diese Medikamente?

Antwort Prof. Kellner: TNF?-Blocker wirken über das Immunsystem, indem sie den Botenstoff TNF? hemmen, der Entzündungsvorgänge im Körper antreibt.

Bei Morbus Bechterew produziert der Körper diesen Stoff im Überschuss. Die Hemmung von TNF? sorgt dafür, dass es zu einer schnellen Schmerzlinderung kommt. Die Beweglichkeit der Wirbelsäule sowie die allgemeine Leistungsfähigkeit werden schon nach wenigen Wochen maßgeblich gebessert. Zudem können die modernen Medikamente auch auf mögliche Begleiterkrankungen wirken. Erste Therapieeffekte lassen sich oft bereits innerhalb von zwei Wochen erzielen. Da die vielfach bei Morbus Bechterew eingesetzten entzündungshemmenden nichtsteroidalen Wirkstoffe (NSAR) bei einem Teil der Patienten nicht ausreichend wirken oder aufgrund von Nebenwirkungen abgesetzt werden müssen, ergibt sich durch den modernen, neueren Behandlungsansatz der TNF?-Hemmung eine Erweiterung der Behandlungsperspektiven.

Frage an Ludwig Hammel: Wie kann ich durch Bewegung meinen Morbus Bechterew positiv beeinflussen?

Antwort Ludwig Hammel: Regelmäßige Bewegung ist gerade bei Morbus Bechterew unbedingt notwendig,

um ein Einsteifen der Gelenke zu verhindern. Durch gezieltes Training wird der Bewegungsapparat besser durchblutet. Allerdings sollte das Übungsprogramm vorher mit dem Arzt abgestimmt werden. Patienten-Selbsthilfegruppen, wie die Deutsche Vereinigung Morbus Bechterew (DVMB), organisieren eigene Sportangebote und geben Tipps zu Training und Bewegung. Die DVMB bietet darüber hinaus individuelle Fachberatung in medizinischen und sozialrechtlichen Fragen. Weitere Informationen können im Portal der DVMB unter www.bechterew.de abgerufen werden.

Frage an Prof. Kellner: Wegen meines Morbus Bechterew bin ich seit zwei Jahren bei meinem Hausarzt in Behandlung.

Obwohl ich regelmäßig Medikamente schlucke, fühle ich mich immer schlechter und muss mich häufig krank melden. Was soll ich tun?

Antwort Prof. Kellner: Lassen Sie sich durch einen Rheumatologen fachärztlich abklären.

Nach einer entsprechenden Untersuchung kann dieser dann entscheiden, ob die Behandlung optimiert werden kann und ob beispielsweise ein moderner Therapieansatz mit TNF?-Blockern in Betracht kommt.