Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 124 (März 2011)

Kirsten Schwade Weltmeisterin im Kraftsport mit Morbus Bechterew
Kirsten Schwade Weltmeisterin im Kraftsport mit Morbus Bechterew

Mit Morbus Bechterew Weltmeisterin im Kraftsport!

von Eckhart Malten, Lüdenscheid

Obwohl seit 35 Jahren die Schmerzen ihr ständiger Begleiter sind, hat unser Mitglied Kirsten Schwade nie den Kampf gegen den Morbus Bechterew aufgegeben. Wie fast alle Patienten ist sie jahrzehntelang durch einen Ärztedschungel gegangen. Nach vielen Jahren der erfolglosen Schmerzbehandlung stellte man 1999 endlich die Bechterew-Erkrankung fest.
Frau Schwade schreibt:

„Weil die Öffnungen in einem Abschnitt der Wirbelsäule derart verengt waren, dass die Nerven abgequetscht wurden, musste die Wirbelsäule chirurgisch versteift werden. Eine Erweiterung der Öffnungen durch einen Neurochirurgen war nur von kurzem Erfolg, so dass nur noch der Einsatz von Titan-Implantaten (Stangen, Schrauben und Abstandhalter) halfen, dass ich nicht im Rollstuhl landete.
Ich rehabilitierte meine körperliche Verfassung nach der Operation im Jahr 2004 mit Wassergymnastik und Pilates (MBJ Nr. 118 S. 10–11). Nach etwa einem halben Jahr ver-suchte ich (langsam und fast gegen den Willen meiner Ärzte), ob ich meine Muskulatur wieder im Kraftraum stärken kann. Dies erwies sich als machbar und es stellte sich heraus, dass ich jetzt sogar schmerzfreier trainieren konnte als vor der Operation (auch weil ich mittlerweile in der Rheuma-Klinik auf einen TNF-alpha-Blocker eingestellt war). Daraus entwickelte sich eine große Liebe zum Kraftsport, nämlich dem „Bankdrücken“. Dabei liegt der Athlet auf einer Bank und drückt die Hantel mit den Gewichten senkrecht nach oben.
Die beiden anderen Disziplinen im Kraftsport, Kniebeugen und Kreuzheben, trainiere ich nur eingeschränkt, weil meine Knie- und Hüftgelenke unter regelmäßigen Sehnenansatz-Entzündungen leiden und ich meine Spondylodese (operative Wirbelsäulenversteifung) nicht auf ihre Haltbarkeit testen mag.
Von anfangs 20 kg konnte ich das hochgestemmte Gewicht über 40 kg auf 60 kg steigern. Drei Jahre nach der Operation nahm ich zum ersten Mal in meinem Leben an einem Kraftsport-Wettkampf teil (Bezirks- und Landes-meisterschaften Nordrhein-Westfalen im Jahr 2007).
In meinem Leben drehte sich in den vergangenen 20 Jahren alles nur um meine Krankheit. Nach der Operation und der Einstellung auf einen TNF-alpha-Blocker war überhaupt erst wieder an eine aktive Freizeitgestaltung zu denken. An Leistungssport habe ich früher zu keiner Zeit gedacht. Das hat sich erst lange nach der Operation und dem Beginn der Anti-TNF-alpha-Therapie durch meinen danach entwickelten Ehrgeiz ergeben.
Ich bin seit Kinderzeiten ein sportlicher Mensch und habe die Disziplin für ein strenges Training. Außerdem weiß ich, dass mein Morbus Bechterew mich „umbringt“, wenn ich mich nicht zum Sport zwinge. Ich will nie wieder auf Morphine (starke Schmerzmittel) angewiesen sein. Kraft ist nur eine Frage des regelmäßigen Trainings, eines guten Trainers und eines eisernen Willens.“
Da es in der idyllischen Kleinstadt Lüdenscheid weder einen entsprechenden Verein noch einen ausgebildeten Trainer für diese Sportart gibt, fährt Kirsten Schwade einmal pro Woche nach Witten ins Landesleistungszentrum. Daraus entwickelte sich die Teilnahme an Weltmeisterschaften, die sie nach mehrfachen Bezirks-, Landes- und Deutschen Meistertiteln in den Jahren 2008, 2009 und 2010 mit dem Weltmeistertitel in ihrer Alters- und Gewichtsklasse im Rahmen der World Powerlifting Federation (WPF) und mit Weltrekorden (90 kg) krönte. Dazu muss man erwähnen, dass in dieser Disziplin kein Unterschied zwischen Behinderten und Nichtbehinderten gemacht wird. Auch Rollstuhlfahrer starten bei den Nichtbehinderten.
Kirsten Schwade ist überzeugt, dass sie nur durch diesen intensiven Sport so aufrecht und lebensfroh durchs Leben geht. So fällt es ihr heute überhaupt nicht schwer, in fremden Betten in London, Dresden und Las Vegas zu übernachten. Kirsten Schwade hat uns gezeigt, dass man trotz schwerer Erkrankung mit eisernem Willen sein Leben genießen kann.

Anschrift des Verfassers:
Harlingerstr. 13a, 58509 Lüdenscheid