Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 150 (September 2017)

Nahrungsmittel-Steckbrief „Superfood“

Von Dr. med. Gudrun Lind-Albrecht, RHIO Düsseldorf, Mitglied der MBJ-Redaktion

Haben Sie es auch schon gehört oder gelesen? Es gibt eine neue Gruppe von Lebensmitteln. Nachdem Fast Food und Junk Food als absolut nicht gesundheitsförderlich in Verruf geraten sind, und Slow Food leider nicht bei jedem ankommt, ist nun Superfood der neue Heilsbringer.
Wer etwas auf sich und seine Gesundheit hält, wer seine Ernährung – und damit seinen Körper – optimieren will, isst oder schlürft heute Superfood.

Ursprung und Verbreitung

Erfunden bzw. erstmals als solches definiert wurde Superfood zu Beginn dieses Jahrhunderts in Kalifornien. In den Folgejahren hat die Idee dann auch bei uns in Mitteleuropa immer mehr Anhänger gefunden.
Zwar steht bei der Kategorisierung als Superfood immer der besondere Reichtum an gesunden Inhaltsstoffen (Vitaminen, sekundären Pflanzenstoffen, Omega-3-Fettsäuren etc.) im Zentrum. Es geht also offenbar um „gesunde Nahrung“.
Aber letzten Endes ist der Marketing-Aspekt nicht von der Hand zu weisen. Mit Superfood wurde und wird von Beginn an sehr viel Geld verdient. Denn zu einem Zeitgeist, der auf Selbstoptimierung setzt, passt „optimierte“ Ernährung im Sinne von Superfood geradezu perfekt.

Definition und Merkmale

In die Kategorie Superfood wurden und werden Nahrungsmittel „aufgenommen“, die besonders vitaminreich, vitalstoffreich, reich an sekundären Pflanzenstoffen, mineralstoffreich oder reich an Omega-3-Fettsäuren sind.
Man muss sich also in Zukunft gar nicht mehr die Mühe machen, nach speziellen Eigenschaften einzelner Nahrungsmittel zu suchen. Es reicht, wenn man einfach weiß: Das ist ein Superfood. Weitere Fragen erübrigen sich, Argumentieren oder Denken ist nicht mehr notwendig,
Damit würden sich in Zukunft die Nahrungsmittelsteckbriefe im MBJ erheblich verkürzen. Unter der Überschrift „Warum ist xyz nun für Morbus-Bechterew-Patienten so nützlich?“ würde ich dann gar nicht mehr die Details aufzählen müssen, sondern einfach schreiben: Es ist halt ein Superfood.
Welche und wie viele Nahrungsmittel zu der Superfood-Gruppe im Einzelnen gezählt werden, das wird unterschiedlich gehandhabt. Eines aber fällt auf: es handelt sich oft um exotische Nahrungsmittel, häufig in pulverisierter oder zumindest getrockneter Form. Diese sollen dann meist roh verzehrt werden.

Eigenschaften und Heilungs-Versprechen

Unter der Kategorie „Superfood“ geführte Nahrungsmittel haben hauptsächlich eine hohe antioxidative Potenz, d.h. sie können z.B. helfen, freie Radikale zu neutralisieren.
Leider können wir bei näherem Hinsehen in der Werbung für Superfood erkennen, dass nicht so sehr die Aufmerksamkeit auf gesunde einheimische, regionale oder saisonale Nahrungsmittel gerichtet ist, sondern stattdessen ganz gezielt Bedarf geweckt und gelenkt wird für Nahrungsmittel, die von weither kommen. Dabei wird verwiesen auf alte Kraft-Quellen der Majas, der Tibeter, der Inder usw.
Superfood wird nicht nur zur Immunstärkung und Vitalitätssteigerung angepriesen, sondern zur Vorbeugung oder gar „Heilung“ fast sämtlicher chronischer Erkrankungen (incl. Alzheimer, Demenz) und Befindlichkeits-Störungen und zur Lösung sämtlicher Probleme (bis hin zur Verbesserung der Spermienqualität …) sowie selbstverständlich als Anti-Aging-Waffe.
Die Belege über Studien – und wenn es nur Laborexperimente oder Tierversuche wären – sind dabei gerade für Superfood aus exotischer Herkunft eher spärlich.

Superfood-Mitglieder

Bei näherem Hinsehen auf die als Superfood kategorisierten Lebensmittel können wir zwar feststellen, dass durchaus einige der bisher im MBJ vorgestellten Nahrungsmittel tatsächlich „dazugehören“: so z.B. Brokkoli, Granatapfel, Sauerkraut, Johannisbeeren, Ingwer und Curcuma.
Zum Superfood im weiteren Sinne zählen – zumindest, wenn man den Beschreibungen von moderaten Autoren und Internetseiten folgt – außerdem eine ganze Reihe von hochwertigen in Europa heimischen Nahrungsmitteln (z.B. grüne Blattgemüse, Wildpflanzen wie Löwenzahn und Brennnessel), Beerenobst, einzelne Gewürz-Kräuter, Mandeln, Kürbiskerne, Shiitake-Pilze, Weizengras, Gerstengras, Dinkelgras, Hanf.
Besonders hervorgehoben und meist an erster Stelle genannt werden aber einige Nahrungsmittel, die eine beträchtliche Reise hinter sich haben oder deren Anbau oder Verarbeitung durchaus einige Fragen aufwirft: Papaya, Gojibeere, Acaibeere, Schisandra-Beere, Camu-Camu, Kokosöl, Avocado, roher Kakao, Chiasamen, Matcha-Pulver, Moringa-Pulver usw.
Gerade die Gojibeere, die Acaibeere und das Moringapulver werden dabei besonders in den Vordergrund gestellt. Die Preislage dieser Superfood-Stars steht dabei oft in keinem rational nachvollziehbaren und vernünftigen Verhältnis zu ihrem tatsächlichen Gesundheitsnutzen, insbesondere wenn wir den Preis mit regionalen und saisonalen vitamin- und vitalstoffreichen Nahrungsmitteln vergleichen.

Problematik einiger Superfood-Mitglieder

Die Spitzenreiter der zum Superfood gehörenden Lebensmittel werden teils unter umweltschädlichen Bedingungen sowie unter sehr hohem Energieverbrauch erzeugt. Ein Beispiel: Für die Erzeugung von 1 kg Avocados sind etwa 1000 Liter Wasser notwendig, für 1 kg Tomaten dagegen 180 Liter. Großbauern im Avocado-Anbau entziehen daher teilweise den Kleinbauern den Zugang zum Wasser, welches diese für ihre Felder zur Selbstversorgung benötigen.
Fleißige Avocadoesser können also durchaus mit dazu beitragen, dass gewachsene gesellschaftliche Strukturen zerstört werden.   
Die Spitzenreiter von Superfood werden oft genug aus fernen Ländern ganzjährig hierher gebracht – und kaum einer denkt über den damit verbundenen ökologischen Unsinn nach.
Ein weiteres Problem ist die Belastung diverser Superfoods mit Schwermetallen und Pestiziden, Mineralöl-Rückständen, mit krebserregenden Substanzen und mit Keimen wie z.B. Schimmelpilzen.
Bei exotischem Superfood hilft auch die Bezeichnung als „Bio“ oft nicht weiter. Auch in Bio-Produkten von Chiasamen ließen sich (laut Ökotest 4/2016) sehr hohe Pestizidbelastungen nachweisen, bei Gojibeeren fanden sich teils Mineralöl-Rückstände und Blei. Proben von Roh-Kakao-Pulver waren mit Cadmium, Mineralölen und Schimmelpilzgiften belastet. Und in Moringa-Pulver waren neben Blei und Mineralölen ebenfalls Pestizide erhöht und darüber hinaus eine Keimbelastung nachweisbar.
Auch laut dem kürzlich veröffentlichten 15. Ökomonitoring-Bericht des Landes Baden-Württemberg 2017 wurde in Proben von Moringa-Pulver eine zu hohe Pestizid-Belastung festgestellt, genauso aber auch in einzelnen Proben von Gerstengras und Weizengras.
Abgesehen von den möglichen Gesundheitsgefahren für die Superfood-Konsumenten selbst sollten diese ggf. auch nachdenken über die möglichen Gesundheitsgefahren, denen sich die Landarbeiter und Erntehelfer in den betreffenden fernen Ländern aussetzen, wenn z.B. ohne Atemschutzmasken großzügig mit Pflanzenschutzmitteln „behandelt“ wird.
Ebenfalls oft nicht bedacht wird der Vitaminverlust durch die Verarbeitung (Trocknung, Pulverisierung) und durch die langen Lieferwege der Produkte. Nehmen wir z.B. die Gojibeere – der übrigens oft der Mythos angehängt wird, sie komme aus Tibet, was sich verkaufstechnisch wohl besser anhört als die Wahrheit: sie kommt aus deutlich tiefer gelegenen Provinzen Chinas, denn im tibetischen Hochland wächst sie nicht. Die Gojibeere durchläuft zunächst das Trocknungsverfahren, was bereits Vitamin-C-Verluste mit sich bringen muss, und dann tritt sie die Reise über Tausende von Kilometern an. In dem Zustand, in dem sie beim Verbraucher im Müsli landet, können unsere heimischen Beeren bzgl. Vitamin-C-Gehalt und Gehalt an sekundären Pflanzenstoffen sicher mit ihr konkurrieren: frische regional geerntete Erdbeeren, Himbeeren, Johannisbeeren (im besten Fall sogar aus dem eigenen Garten), Heidelbeeren, Preiselbeeren oder Sanddorn (von der Nordseeküste) brauchen den Vergleich sicher nicht zu scheuen.
(Übrigens: Gerade Gojibeeren können vielfältige Wechselwirkungen mit Medikamenten haben, zu Blutungen führen bei Menschen, die Gerinnungshemmer einnehmen.)

Der Trugschluss

Die Superfood-Branche weckt geradezu unrealistische Heilserwartungen: Mit dem einfachen Zusammenschütten von getrockneten und pulverisierten einzelnen Nahrungsmitteln ins Müsli oder in den Smoothie am Morgen sollen alle Schwachpunkte im Lebensstil (Stress, Hektik, Bewegungsmangel, Rauchen etc.) ausgeglichen und alle Mühen, die man sonst mit der Nahrungsauswahl oder -zubereitung hätte, erspart werden.
Es geht um den Wunsch bzw. das Versprechen, eine einfache Lösung für ein komplexes Problem zu haben, fast so, als gäbe es eine Wunderdroge. Hierin liegt aber der große Trugschluss: keine hochkonzentrierte Dichte von Vitalstoffen in einer Mahlzeit oder einem Drink kann das leisten, was ein insgesamt gesunder Lebensstil leisten kann.
Und wenn in dieser hochkonzentrierten Mahlzeit die Dichte der Rückstände von Pestiziden oder Mineralölen o.ä. besonders hoch ist, dann wird auf längere Sicht das Gegenteil von dem erreicht, was erwünscht war.

Résumé

Folgen Sie nicht kritiklos den einfach formulierten Heilsbotschaften der Superfood-Anpreiser. Bleiben Sie kritisch! Und bleiben Sie auf der Spur wirklich gesunder Ernährung. Wenn Sie, wo immer es geht, auf die Regel „regional und saisonal“ achten und auf nicht allzu stark weiterverarbeitete Lebensmittel; wenn Sie gründlich kauen anstatt alles in den Smoothie-Mixer zu werfen und nachher zu schlürfen; wenn Sie dem Gedanken der vitaminreichen, vitalstoffreichen, mineralstoffreichen und Omega-3-Fettsäurereichen und „dennoch“ schadstoffarmen und ökologisch sinnvollen Ernährungsweise weiter folgen und dies in einen umfassend gesunden Lebensstil einbauen, dann profitierten Sie selbst (und nicht der Superfood-Vermarkter) langfristig sicher am meisten.

Anschrift der Verfasserin: RHIO (Rheumatologie, Immunologie, Osteologie) Fürstenwall 99, 40217 Düsseldorf

Auch die DVMB ist „super“!
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