Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 118 (September 2009)

Überwärmungstherapie bei Morbus Bechterew
– eine ernstzunehmende Behandlungsmethode

von Dr. Gudrun Lind-Albrecht, Düsseldorf, Mitglied der MBJ-Redaktion

Überwärmungstherapie bei Morbus Bechterew Frau im Heilstollen

Die Anwendung von Wärme zur Schmerzlinderung ist vermutlich so alt wie die Menschheit. In der Kurorttherapie wird die Wärme in vielen verschiedenen Spielarten genutzt, z.B. als Fango- oder Moorpackungen, als Teil- oder Vollbäder mit unterschiedlichen (ortsgebundenen) Inhaltsstoffen oder Zusätzen. Örtliche Wärmetherapie wird zur Lösung von Verspannungen, zur kurzfristigen Muskellockerung und zur Vermehrung der örtlichen Durchblutung eingesetzt, z.B. auch zur Vorbereitung einer Massage. Die Schmerzlinderung über örtlich angewandte Wärme ergibt sich durch Lösung von muskulären Verspannungen oder bindegewebigen Verklebungen usw. Wenn aber die Ursache des Schmerzes in einem entzündlichen Prozess liegt, dann kann örtliche Wärme sogar eine Verschlimmerung bewirken. Ganzkörper-Wärme-Anwendungen haben umfassendere und zum Teil ganz andere Effekte als örtliche Wärme, vor allem dann, wenn sie mehr als nur eine Erwärmung der äußeren Schichten (der Körperhüllen) erzielen. Wenn nicht nur außen auf oder in der Haut, sondern in den tieferen Schichten, im Körperkern, ein Temperaturanstieg induziert wird durch eine Wärmetherapie, dann spricht man nicht mehr von Wärmetherapie, sondern von einer Überwärmungstherapie oder von künstlichem / therapeutischem Fieber; der medizinische Begriff hierfür ist: Hyperthermie-Behandlung.

Kleine Geschichte der Hyperthermie

Schon der griechische Arzt und Philosoph Parmenides sagte 500 vor Chr.: „Gebt mir die Macht, Fieber zu erzeugen, und ich heile euch alle Krankheiten.“ Wärmehaushalt und Immunsystem sind eng miteinander verknüpft. Das vom Körper während einer akuten Infektion erzeugte Fieber hat nicht nur zur Folge, dass es den Erregern „unbequem“ gemacht wird (denn jeder Erreger hat ein für ihn zuträgliches Temperaturoptimum, bei dem er sich gut vermehren kann), sondern es findet zugleich eine ganze Reihe von Prozessen im Immunsystem statt, die sich im Detail erst heute mit den neueren Kenntnissen und Messmethoden allmählich aufzeigen lassen. Der österreichische Neurologe und Psychiater J.-V. Wagner-Jauregg (1857-1940) hatte schon seit 1883 beobachtet, dass seine Patienten mit progressiver Paralyse (Befall des Nervensystems bei Syphilis) nach fieberhaften Erkrankungen durch anderweitige Infektionen plötzlich Heilungstendenzen der Paralyse aufwiesen. Nach erfolglosen Versuchen, künstliches Fieber mit Tuberkulin zu erzeugen, versuchte er 1917 seine von Paralyse betroffenen todkranken Patienten mit Krankheitserregern der Malaria zu infizieren – über das frische Blut eines Malaria-Kranken, mit Erfolg! Wagner-Jauregg hat damit die Überwärmungstherapie offiziell begründet und, obwohl er sich für seinen Versuch zuerst einmal heftige Kritik einhandelte, so trat doch die prinzipielle Idee der künstlichen Fieberherstellung ihren Siegeszug an. Er erhielt sogar 1927 den Nobelpreis für diese Entdeckung. Wesentliches damaliges Ziel der Hyperthermie-Behandlung war die Stimulation des Immunsystems zur Überwindung von (chronischen) Infektionen, dies in einer Ära vor Erfindung der meisten Antibiotika (ab 1910 gab es zwar das Arsphenamin, welches aber nur bei der Syphilis eingesetzt wurde, Sulfonamid gab es ab 1925, die technisch effektive Produktion von Penicillin gelang erst ab 1942). Zwischen 1920 und 1950 wurde über Elektrotherapie und über die Herstellung hochfrequenter elektromagnetischer Felder versucht, eine Hyperthermie zu erzeugen. Zugleich suchte man nach geeigneten Pyrogenen (Stoffen, die Fieber erzeugen können), die man spritzen oder auf andere Arten den Patienten verabreichen konnte. Von dieser Zeit an wurden auch so genannte Überwärmungsbäder gezielt eingesetzt. Die Hyperthermie erlebte eine Blütezeit und wurde bei chronischen Infektionen, bei Allergien, bei neurologischen Erkrankungen, bei Krebserkrankungen und bei rheumatologischen Erkrankungen eingesetzt.

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