Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 120 (März 2010)

Erschöpfung bei Spondylitis ankylosans

von Dr. med. Rezzan Günaydin, Dr. med. Altınay Göksel Karatepe, Dr. med. Nesrin Çeşmeli und Dr. med. Taciser Kaya, Abteilung Physikalische Medizin und Rehabilitation, Bozyaka-Krankenhaus in Izmir, Türkei

Einleitung

Erschöpfungszustände sind für Menschen eine normale vorübergehende Erscheinung, während sie im Zusammenhang mit einer Krankheit trotz ausreichender Ruhe- und Schlafzeiten als Dauerbeschwerde auftreten können.

Erschöpfung ist bei manchen Krankheiten ein wichtiges Symptom, das sowohl bei der Diagnose als auch bei der Therapie beachtet werden muss. Bei vielen rheumatischen Erkrankungen, insbesondere beim systemischen Lupus erythematodes (SLE) und bei der rheumatoiden Arthritis (RA) ist sie als Leitsymptom anerkannt. Bei der Spondylitis ankylosans (Mor­bus Bechterew) wurde die Erschöpfung lange Zeit ignoriert, wahrscheinlich, weil sie als Ausdruck anderer Krankheitszeichen (Begleiterkrankungen, Depressionen, Medikamenten-Nebenwirkungen) angesehen wurde oder mit anderen Krankheitsfolgen (chronische Schmerzen und Schlafstörungen) in einen Topf geworfen wurde.

Während Schmerzen und Steifigkeit bei der Therapie der Spondylitis ankylosans im Vordergrund stehen, wurde die Erschöpfung erst vor nicht allzu langer Zeit als zentrales Symptom der Spondylitis ankylosans erkannt, das die Patienten sehr beeinträchtigt (Bechterew-Brief Nr. 56 S. 8–12, Nr. 57 S. 79–80, Nr. 74 S. 13–18, Nr. 79 S. 85–86, MBJ Nr. 101 S. 56–57). Auch in den Kernsatz der Assessment of Spondylo­Arthritis international Society (ASAS) für die Befunderhebung bei der Spondylitis ankylosans (DVMB-Schriftenreihe Heft 13, siehe Seite 25 in diesem Heft) wurde die Erschöpfung erst nachträglich eingefügt wegen ihrer Auswirkungen auf das Wohlbefinden, die Behinderung, das Schmerzempfinden und der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.
Erschöpfung ist ein vielschichtiges Phänomen: Körperliche, seelische, soziale und Persönlichkeits-Faktoren tragen dazu bei. Es stehen mehrere Erschöpfungs-Fragebögen zur Verfügung, welche die verschiedenen Aspekte der Erschöpfung beleuchten. Sie wurden aber alle nicht in Bezug auf die Spondylitis ankylosans erprobt. Die ASAS empfiehlt die Erschöpfungs-Frage des BASDAI-Fragebogens (DVMB-Schriftenreihe Heft 13) als das am besten geeignete Erschöpfungs-Maß in der täglichen Praxis.

Obwohl mehr als die Hälfte der Morbus-Bechterew-Patienten Erschöpfung als eines ihrer Hauptsymptome angeben, ist wenig darüber bekannt, womit die­ses Symptom zusammenhängt. Niederländische Forscher haben 2002 einen Zusammenhang mit der Krankheitsaktivität, mit der Behinderung und mit dem allgemeinen körperlichen und seelischen Gesundheitszustand festgestellt. Englische Forscher stellten schon 1996 fest, dass die Erschöpfung umso ausgeprägter ist, je ausgeprägter die Schmerzen, die Steifigkeit und die Behinderung sind.

Studie zur Erschöpfung bei Morbus Bechterew

Wir führten eine Studie durch, mit der wir klären wollten, (a) wie häufig und wie vielschichtig die Erschöpfung bei Morbus-Bechterew-Patienten ist, und (b) ob es eine Abhängigkeit vom Alter, vom Geschlecht und von der Krankheitsdauer, von krankheitsspezifischen Variablen (Schmerzen, Morgensteifigkeit, Krankheitsaktivität und Behinderung) und von anderen Einflüssen (Depression, Schlafstörungen) gibt.

62 Morbus-Bechterew-Patienten, die unsere Klinik aufsuchten, wurden in die Studie eingeschlossen. Die Patienten wurden gründlich untersucht, um andere Krankheiten auszuschließen, die ebenfalls zur Müdigkeit beitragen könnten. Patienten mit Fibromyalgie, bösartigen und anderen chronischen Erkrankungen wurden von der Studie ausgeschlossen.
Die Patienten füllten den BASDAI-Fragebogen (zur Ermittelung der Krankheitsaktivität), den BASFI-Fragebogen (Behinderung bei Alltagsverrichtungen) und den BAS-G-Fragebogen (allgemeines Wohlbefinden) aus. Es wurden Beweglichkeitsmessungen vorgenommen, um den BASMI (DVMB-Schriftenreihe Heft 13) zu ermitteln. Die Erschöpfung wurde mit Hilfe der entsprechenden BASDAI-Frage und mit der Kurzform des Multidimensional Fatigue Symptom Inventory (MFSI) mit seinen 30 Fragen erfragt. Aus den Antworten wurden auch die Teilaspekte körperliche Erschöpfung, emotionale (seelische) Erschöpfung, mentale (geistige) Erschöpfung und die Antriebsstärke ermittelt. Schlafstörungen wurden mit Hilfe des Pittsburgh Sleep Quality Index (PSQI) erfragt und Depressionen mit Hilfe der Zung Self-Rating Depression Scale (ZDS).

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