Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 118 (September 2009)

Pilates: Auf der Suche nach sicheren Übungen

von Leon Stephens, Physiotherapeut in einer Klinik für Sportverletzungen, Colchester, England

Obwohl ihre Popularität erst in jüngster Zeit kometenhaft aufstieg, können Pilates-Übungen bis in die frühen Jahre des letzten Jahrhunderts zurückverfolgt werden. Ein junger Deutscher mit Namen Joseph PILATES reiste kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs nach Großbritannien, um als Boxer zu trainieren. Joseph war als Kind kränklich, litt an Asthma und Rachitis und musste extrem hart an seiner körperlichen Gesundheit arbeiten. Er war damit so erfolgreich, dass er schließlich im Zirkus auftrat und als Akrobat, Turner, Taucher und Selbstverteidigungslehrer arbeitete. Beim Ausbruch des 1. Weltkriegs wurde er als feindlicher Ausländer auf der Isle of Man interniert, um dort als Krankenpfleger für verletzte Soldaten zu arbeiten. Man nimmt an, dass es diese Arbeit mit den an Betten befestigten Spiralfedern und Schlingen war, die ihn zur Entwicklung der als Pilates-Reformer bezeichneten Übungsmaschinen (Bild 1a) und der Trapezbänke (Bild 1b) inspirierten, wie man sie heute in Pilates-Studios vorfindet. Nach dem Krieg reiste Joseph PILATES in die USA und gründete 1923 zusammen mit seiner Frau ein Pilates-Studio in New York (zufällig war im selben Gebäude das New York City Ballett untergebracht, Anmerkung der Redaktion). Er gewann rasch eine eifrige Anhängerschaft unter den Tänzern und Schauspielern. Es dauerte bis in die 1970er Jahre, bis sich seine Trainingsmethoden über den Atlantik hinweg nach Europa ausbreiteten. Joseph PILATES starb 1967. In den 1990er Jahren kam es in Europa zu einer Woge des Interesses an Pilates, nachdem berühmte Athleten die Methode bestätigt hatten und nachdem sich eine schlüssige Verbindung zu Ergebnissen australischer Wirbelsäulenforscher gezeigt hatte. In seiner ursprünglichen Form ist Pilates eine Trainingsmethode für Schauspieler, vor allem Tänzer. Sie enthält Atemtechniken, welche die damals üblichen choreographischen Stile ergänzten. Die Betonung lag auf beugungsbasierten Übungen, Streckungen und der Kräftigung der Rumpfmuskeln. Mit der Zeit haben besonders Physiotherapeuten diese Übungen modifiziert entsprechend ihren eigenen medizinischen Kenntnissen und auf der Basis medizinischer Forschungsergebnisse. Sie haben das Beste ausgewählt, einige riskantere Übungen verworfen und Joseph PILATES‘ Lebenswerk zu einer medizinisch wirksamen Methode weiterentwickelt, um in erster Linie die Genesung von Patienten mit Rückenschäden zu unterstützen und solchen Schäden vorzubeugen, aber auch die Grundlage für eine exzellente Rehabilitationsmethode zu legen. Für Nicht-Eingeweihte ist es schwierig, Pilates mit irgendetwas anderem zu vergleichen. Am engsten verwandt ist es mit Yoga oder Tai Chi, denn die Übungen werden langsam und konzentriert durchgeführt, mit der Betonung auf korrekter Atmung und Haltung. Ein großes Plus für die meisten Teilnehmer ist, dass von ihnen nicht verlangt wird, ins Schwitzen zu geraten, obwohl die meisten bestätigen werden, dass sie hinterher spüren, trainiert zu haben. Denn obwohl die Übungen einfach aussehen, sind sie anspruchsvoller, als die meisten vor ihrer ersten Übungsstunde erwarten.

Pilates bei Morbus Bechterew
Pilates-Reformer

In Bezug auf die Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew) ist ein großer Vorteil, dass Pilates-Übungen, wenn sie korrekt ausgeführt werden, die Wirbelgelenke nur wenig belasten, aber die Muskelstärke und die Streckung der Wirbelsäule fördern. Man entwickelt auch wirksamere Bauchmuskeln, um (unter anderem) das Kreuz zu schützen, mit der günstigen Nebenwirkung, dass man den Bauch einzieht. Pilates stellt eine Mischung aus Beugungs-, Streckungs- und Rotationsübungen dar, sowohl im Liegen als auch in aufrechter Haltung. Die Übungen kommen auch der Brustkorbdehnung und der Schulterbeweglichkeit zu Gute. Neben der Verbesserung der Muskelstärke und der Haltung wird auch das Gleichgewicht und die Koordination trainiert, so dass auch Patienten mit fortgeschrittener Spondylitis ankylosans davon profitieren. Die Spannweite der Übungen reicht von sehr leicht bis zu extrem anspruchsvoll, so dass für jede Krankheitsphase etwas dabei ist. Wie bei jeder Art von Übungen gibt es auch Vorbehalte. Trotz der generellen Feststellung „gut für den Rücken“ muss man daran denken, dass Pilates ursprünglich nicht als Therapieform entwickelt wurde, sondern als Training für Tänzer. Für Patienten mit Morbus Bechterew sind die Übungen unter Anleitung eines medizinisch Ungeschulten nicht unbedingt geeignet. Wie bei jeder Trainingsmethode gibt es auch hier das Potential von Verletzungen, wenn die Anweisungen nicht durchdacht sind. Mit geeigneten Modifikationen ist Pilates jedoch eine hervorragende Methode, um die Beweglichkeit zu erhalten.

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