Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 123 (Dezember 2010)

Was Rettungssanitäter über Morbus Bechterew wissen sollten

Vortrag von Dr. med. Jon Erlendsson, Horsens, Dänemark, bei der 9. ASIF-Delegiertenversammlung im Oktober 2009 in Bad Hofgastein

Wie im MBJ Nr. 120 S. 36–39 berichtet, hielt der damalige ASIF-Präsident Dr. Jon ERLENDSSON, Rheumatologe und zugleich Morbus-Bechterew-Betroffener, bei der 9. ASIF-Delegiertenversammlung im Oktober 2009 in Bad Hofgastein einen vielbeachteten Vortrag darüber, warum es so wichtig ist, über Wirbelbrüche Bescheid zu wissen. Unter der Überschrift „Wir sind nicht wie andere“ wies er darauf hin, dass Unfall-Ambulanzen oft nicht genau wissen, was bei der Erstversorgung eines Morbus-Bechterew-Patienten nach einem Unfall zu beachten ist. Wir bringen hier eine deutsche Übersetzung seines Vortrags.

Bild von Jon Erlendsson bei seinem Vortrag in Bad Hofgastein
Jon Erlendsson bei seinem Vortrag in Bad Hofgastein

Die US-amerikanische Morbus-Bechterew-Vereinigung (Spondylitis Association of America, SAA) hat sich intensiv mit den Problemen bei der Erstversorgung von Morbus-Bechterew-Patienten nach einem Unfall auseinandergesetzt und eine DVD herausgegeben mit dem Titel „Ankylosing Spondylitis: Managing Patients in an Emergency Setting. A Primer for First-Responders“ (Morbus Bechterew: Umgang mit Patienten bei einem Notfall. Eine Anleitung für Rettungssanitäter).

Der DVD ging eine tragische Bergung voraus

Laurie SAVAGE, Geschäftsführerin der SAA, erläutert die Entstehung der DVD: „Eine ältere Frau hatte uns von ihrem Ehemann berichtet, der seit Jahren an einem Morbus Bechterew mit schwerem Verlauf litt. Dadurch war seine Wirbelsäule äußerst brüchig geworden. Die Rettungssanitäter, die ihn wegen eines Herzinfarkts behandelten, wussten über seinen Morbus Bechterew nicht Bescheid. Deshalb versorgten sie ihn, wie sie es gelernt hatten. Bei der Intubation (Einführung eines Beatmungsschlauchs) brachen sie ihm versehentlich die Halswirbelsäule.“
Dieses tragische Ereignis inspirierte die SAA, eine DVD zu produzieren mit dem Ziel, Rettungssanitäter über den Umgang mit Morbus-Bechterew-Patienten aufzuklären. „Damit sich ein solcher Vorfall nie mehr ereignet“, meint Laurie Savage mit Nachdruck.

Über welche Aspekte des Morbus Bechterew sollten Rettungssanitäter informiert sein?
  • Morbus Bechterew ist eine chronische Krankheit. Sowohl jüngere als auch ältere Menschen können davon betroffen sein.
  • Über die Jahre hinweg kann die Wirbelsäule einschließlich des Nackens versteifen, weil die Wirbelgelenke knöchern überbrückt werden und so mehr oder weniger zu einem einzigen langen Knochen zusammenwachsen.
  • Diese Wirbelsäule wird im Krankheitsverlauf spröde und anfällig für eine Fraktur. Selbst durch einen Bagatell-Unfall kann ein Wirbelbruch eintreten. Rettungssanitäter sollten deshalb bei Morbus-Bechterew-Patienten auch dann von einem Wirbelbruch ausgehen, wenn sie normalerweise nicht damit rechnen würden.
  • Solange das Gegenteil nicht bewiesen ist, gilt ein Wirbelbruch als instabil.
  • Viele Morbus-Bechterew-Patienten sind im oberen Bereich der Wirbelsäule verkrümmt. Sie können also nicht flach auf dem Rücken liegen und müssen entsprechend unterlagert werden.
Abänderung des üblichen Vorgehens

Wie gehen Rettungssanitäter gemäß ihrer Ausbildung normalerweise vor, wenn eine „gesunde“ Person in einen Unfall verwickelt ist mit Verdacht auf einen Wirbelbruch? Kurz gefasst, würde dies wie folgt aussehen:

„Die Rettungskräfte stellen die Wirbelsäule manuell ruhig, indem sie den Patienten auf ein langes Rückenbrett legen. Dem Verunglückten wird ein Halskorsett um den Nacken gelegt. Mit Polsterungen gesichert, wird er auf dem Rückenbrett transportiert. Wenn nötig wird der Patient (in den USA) intubiert.“

Von diesem Standardvorgehen bei der Unfallbergung muss abgewichen werden, sobald ein Morbus-Bechterew-Betroffener nach einem noch so geringfügigen Ereignis über Rückenschmerzen klagt. Im Folgenden werden die drei wichtigsten Punkte näher betrachtet: die Lagerung des Patienten, das Halskorsett und die Beatmung.

Lagerung

Wenn ein Rettungssanitäter einen Morbus-Bechterew-Patienten behandeln muss, der wegen eines trivialen Ereignisses Rückenschmerzen hat, muss er ihn so behandeln, als ob sich der Verunglückte eine instabile Wirbelfraktur zugezogen hat, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist. Es ist daher äußerst wichtig, bei der Lagerung des Rückens und des Kopfs vorsichtig zu sein. Die Schienentechnik muss bei Morbus-Bechterew-Patienten entsprechend angepasst werden. Um die Bewegung des Rückens zu minimieren, verwendet man statt eines Rückenbretts besser eine sogenannte Schaufeltrage (in die der Verunglückte hineingerollt werden kann, ohne ihn anzuheben). Und um die vermutete Fraktur zu stabilisieren, ist es wichtig, viele Polsterungen in Form von Wolldecken, Kissen, Schaumstoffen und Handtüchern zu verwenden.

Halskorsett im Zweifelsfall weglassen

Ausbildungsgemäß wird oft ein starres Halskorsett angelegt, um den Nacken abzustützen. Dadurch wird der Nacken gestreckt. Bei einem Morbus-Bechterew-Patienten mit brüchiger Halswirbelsäule kann dies einen Wirbelbruch verursachen, oder ein bereits erlittener Bruch wird dadurch noch verschlimmert. Im Extremfall kann dies zu einer Querschnittlähmung oder gar zum Tode des Patienten führen.

Als Grundregel gilt: Es darf nie versucht werden, die Wirbelsäule oder den Nacken in eine bestimmte Form zu zwingen. Man darf nur die jeweils angetroffene Stellung stützen. Die Halsstellung darf nicht geändert werden, damit das Korsett passt. Falls das Korsett nicht passt, sollte es auch nicht angelegt werden. Da sollten die Verantwortlichen an andere Möglichkeiten denken, um die Wirbelsäule zu stabilisieren!

Bild zeigt das Notfall-Merkblatt
Notfall-Merkblatt zum ausdrucken
Beatmung

Morbus-Bechterew-Patienten sollten nicht im Standard-Verfahren intubiert werden. Eine Alternative zur ausbildungsgemäßen endotrachealen Intubation (der Beatmungsschlauch wird durch den Kehlkopf in die Luftröhre eingeführt) ist die einfache Beatmung mit einer aufblasbaren Maske, um die Atmung zu unterstützen.

Die Rettungskräfte informieren

Es ist wichtig, dass Morbus-Bechterew-Patienten die Sanitäter über ihre Krankheit informieren oder einen sichtbaren Hinweis (z.B. das ausdruckbare Notfall-Merkblatt, Anmerkung der MBJ-Redaktion) bei sich haben, um eine sachgerechte Behandlung sicherzustellen. Für die Rettungskräfte ihrerseits gilt, die Informationen an die Notfallaufnahme weiterzuleiten.

Bild der DVD der Spondylitis Association of America zur Aufklärung von ettungssanitätern über die Besonderheiten beim Morbus Mechterew
DVD der Spondylitis Association of America zur Aufklärung von Rettungssanitätern über die Besonderheiten beim Morbus Bechterew
Schlussfolgerung

Die DVD der SAA endet, in dem sich der Sprecher wie folgt an die Sanitäter wendet: „Vielleicht haben Sie noch nie wissentlich eine Person mit Morbus Bechterew geborgen. Doch vielleicht werden Sie dies in den nächsten Tagen tun. Denken Sie daran, dass die Symptome vielleicht unscheinbar sind. Das traditionelle Vorgehen kann einen verheerenden Schaden verursachen. Informieren Sie sich über Morbus Bechterew!“

Zur DVD

Die DVD der Spondylitis Association of America über die Notfall-Bergung von Morbus-Bechterew-Betroffenen entstand in Zusammenarbeit mit Technikern der Amerikanischen Gesellschaft für Notfall-Medizin (National Associati-on of Emergency Medical Technicians) sowie mit Rheumatologen, Orthopäden und Notfallmedizinern. Die DVD kann in den Internet-Seiten der SAA unter www.spondylitis.org angesehen werden.

Die Delegierten beim ASIF-Treffen im Herbst 2009 in Bad Hofgastein waren sich darüber einig, dass die DVD eine gute Anregung für andere Morbus-Bechterew-Vereinigungen darstellt, Ähnliches zu unternehmen.
In Dänemark habe ich Kontakt zu einer Schule für Rettungssanitäter und zur Dänischen Gesellschaft für Rheumatologie aufgenommen mit dem Ziel, eine offizielle Empfehlungen für den Umgang mit Morbus-Bechterew-Patienten bei der Sanitäterausbildung zu erwirken.

Anschrift des Verfassers:
Grønningen 10, 8700 Horsens, DÄNEMARK
Quelle: vertical, Mitgliederzeitschrift der Schweizerischen Vereinigung Morbus Bechterew, Heft 45 (August 2010)