Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 117 (Juni 2009)

Physiotherapie beim Morbus Bechterew: was sagt die Wissenschaft dazu?

von Privatdozent Dr. med. Christoph Fiehn, Chefarzt des Rheumazentrums Baden-Baden GmbH

Einleitung

Den Nutzen von Physiotherapie (Krankengymnastik und Massage) und physikalischer Medizin (Wasser, Wärme, Kälte, Elektrotherapie und gegebenenfalls weitere Therapieformen wie Radon-Therapie) auf Schmerzverbesserung und Beweglichkeit spürt jeder Morbus-Bechterew-Patient am eigenen Leibe. Trotzdem ist es wichtig, auch solche lange bewährten Therapieformen wissenschaftlich zu untermauern und ihre Wirkung zu erforschen. Vor allem müssen wissenschaftliche Studien die Wirksamkeit belegen, so wie es bei neuen Medikamenten zur Behandlung des Morbus Bechterew der Fall ist. Kaum jemand zweifelt daran, dass auch die beste medikamentöse Therapie bei dieser Erkrankung ihre optimale Wirkung nur dann erzielen kann, wenn sie ineinander greift mit kompetenter und konsequenter Krankengymnastik (MBJ Nr. 99 S. 9–11, Nr. 112 S. 5–9, Nr. 115 S. 4–5 und S. 13).

„Höchster Richterspruch“ der Bewertung von Therapieformen

Ziemlich unbemerkt erschien im Jahre 2004 eine sogenannte Cochrane-Analyse, in der die bisher existierenden wissenschaftlichen Studien zur Physiotherapie und physikalischen Therapie beim Morbus Bechterew ausgewertet wurden. Analysen des Cochrane-Instituts sind systematische Bewertungen der wissenschaftlichen Beweise für die Wirksamkeit von Therapieformen, so genannte Metaanalysen aller vorhandenen Studien. Wegen ihrer hohen methodischen Qualität und der Unabhängigkeit werden Cochrane-Analysen in der Medizin nicht nur sehr hoch geachtet, sie gelten sogar quasi als „höchster Richterspruch“ der Bewertung von Therapieformen. Die Cochrane-Analyse zum Morbus Bechterew konnte immerhin 6 qualitativ hochwertige Studien zur Physiotherapie und physikalischen Therapie auswerten (Tabelle 1). Das Ergebnis war ermutigend:

Wie bei keiner anderen Erkrankung des rheumatischen Formenkreises ist beim Morbus Bechterew die Wirksamkeit von Krankengymnastik auf die Krankheitssymptome wissenschaftlich belegt.

Dabei zeigten sich einige interessante Aspekte. Am besten schneidet eine Therapie ab, die zunächst mit einem 3-wöchigen Aufenthalt in einer spezialisierten, rheumatologischen Einrichtung mit einem fächerübergreifenden Therapiekonzept beginnt und dann für 10 Monate wöchentliche, von professionellen Krankengymnasten begleitete Gruppengymnastik anschließt. In der internationalen Studie, die dies belegte (Bechterew-Brief Nr. 88 S. 3–10), wurde der erste Teil der Therapie in Bad Gastein in Österreich und einem Kurort in den Niederlanden durchgeführt, in denen neben Physiotherapie auch Sporttherapie, Therapieformen der physikalischen Medizin und im Fall von Bad Gastein auch die Heilstollentherapie angewendet wurden. Schmerz, Funktion und Krankheitsempfinden des Patienten konnten mit dieser Therapie verbessert werden, und zwar wirksamer als bei einer Kontrollgruppe, die nur die 10-monatige wöchentliche Gruppengymnastik bekam. Für die Gruppengymnastik wiederum konnten gleich 3 Studien zeigen, dass sie wirksamer die Beweglichkeit der Wirbelsäule verbessert als nur Eigenübungen zu Hause. Diese wiederum verbessern die Wirbelsäulenbeweglichkeit in höherem Maße, als wenn der Patient gar nichts macht, wie in zwei weiteren Studien belegt wurde. Nicht alle Therapieformen sind also gleich wirksam.

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