Morbus Bechterew - was ist das?

Viele Namen für eine Krankheit

Die Bechterewsche Erkrankung ist eine entzündliche Krankheit, die vor allem die Wirbelsäule betrifft. Sie heißt unter Ärzten auf lateinisch "Spondylitis ankylosans" oder (in Anlehnung an die englische Bezeichnung "ankylosing spondylitis") auch "ankylosierende Spondylitis " (abgekürzt AS). Im deutschen Sprachraum, in Skandinavien und in Osteuropa hat sich daneben die Bezeichnung "Morbus Bechterew" (MB) eingebürgert (Morbus ist ebenfalls lateinisch und bedeutet Krankheit). Der russische Neurologe Wladimir Bechterew hat die Krankheit keineswegs entdeckt oder als erster beschrieben, sondern nur in den 1890er Jahren eine hierzulande besonders bekannt gewordene Beschreibung veröffentlicht.

Es handelt sich um eine chronische (nicht nur vorübergehende) rheumatische (vor allem das Bewegungssystem betreffende) Krankheit, die über entzündliche Prozesse zu einer knöchernen Einsteifung der Wirbelsäule führen kann (ankylosans = versteifend). Sie kann aber auch die übrigen Gelenke oder andere Organe des Körpers befallen. Sie gilt bis heute als unheilbar, lässt sich aber in ihrem Verlauf ganz entscheidend beeinflussen.

Erste Beschwerden und Diagnose

Im Anfangsstadium sind die Beschwerden meist unspezifisch und werden daher oft fehlgedeutet. Es gibt jedoch heute Kriterien, auf deren Basis erfahrene Rheumatologen eine zuverlässige Diagnose stellen können. Auch durch die neuen Möglichkeiten der Magnetresonanz-Tomografie wird die Diagnose wesentlich erleichtert. Dennoch vergehen zwischen den ersten Beschwerden und einer gesicherten Diagnose immer noch häufig mehrere Jahre.

Folgende Symptome sind für den Beginn einer Spondylitis ankylosans charakteristisch (aber nicht immer alle vorhanden):

  • Zwischen rechts und links wechselnde Gesäßschmerzen verbunden mit einer Bewegungseinschränkung in der Lendenwirbelsäule und Ausstrahlung in die Oberschenkel (siehe dazu auch Bechterew-Brief Nr. 87),
  • Besserung bei Bewegung und Verschlimmerung bei Ruhe (bei den viel häufigeren nicht entzündlichen Rückenleiden ist es umgekehrt),
  • Morgensteifigkeit länger als 30 Minuten,
  • Andauern der Beschwerden über mehr als 3 Monate,
  • Beginn der Krankheit vor dem 40. Lebensjahr,
  • Auftreten der Steifigkeit und der Schmerzen vor allem in den frühen Morgenstunden.

Außer diesen häufigen Erstsymptomen können noch folgende Kriterien einen Hinweis auf einen Morbus Bechterew geben:

  • Unsymmetrische Entzündung einzelner Gelenke (z. B. Hüftgelenk, Kniegelenk),
  • Fersenschmerzen oder eine andere Sehnenansatz-Entzündung (Enthesitis),
  • Regenbogenhautentzündung (Iritis) im Auge,
  • Schmerzen über dem Brustbein, Einschränkung der Brustkorbdehnung ohne erkennbare Ursache,
  • Eindeutige Besserung durch ein nicht-steroidales (cortisonfreies) entzündungshemmendes Medikament innerhalb von 48 Stunden und Wiederkehr der Schmerzen nach Absetzen des Medikaments.

Die Feststellung des Erbmerkmals HLA-B27 beweist nicht das Vorliegen eines Morbus Bechterew. Umgekehrt beweist das Fehlen des Erbmerkmals auch nicht, dass kein Morbus Bechterew vorliegt. Der Befund gibt dem Arzt aber einen zusätzlichen Anhaltspunkt, ob bei dem Patienten ein Morbus Bechterew unwahrscheinlich ist oder mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit damit zu rechnen ist. Die Begünstigung der Krankheit durch den Erbfaktor HLA-B27 (und evtl. durch weitere noch unbekannte Erbfaktoren) führt dazu, dass der Morbus Bechterew familiär gehäuft auftritt.

Kriterien für die Diagnose eines Morbus Mechterew und für die umfassendere Krankheitsgruppe der Spondyloarthritiden (entzündlichen Wirbelsäulenkrankheiten) sind im Heft 13 der DVMB-Schriftenreihe zusammengefasst.

Krankheitsverlauf

Die Bechterewsche Erkrankung verläuft bei jedem Patienten anders. Bei vielen Patienten beherrschen die Entzündungsschmerzen den Krankheitsverlauf, bei anderen steht die Versteifung im Vordergrund. Bei manchen Patienten ist die Krankheit besonders aggressiv, bei anderen verläuft die Krankheit so mild, dass sie nie eindeutig diagnostiziert wird. Bei manchen Patienten sind Gelenke der Gliedmaßen mitbetroffen, bei manchen innere Organe , bei anderen beschränkt sich die Krankheit ganz auf die Wirbelsäule. Das Ausmaß der Behinderung lässt sich durch eine gezielte Therapie und eigenes Verhalten entscheidend beeinflussen.

Der "übliche" Krankheitsverlauf ist gekennzeichnet durch

  • einen Beginn der Erkrankung zwischen den 15. und dem 35. Lebensjahr,
  • vorübergehende Verschlimmerungen (Entzündungs-"Schübe) und Besserungen,
  • eine fortschreitende Versteifung und Verformung der Wirbelsäule, vor allem in den ersten 30 Jahren, und
  • bei etwa 40 % der Patienten ein einmaliges oder wiederholtes Auftreten einer Iritis (Regenbogenhautentzündung) im Auge.

 

Ein Ausbruch der Krankheit vor dem 16. Lebensjahr wird oft als Vorzeichen für einen schweren Krankheitsverlauf angesehen. Eine Umfrage unter den Patientenmitgliedern der DVMB ergab aber, dass sich bei einem frühen Krankheitsbeginn lediglich die geringe Wahrscheinlichkeit etwas erhöht, dass später eine, dass später eine Hüftgelenkoperation notwendig wird. Ob Gelenke der Gliedmaßen mitbefallen werden, zeigt sich frühzeitig im Krankheitsverlauf.

Begleit-Beschwerden

Es gibt eine ganze Anzahl von Begleit-Symptomen, die beim Morbus Bechterew neben den Wirbelsäulenbeschwerden mehr oder weniger häufig auftreten. Machen Sie deshalb den Arzt auf Ihren Morbus Bechterew aufmerksam, wenn Sie ihn wegen anderer Beschwerden aufsuchen, die mit dem Morbus Bechterew scheinbar nichts zu tun haben. Natürlich können bei Ihnen wie bei anderen Menschen auch Beschwerden auftreten, die mit dem Morbus Bechterew tatsächlich nichts zu tun haben. Als Laie kann man aber kaum beurteilen, was alles durch Veränderungen in der Wirbelsäule mitbetroffen sein kann. Und selbst der auf sein Fachgebiet konzentrierte Facharzt denkt bei Beschwerden z. B. im Bereich der Ohren nicht sogleich daran, dass die Störung auch von den Nerven oder Blutgefäßen ausgehen könnte, die durch Engpässe in der Halswirbelsäule hindurchführen.

Manchmal befällt der Morbus Bechterew auch andere Gelenke außerhalb der Wirbelsäule. Am häufigsten sind dies die Hüftgelenke, die Kniegelenke und die Sprunggelenke. Nur bei längerer Gelenkentzündung bleibt eine dauernde Bewegungseinschränkung in dem Gelenk zurück. Bei richtiger Behandlung einer vorübergehenden Gelenkbeteiligung ist die Behinderung nur leichter Art. Insbesondere muss darauf geachtet werden, dass das Hüftgelenk nicht in gebeugter Stellung ruhig gestellt wird und versteift.

Auch außerhalb von Gelenken können Schmerzen am Knochen auftreten. Es handelt sich dabei um eine Sehnenansatz-Entzündung (Enthesitis). Schmerzen am Fersenbein, die das Stehen auf hartem Boden sehr unangenehm machen, stellen manchmal die allerersten Beschwerden beim Morbus Bechterew dar. Eine Sehnenansatz-Entzündung am Sitzbein macht das Sitzen auf harten Stühlen unangenehm. Ein keilförmiges Kissen hat sich als Abhilfe bewährt. Auch andere Sehnenansätze können betroffen sein.

Grafik vom menschlichen Auge

Bei etwa 40 % aller Morbus-Bechterew-Patienten tritt ein- oder mehrmals im Leben eine Iritis (Entzündung der Regenbogenhaut im Auge) auf. Man erkennt eine solche Entzündung daran, dass das Auge schmerzt (vor allem bei großen Helligkeitsunterschieden, bei denen sich die Pupille verengen muss), druckempfindlich ist und sich rötet. In diesem Fall sollten Sie umgehend zum Augenarzt gehen und ihn auf Ihren Morbus Bechterew aufmerksam machen! Eine Behandlung ist sofort notwendig, um bleibende Schäden zu vermeiden. Falls Ihr Augenarzt nicht verfügbar ist, sollten Sie sich direkt an ein Krankenhaus mit einer Unfallklinik oder einer Augenabteilung wenden. Nur der Augenarzt kann sicher entscheiden, ob es sich um eine Iritis oder eine andere Augenerkrankung handelt.

Näheres zum Thema Augenbeteiligung bei Morbus Bechterew erfahren Sie in einem Artikel, der im Bechterew-Brief Nr. 84 erschien. Interessant sind auch drei Erfahrungsberichte zu diesem Thema.

Im Spätstadium der Krankheit können auch innere Organe von der Krankheit mitbetroffen sein (Lunge, Herz, Nieren, Nervensystem). Wir vergessen allzu leicht, dass der Morbus Bechterew keine Wirbelsäulen-Erkrankung ist, sondern eine "System-Erkrankung": Die Fehlsteuerung des Immunsystems wirkt sich zwar in der Wirbelsäule am augenfälligsten aus, kann sich aber in den verschiedensten Organen ebenfalls äußern.

Verknüpfung mit anderen Krankheiten

Eine entzündliche Wirbelsäulenerkrankung kann auch in Kombination mit einer Schuppenflechte (Psoriasis) oder mit einer chronischen Darm-Entzündung (Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa) auftreten. Die Ärzte sprechen dann von einer Psoriasis-Spondylitis bzw. von einer enteropathischen Spondylitis. Bei einem unmittelbaren Auftreten nach einer Bakterien-Infektion spricht man von einer "reaktiven Arthritis", und bei einer Kombination mit einer Harnröhren-Entzündung (Urethritis) und einer Augenbindehaut-Entzündung (Konjunktivitis) von einem "Reiter-Syndrom". Diese mit dem Morbus Bechterew verwandten (und ebenfalls durch den Erbfaktor HLA-B27 begünstigten) Krankheiten werden zusammengefasst zur Krankheitsgruppe der "Spondyloarthritiden". Die DVMB ist die Selbsthilfeorganisation aller an einer "Spondyloarthritis" (entzündlichen Wirbelsäulen- und evtl. Gelenk-Erkrankung) erkrankten Patienten.

Innerhalb der Krankheitsgruppe der Spondyloarthritiden spricht man von einer axialen Spondyloarthritis, wenn die Krankheit vorwiegend die Wirbelsäule und ihre Umgebung betrifft. Stehen dagegen vor allem Gelenke und Sehnenansätze außerhalb der Körperachse (z. B. Hüftgelenke, Kniegelenke, Schultergelenke) im Vordergrund, spricht man von einer peripheren Spondyloarthritis.

Wissenschaftler haben im Jahr 1984 festgelegt, dass man von einer ankylosierenden Spondylitis erst spricht, wenn im Röntgenbild der Kreuzdarmbeingelenke deutliche Knochenveränderungen erkennbar sind. Wenn solche Veränderungen nicht (oder noch nicht) erkennbar sind, aber andere Befunde auf das Vorliegen einer axialen Spondyloarthritis hinweisen, sprach man bisher von einer undifferenzierten Spondyloarthritis, neuerdings von einer nicht-röntgenologischen axialen Spondyloarthritis. Die nicht-röntgenologische axiale Spondyloarthritis kann (aber muss nicht) die Vorstufe einer ankylosierenden Spondylitis sein. Viele Patienten mit einer nicht-röntgenologischen axialen Spondyloarthritis verbleiben lebenslang in diesem Stadium, entwickeln also keine ankylosierende Spondylitis, und die Wirbelsäule versteift bei ihnen nicht.

Morbus Bechterew im Spätstadium

Neun von zehn Morbus-Bechterew-Patienten sind auch nach einer Krankheitsdauer von 40 Jahren nicht von fremder Hilfe abhängig. Die schmerzhaften Schübe können über eine lange Zeit hinweg kommen und gehen, aber schließlich kommt die entzündliche Phase der Krankheit meist zur Ruhe. Nicht jedem Patienten gelingt es, nach dem Abklingen eines schmerzhaften Schubs in die normale Haltung zurückzukehren, auch wenn er regelmäßig Krankengymnastik betreibt. Die Erfahrung zeigt aber, dass durch gewissenhafte krankengymnastische Übungen und konsequente Haltungskontrolle ernsthafte Verkrümmungen in den allermeisten Fällen vermieden werden können.

Die versteifte Wirbelsäule neigt im Spätstadium zur Knochenporosität (Osteoporose). Auch dagegen ist Krankengymnastik wichtig. Weil die versteifte und poröse Wirbelsäule zu Wirbelbrüchen neigt, müssen sich ältere Patienten besonders sorgsam vor auch scheinbar harmlosen Unfällen in acht nehmen und entsprechende Vorkehrungen treffen. Nicht nur bei Unfällen, sondern auch bei der künstlichen Beatmung während einer Narkose erfordert die versteifte Wirbelsäule besondere Vorsichtsmaßnahmen.

Die meisten Morbus-Bechterew-Patienten können ihren Beruf bis zur normalen Altersgrenze ausüben.

Weitere Informationen zur Krankheit und ihrer Behandlung finden Sie in den Kapiteln

Ausführlichere Informationen zur Krankheit für Patienten finden Sie in der 107-seitigen reichhaltig illustrierten Broschüre "Morbus Bechterew - Ein Leitfaden für Patienten" (Heft 1 der DVMB-Schriftenreihe), die Sie mit dem Literatur-Bestellzettel bei der DVMB-Geschäftsstelle bestellen können.

Jedes Vierteljahr ausführliche neue Informationen vermittelt Ihnen die DVMB-Mitgliederzeitschrift "Morbus-Bechterew-Journal", die jedes DVMB-Mitglied regelmäßig zugeschickt bekommt. Den "Leitfaden für Patienten" bekommt jedes Neumitglied als Begrüßungsgeschenk. Zwei von vielen Gründen, möglichst bald Mitglied der DVMB zu werden!