Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 150 (September 2017)

Axiale Spondyloarthritis: Ursachen, Diagnostik und Verlaufs-Vorhersage

in den Rheumatologie-Zeitschriften 2016/17

von Prof. Dr. med. Andreas Krause, Berlin

Erblichkeit der Veranlagung

Die Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew) und andere Erkrankungen aus der Gruppe der Spondyloarthritiden (entzündlichen Wirbelsäulenkrankheiten, abgekürzt SpA) entstehen auf dem Boden einer komplexen erblichen Veranlagung. Insgesamt wird die Erblichkeit des Morbus Bechterew mit über 90 % eingeschätzt. Verwandte 1. Grades von SpA-Patienten haben ein 40-fach erhöhtes Risiko, ebenfalls an einer SpA zu erkranken. Dabei spielt das HLA-B27 die größte Rolle, ist aber nur bei etwa 90% der Morbus-Bechterew-Patienten bzw. durchschnittlich 75% der SpA-Patienten nachweisbar. Andererseits erkranken nur etwa 5% aller HLA-B27-positiven Menschen an einer SpA, was den großen Einfluss zahlreicher anderer Gene belegt.
Ein Risiko-Modell, basierend auf Daten von SpA-Familien, geht von einer oligogenetischen (auf wenigen Erbfaktoren beruhenden) Vererbung aus, an der neben dem HLA-B27 weitere drei bis neun Gene beteiligt sind.
Kommentar: Solche genetischen Untersuchungen können einen potentiellen Nutzen haben, indem sie zusammen mit anderen Einflussgrößen erlauben, ein potentielles Krankheitsrisiko abzuschätzen, und Hinweise auf neue therapeutische Zielstrukturen geben können.

Einfluss des Mikrobioms

Die Entstehung einer Spondyloarthritis hat neben der genetischen eine starke umweltbedingte Komponente. Dazu gehören insbesondere bakterielle Infektionen und die Zusammensetzung des Darm-Mikrobioms (Darmflora).
Während bei der reaktiven Arthritis bakterielle Infektionen des Magen-Darm-Trakts oder des Urogenitaltrakts als Ursache nachgewiesen wurden, gelang dies bei anderen Spondyloarthritiden und insbesondere beim Morbus Bechterew trotz zahlreicher Versuche nicht. Auch die neueste Studie von HERMANSEN u.a. (Scandinavian Journal of Rheumatology 2017; 46: 296–302) zu dieser Thematik konnte, nach Untersuchung von 96 Patienten mit einer axialen Spondyloarthritis1, 38 Patienten mit Hinweis auf eine Sakroiliitis (Kreuzdarmgelenk-Entzündung) im Magnetresonanzbild oder positivem HLA-B27, aber ohne weitere Hinweise auf eine Spondyloarthritis und 82 Patienten mit unspezifischen Rückenschmerzen keine Unterschiede im Antikörperprofil gegen Klebsiella pneumoniae2 finden und somit keine Hinweise auf eine der axialen SpA ursächlich zugrunde liegende Klebsiellen-Infektion.
Während bisher also keine bestimmten Darm-Bakterien als Morbus-Bechterew-Auslöser gefunden werden konnten, wiesen zahlreiche Studien der letzten Jahre Veränderungen in der Zusammensetzung des Darm-Mikrobioms nach.
Der menschliche Darm beherbergt mehr als 1.000 Bakterienarten. In einer wegweisenden Studie über Veränderungen des Darm-Mikrobioms bei Morbus Bechterew, deren Ergebnisse 2015 von COSTELLO u.a. (Arthritis & Rheumatology 2015; 67 S. 686–691) veröffentlicht wurden, wurde in Darm-Gewebeproben von Morbus-Bechterew-Patienten eine andere Bakterien-Vielfalt gefunden als bei gesunden Vergleichspersonen. Es gibt also ein für Morbus Bechterew charakteristisches Mikrobiom, d. h. eine mikrobielle Signatur aus bestimmten Bakterienarten. Interessanterweise kommen einige dieser Bakterienarten auch bei Colitis ulcerosa und Morbus Crohn (zwei für eine Spondyloarthritis typischen entzündlichen Darmkrankheiten) gehäuft vor.
Kommentar: Bei Patienten mit Morbus Bechterew lassen sich charakteristische Veränderungen in der Zusammensetzung des Darm-Mikrobioms nachweisen. Ob diese Veränderungen Folge der genetischen Prägung der Patienten sind oder Mitursache der Erkrankung, und wie genau das Zusammenspiel von Genetik und Mikrobiom zum Ausbruch der Erkrankung führt, ist im Einzelnen noch nicht geklärt.
Häufig diskutierte Hypothesen gehen von einer durch die Veränderung der Darmflora induzierten chronischen, oft beschwerdefreien Entzündung der Darmschleimhaut aus, die u. a. zu einer Störung der Barriere-Funktion der Darmwand führt. Hierdurch können Erreger in die Darmwand eindringen und Immunzellen aktivieren. Die entzündliche Reaktion der Darmschleimhaut führt u. a. zur Bildung des entzündungsfördernden Zytokins (Botenstoffs) Interleukin-23 mit nachfolgender Aktivierung des angeborenen Immunsystems.

1) axiale Spondyloarthritis (bei der die Wirbelsäulenbeschwerden im Vordergrund stehen, abgekürzt axSpA) = Morbus Bechterew oder nicht-röntgenologische axiale Spondyloarthritis, siehe MBJ Nr. 106 S. 5–8, Nr. 117 S. 4–6 und S. 39–40, Nr. 123 S. 5, Nr. 129 S. 36–37, Nr. 132 S. 5–6, Nr. 139 S. 23, Nr. 140 S. 6–8
2) Über eine Diät gehen Klebsiella als vermutete Morbus-Bechterew-Ursache berichteten wir in MBJ Nr. 132 S. 53

Wollen Sie weiterlesen? Als Mitglied der ehrenamtlich geführten Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew bekommen Sie regelmäßig unsere Zeitschrift mit vielen wichtigen Beiträgen zum Morbus Bechterew zugeschickt. Gleichzeitig unterstützen Sie die Interessenvertretung der Morbus-Bechterew-Patienten.
Zwei von vielen Gründen, möglichst bald Mitglied der DVMB zu werden!