Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 123 (Dezember 2010)

Was für die Knochen gut sein kann, ist nicht unbedingt gut fürs Herz

Neubewertung der zusätzlichen Einnahme von Kalzium-Präparaten als Nahrungsergänzung

von Dr. med. Gudrun Lind-Albrecht, Düsseldorf, und Prof. Dr. rer. nat. Ernst Feldtkeller, München

Über die Osteoporose (verringerte Knochendichte mit der erhöhten Gefahr von Knochenbrüchen) als Begleiterkrankung beim Morbus Bechterew war in dieser Zeitschrift schon oft zu lesen (MBJ Nr. 97 S. 14–18, Nr. 108 S. 47–48, Nr. 110 S. 21–24, Nr. 111 S. 26–28). Neben Sport und knochenaufbaufördernder Beanspruchung und Bewegung sind im Kampf gegen die Osteoporose eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D (MBJ Nr. 121 S. 16–22, Nr. 122 S. 49) und eine kalziumreiche Ernährung wichtig (MBJ Nr. 111 S. 26–28). Viele Menschen neigen heutzutage dazu, Nachlässigkeiten in der Ernährung durch sogenannte Nahrungsergänzungsmittel auszugleichen. Jeder Supermarkt bietet eine ganze Palette an Kalziumtabletten zum Auflösen oder Kauen an – was liegt näher, als sich hiermit vorsorglich gegen die drohende Volkskrankheit Osteoporose zu wappnen? Patienten mit bereits festgestellter Osteoporose erhalten vom Arzt eine zusätzliche Verordnung oder zumindest Empfehlung von Kalzium-Präparaten – oft genug ohne dass zuvor nach den Nahrungsgewohnheiten und der damit verbundenen täglichen Aufnahme von Kalzium gefragt wird.

Die Schattenseite der Nahrungsergänzung

Mit Kalzium als Nahrungsergänzungsmittel wurde bisher allzu gerne nach dem Motto „Viel hilft viel“ umgegangen. Hier hat inzwischen ein Paradigmenwandel stattgefunden: Zum Einen wissen wir inzwischen, dass es nutzlos ist, eine maximale Kalziumversorgung anzustreben, wenn der Vitamin-D-Spiegel im Körper zu niedrig ist. Zum andern aber gibt es neue Ergebnisse, die zeigen, dass eine zusätzliche Kalziumeinnahme über Kau- oder Brause-Tabletten Gefahren für das Herz-Kreislauf-System birgt. Kalzium wird nicht nur in den Knochen eingebaut, sondern auch in den Arterienwänden eingelagert und kann dort zur Arteriosklerose (Arterienverengung, volkstümlich Arterienverkalkung) und im schlimmsten Fall zu einem Herzinfarkt oder Schlaganfall führen.

Auswertung von 15 Studien mit insgesamt 20.000 Teilnehmern

 Schon vor mehreren Jahren waren Forscher aus Neuseeland unter Leitung von Mark BOLLAND erstmals auf die Tatsache eines erhöhten Risikos für Herzinfarkte und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen gestoßen, die reichlich Kalzium-Präparate einnahmen.
Nun hat ein Forscherteam in Neuseeland und Schottland, wieder unter der Federführung von Mark BOLLAND, eine umfangreiche Übersicht und Analyse von Studien zu diesem Themenbereich durchgeführt. Die Meta-Analyse (sozusagen eine Gesamtschau) wurde im BMJ (Britisch Medical Journal, nicht zu verwechseln mit dem MBJ) veröffentlicht.
Es wurden ausschließlich Studien in die Meta-Analyse aufgenommen, die randomisiert (zufallsverteilt) eine Gabe von mindestens 500 mg Kalzium – zusätzlich zur Ernährung – gegen Placebo (Scheinmedikament) überprüften (teilweise doppelblind placebokontrolliert: weder die Behandler noch die Behandelten wussten, ob es sich um das Verum, – in dem Fall ein Kalziumpräparat – handelte oder um das Scheinmedikament). Die Gruppengröße in den einzelnen Studien betrug mindestens 100 Teilnehmer und das Lebensalter lag bei mindestens 40 Jahren. Frauen und Männer wurden beobachtet und die Beobachtungsdauer musste mindestens 1 Jahr betragen.
Studien, bei denen die Prüfgruppe Kalzium und Vitamin D kombiniert einnahm, konnten nur für die Meta-Analyse akzeptiert werden, wenn die Vergleichsgruppe im Scheinmedikament (Placebo) die gleiche Menge Vitamin D erhielt wie die Prüfgruppe. Man weiß nämlich, dass Vitamin D das Herzrisiko senkt und hätte sonst eine Verzerrung der Studienergebnisse in Kauf genommen.
Von ursprünglich 190 Studien, die sich mit einer Kalzium-Gabe zur Behandlung der Osteoporose oder deren Vorbeugung befassten, kamen 15 Studien in die Meta-Analyse. Bei 5 Studien mit insgesamt 8151 Teilnehmern konnten die Daten zu Ereignissen und Risikofaktoren bzgl. Herz-Kreislauf-System von den einzelnen  Patienten zusammengetragen werden, bei den übrigen 10 Studien mit knapp 12 000 Teilnehmern waren entsprechende Daten nur pro Studie als Gesamtzahl erhältlich.
In einer der Studien wurde zusätzlich zu Kalzium auch Vitamin D gegeben und entsprechend in der Kontrollgruppe nur Vitamin D. In allen andern Studien erhielt die Prüfgruppe ein reines Kalzium-Präparat.
In keiner der Studien galt die Verlaufs-Beobachtung ursprünglich den Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Diese wurden allenfalls in den Studienprotokollen als besondere Ereignisse/Zwischenfälle aufgeführt und mussten für die Meta-Analyse nachträglich bei den Verfassern angefordert werden.
Für die Meta-Analyse wurden in erster Linie die Häufigkeiten von Herzinfarkten, Herzattacken, Schlaganfällen, Hirnblutungen und plötzlichem Herztod in den Studienprotokollen und evtl. in Nachbeobachtungsdaten überprüft, in zweiter Linie aber auch jeder Todesfall von Studienteilnehmern unabhängig von der Todesursache.
Im Durchschnitt waren Daten über Beobachtungszeiten von etwa 3,6 Jahren vorhanden. Knapp 80% der Teilnehmer beider Gruppen waren Frauen. Das durchschnittliche Alter lag bei 75 Jahren. Bei 80% der Studienteilnehmer waren die Risikofaktoren für Herzkreislauferkrankungen schon vor Studienbeginn lückenlos erfasst worden und es gab keinen Unterschied diesbezüglich zwischen Prüfgruppe und Kontrollgruppe (Anteil der Raucher 10-11%, Anteil der Patienten mit hohem Blutdruck 28%, mit Fettstoffwechselstörungen 25%, mit Zuckerkrankheit 7%). Der Vitamin-D-Spiegel war nur in einem kleineren Teil der Studien überprüft worden.

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