Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 116 (März 2009)

Von der Pflanze zur Chemie

Die Frühgeschichte der „Rheumamittel“

von Prof. Dr. med. Hanns Kaiser, Augsburg

Nutzen, oder wenigstens nicht schaden
Hippokrates

Therapie in der Antike

Zwar gab es auch schon bei Naturvölkern neben Magie und Beschwörung Ansätze von Heilmitteln. Über zuverlässige Quellen verfügen wir jedoch erst aus der griechischen Zeit. Immerhin kennen wir auch aus dem 19. Jahrhundert v. Chr. schon altägyptische Rezepte mit Angaben zur Herstellung und Indikation (Bechterew-Brief Nr. 91 S. 38–40). Im Corpus hippocraticum (5. bis 4. Jahrh. v. Chr.) standen eine in jeder Beziehung maßvolle Lebensgestaltung und chirurgische Maßnahmen im Vordergrund. Arzneimittel hatten nicht den Stellenwert, den sie heute haben. Trotzdem finden darin 270–280 Pharmaka Erwähnung. Unter diesem Ausdruck verstanden die alten Griechen auch Gifte. Erst der Römer Aulus Cornelius CELSUS (1. Jahrh. n. Chr.) trennte sie: „Medicamentum“ gegenüber „Virus“. Heilmittel bestanden großenteils aus Pflanzen, zum geringeren Teil aus tierischen oder mineralischen Produkten, und wurden in verschiedenen Zubereitungen äußerlich und innerlich angewandt. Entsprechend der Vorstellung, dass Krankheit durch eine Unausgeglichenheit der Körpersäfte entsteht, standen ausleitende Maßnahmen wie Aderlass, Schröpfen, Brech- und Abführmittel, harn- und schweißtreibende Mittel im Vordergrund. Es wurden aber auch Narkotika gegen Schmerzen verwendet. Neben diesen Medikamenten spielte die physikalische Therapie (Anwendung von Kälte, Wärme, Bädern, Umschlägen und körperliche Aktivierung) eine wichtige Rolle.

Medizin im Römischen und Byzantinischen Reich

ALEXANDER VON TRALLES (525–605 n. Chr.), der 12 therapeutische Bücher verfasste, forderte,

dass Medikamente erst eingesetzt werden, wenn physikalische Maßnahmen nicht ausreichen.

Obwohl schon in der Zeit vor Christus einige Bücher über Heilpflanzen erschienen waren, war es Pedanios DIOSCURIDES aus Anazarbos in Kilikien (1. Jahrh. n. Chr.), der aufgrund seiner Erfahrungen in römischen Diensten um 60 nach Chr. eine umfangreiche Arzneimittellehre verfasste. Dieses Buch, das mehr als 800 pflanzliche Arzneimittel beschreibt, von denen noch heute mehr als 90 in Gebrauch sind, wurde in viele Sprachen übersetzt und galt über 1½ Jahrtausende als die maßgebliche Arzneikunde.
PLINIUS SECUNDUS (Plinius der Ältere, 23–79 n. Chr.) führte die Signaturenlehre ein, nach der Arzneimittel nach Form und Farbe den menschlichen Organen oder einer Krankheit angepasst werden müssen. Auch diese Vorstellung hat sich teilweise bis in die Neuzeit gehalten. GALEN VON PERGAMON (129–200 n. Chr.), der größte seinerzeit in Rom tätige Arzt, trug das gesammelte Wissen der Antike zusammen. Er verwendete entsprechend den Empfehlungen von DIOSCURIDES im allgemeinen pflanzliche Drogen ohne chemische Zubereitung, woraus sich die Bezeichnung Galenika (Zubereitungen aus natürlichen Stoffen) ableitet. Später bevorzugte man Arzneimittelmischungen, wobei der bis ins 11. Jahrh. gebräuchliche Theriak (siehe auch S. 23) bis zu 100 Bestandteile enthielt.

Die Klostermedizin

Etwa ab 1000 nach Chr. widmeten sich die Klöster der Krankenpflege und legten Heilkräutergärten an. Walafried STRABO (806–849), Benediktinerabt beschrieb 840 in seinem Hortulus die Heilkräuter des Klostergartens. Die Äbtissin HILDEGARD VON BINGEN (1098–1179) beschrieb die Heilkräfte von 213 überwiegend heimischen Pflanzen.

Alte Apotheke

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