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Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 119 (Dezember 2009)
Der Rheumatologie-Kongress 2009 in der Karneval- und Messe-Stadt Köln
von Prof. Dr. rer. nat. Ernst Feldtkeller, München, Dr. med. Gudrun Lind-Albrecht, Düsseldorf,
und Esther Pfaff (Jugendansprechpartnerin des Landesverbands Berlin-Brandenburg), Berlin

Wie jedes Jahr (Bechterew-Brief Nr. 83 S. 22–26, Nr. 87 S. 22–27, Nr. 92 S. 12–20, MBJ Nr. 103 S. 23–26, Nr. 111 S. 8–11, Nr. 115 S. 13–15), fand auch 2009 im September der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie statt, und zwar diesmal im Kölner Messegelände, mit etwa 2000 Teilnehmern. Unter den vielen Vorträgen und Posters war auch diesmal wieder für Patienten mit Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew) einiges sehr interessant.
Frühdiagnose
Annalina BRAUN vom Rheumazentrum Ruhrgebiet in Herne und weitere Verfasser berichteten in einem Poster über ein Verfahren, mit dem es möglich ist, eine Spondyloarthritis (entzündliche Wirbelsäulenerkrankung) schon relativ früh im Krankheitsverlauf zu erkennen. Wenn mindestens zwei der folgenden Kriterien erfüllt sind, ist eine Spondyloarthritis relativ wahrscheinlich:
- HLA-B27,
- Aufwachen in der zweiten Nachthälfte,
- Besserung durch Bewegung und
- Besserung durch nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR).
Verlaufskontrolle
Während bei Spondyloarthritis-Patienten der auf die übliche Weise gemessene Laborwert CRP (C-reaktives Protein) kein gutes Maß für die Krankheitsaktivität ist, stellten Dr. Denis PODDUBNYY aus Berlin und 4 Mitverfasser fest, dass das „high-sensitivity CRP (hsCRP) viel besser mit anderen Zeichen für die Krankheitsaktivität (BASDAI und seine Komponenten, Beweglichkeitseinschränkungen, Behinderung, Beteiligung peripherer Gelenke, Augenbeteiligung) korreliert und deshalb als objektives Maß für die Krankheitsaktivität geeigneter erscheint.
Prognose bei juvenilem Krankheitsbeginn
Prof. Dr. Dirk ELEWAUT von der Universität Gent in Belgien (Bild 1) befasste sich in seinem Vortrag mit der juvenilen (also vor dem 17. Lebensjahr ausgebrochenen) Spondyloarthritis. Meistens wird in diesem Zusammenhang von der juvenilen Arthritis gesprochen, die jedoch ganz unterschiedliche Krankheitsbilder umfasst. Zum Spondyloarthritis-Konzept passt am besten die Untergruppe mit einem Krankheitsbeginn nach dem 10. Lebensjahr und einer Beteiligung nur weniger Gelenke. Wie bei der Spondylitis ankylosans tragen von den Kindern in dieser Untergruppe mehr als 85% den Erbfaktor HLA-B27. Die juvenile Spondyloarthritis ähnelt weitgehend dem Krankheitsbild bei Erwachsenen, mit dem Unterschied, dass bei so frühem Krankheitsbeginn die Krankheit häufiger mit einer peripheren Gelenkentzündung (außerhalb der Wirbelsäule) beginnt und die Hüftgelenke häufiger beteiligt sind. Im Laufe von 10 Jahren wird bei nahezu 100% dieser jungen Patienten eine Spondylitis ankylosans diagnostiziert.

Bild 1: Unser Ärztlicher Berater und DVMB-Forschungspreisträger Dr. Martin RUDWALEIT (links) und Prof. Dr. Dirk ELEWAUT von der Universität Gent in Belgien nach ihren Vorträgen in einer Spondyloarthritis-Sitzung
Prof. Dr. Jürgen BRAUN vom Rheumazentrum Ruhrgebiet in Herne (Bild 2) referierte über eine kürzlich erschienene Arbeit von F. O’SHEA u.a. (Annals of the Rheumatic diseases 2009 S. 1407–1412), in der untersucht wurde, welche Rolle es für die Prognose des weiteren Krankheitsverlaufs spielt, wenn die Krankheit schon vor dem 17. Lebensjahr begann. Auch diese Forscher stellten fest, dass bei einem Krankheitsausbruch im Jugendalter eine periphere Gelenkbeteiligung (außerhalb der Wirbelsäule) im weiteren Krankheitsverlauf häufiger ist als bei einem Krankheitsausbruch im Erwachsenenalter. Eine offene Frage ist, ob der frühe Krankheitsausbruch und die Neigung zur peripheren Gelenkbeteiligung auf denselben Erbfaktoren oder auf Umwelteinflüssen beruhen.

Bild 2: DVMB-Forschungspreisträger Prof. Dr. Jürgen BRAUN vom Rheumazentrum Ruhrgebiet in Herne bei seinem Vortrag über die Therapie der Spondyloarthritiden
Der informierte Patient
Diesem Themenbereich waren beim Rheumatologenkongress zwei Sitzungen gewidmet. Dr. Hans-Eckhard LANGER aus Düsseldorf wies in seinem Vortrag darauf hin, das es dabei nicht nur um Wissen geht, sondern auch um Fertigkeiten (z.B. bei häuslichen Bewegungsübungen oder der Selbstinjektion eines Medikaments) und um das richtige Verhalten (z.B. in Akut- und Notfallsituationen oder auf dem Weg durch den „Medizin-Dschungel“) sowie die Einstellung zur Erkrankung und die Krankheitsbewältigung. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Patientenschulung (Bechterew-Brief Nr. 80 S. 34–35, Nr. 90 S. 5–7, Nr. 92 S. 3–12, MBJ Nr. 107 S. 5), die leider noch viel zu wenig eingesetzt wird und deren Bedeutung deshalb in Verhandlungen mit den Krankenkassen immer wieder betont werden muss.
Eine zunehmend bedeutsame Rolle spielt bei der Informationsvermittlung das Internet, dessen Informationsqualität allerding von exzellent bis unsäglich schlecht reicht. Eine besonders hohe Besucherfrequenz erreicht auf dem Gebiet der Rheumatologie in Deutschland mit 550.000 Besuchern pro Jahr das von Dr. LANGER geschaffene Internetportal rheuma-online.de.
Frau Prof. Dr. Ina KÖTTER von der Universität Tübingen berichtete über eine Fragebogenaktion aus dem Jahr 2005, bei der untersucht wurde, was Rheumapatienten von ihrem Arzt erwarten und wie weit sie selbst die Initiative ergreifen. Auch sie wies darauf hin, dass eine Wissensvermehrung allein nicht zu einer Verbesserung des Gesundheitszustands führt, sondern dass es eher auf Verhaltensänderungen im Alltag ankommt.
Einen ähnlichen Aspekt beleuchtete Frau Dr. Rieke ALTEN aus Berlin in ihrem Vortrag „Paradigmenwechsel: von der ärztlichen Anordnung zur gemeinsamen Therapieent-scheidung mit dem Patienten“. Dabei geht es nicht darum, dem Patienten die Entscheidung über die Therapie allein zu überlassen. Das Ziel ist ein „shared decision making“ (MBJ Nr. 115 S. 40–41, siehe auch S. 3 und S. 25 in diesem Heft), also
- eine partnerschaftliche Arzt-Patienten-Beziehung und
- ein gemeinsamer und gleichberechtigter Entscheidungs-findungsprozess.
In der Sitzung „Patientenschulung Quo vadis“ stellten Prof. Dr. Ekkehard GENTH (Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie), Helga JÄNICHE (Deutsche Rheuma-Liga) und DVMB-Forschungspreisträgerin Dr. Inge EHLEBRACHT-KÖNIG (Chefärztin Rheumatologie der Reha-Klinik Bad Eilsen) übereinstimmend die Wichtigkeit der Patientenschulung auch für die Zukunft heraus, zeigten aber die Defizite in der breiten Umsetzung auf und wiesen auf die dringende Notwendigkeit weiterer Studien zur Wirksamkeitsüberprüfung im ambulanten Bereich hin, als Grundlage einer anzustrebenden Kostenübernahme durch die Krankenkassen.
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