Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 152 (März 2018)

Erhöhtes Risiko für psychische Störungen bei Morbus Bechterew

Von Dr. Cheng-Che Shen, Dr. Li-Yu Hu, Dr. Albert C. Yang, Dr. Benjamin Ing-Tiau Kuo, Dr. Yung-Yen Chiang und Dr. Shih-Jen Tsai von der Yang-Ming-Universität und der Chung-Chen-Universität in Taipeh, Taiwan

Zusätzlich zu den Rückenschmerzen und der Versteifung, die für die Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew) charakteristisch sind, kann die Krankheit mit Regenbogenhautentzündungen, Schuppenflechte oder einer chronisch-entzündlichen Darmkrankheit verknüpft sein. Wie andere chronische Krankheiten, kann die Spondylitis ankylosans aber auch zu psychischen Störungen wie Depressionen, Angst- und Schlafstörungen führen.
1993 berichtete Julie BARLOW1, dass etwa ein Drittel aller Morbus-Bechterew-Patienten in hohem Maße an depressiven Störungen leiden und dass weibliche Patienten häufiger davon betroffen sind als männliche Patienten. Sie berichtete auch, dass Schmerzen dafür ausschlaggebend sind, und zwar bei Frauen stärker als bei Männern.
Auch bei einer landesweiten Studie über Begleiterkrankungen zur Spondylitis ankylosans in Taiwan, die in erster Linie auf Diabetes abzielte, stellte sich heraus, dass Morbus-Bechterew-Patienten häufiger als Gesunde Gemütskrankheiten einschließlich Depressionen und Psychosen haben.
Depressionen als Begleitkrankheit können zu eingeschränkter Erwerbsfähigkeit, Arbeitslosigkeit, gestörten Sexualbeziehungen, Müdigkeit und insgesamt zu einer verminderten Lebensqualität führen.
In einer schwedischen Studie waren Angststörungen bei Morbus-Bechterew-Patienten besonders häufig. In einer türkischen Studie hatten die Morbus-Bechterew-Patienten eine viel schlechtere Schlafqualität als Gesunde. Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch eine in China durchgeführte Studie.

Neue Studie über psychische Störungen bei Morbus Bechterew

Leider handelt es sich meist um Studien mit einer kleinen Teilnehmerzahl, und die Störungen wurden durch Fragebögen erfasst, nicht durch die Diagnose eines Psychologen. Wir führten deshalb eine umfangreiche landesweite Studie an Hand der Datenbank der staatlichen Krankenversicherung in Taiwan speziell mit dem Ziel durch, eine mögliche Verknüpfung von Spondylitis ankylosans und psychischen Störungen zu erfassen.

Studienergebnisse

In unserer Studie verglichen wir 2331 Patienten, die zwischen 2000 und 2008 die Diagnose Spondylitis ankylosans erhalten hatten, mit 9324 gesunden Vergleichspersonen. Das Alter der meisten Patienten lag zwischen 20 und 39 Jahren. Das mittlere Alter betrug 36 Jahre und die mittlere Beobachtungsdauer 6 Jahre. Alle Patienten und Vergleichspersonen wurden bis Ende 2009 solange beobachtet, bis bei ihnen entweder eine psychische Störung diagnostiziert wurde oder sie durch Tod oder Austritt aus dem staatlichen Gesundheitssystem herausfielen.
Während der Beobachtungsdauer wurde bei 8% der Morbus-Bechterew-Patienten und bei 5% der Vergleichspersonen eine psychische Störung diagnostiziert. Am häufigsten handelte es sich um

  • depressive Störungen (3,1%),
  • Angststörungen (2,7%) oder
  • (psychische) Schlafstörungen (1,7%).

Eine statistische Analyse ergab, dass Morbus-Bechterew-Patienten einem signifikant höheren Risiko als Gesunde unterliegen, eine Depression, eine Angst- oder eine Schlafstörung zu erleiden, während das Risiko für eine Schizophrenie2 nicht erhöht ist. Allerdings suchen Morbus-Bechterew-Patienten häufiger als Gesunde ambulant einen Arzt auf, so dass dadurch auch die Wahrscheinlichkeit, dass eine psychische Störung aktenkundig wird, höher ist als bei Gesunden.
Die psychischen Störungen treten nicht nur im ersten Jahr nach der Diagnose Spondylitis ankylosans gehäuft auf, sondern entwickeln sich oftmals erst im Laufe vieler Jahre nach der Diagnose. Die krankheitsbedingte Erhöhung des Risikos, eine psychische Störung zu entwickeln, hängt nicht vom Alter, vom Geschlecht oder von evtl. vorhandenen Begleiterkrankungen ab.

Mögliche Erklärungen

Es gibt mehrere Erklärungsmöglichkeiten für das erhöhte Risiko depressiver Störungen bei Morbus Bechterew:

  1. Die Depressionen mögen auf dem psychischen Stress beruhen, der mit der Krankheit verbunden ist, vor allem bei hoher Krankheitsaktivität und abnehmender Arbeitsfähigkeit.
  2. Der Morbus Bechterew ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung unbekannter Ursache. Möglicherweise trägt die systemische (den ganzen Körper betreffende) Entzündung auch zur Depression bei.
  3. Der Morbus Bechterew ist eine komplexe Krankheit, zu der sowohl genetische als auch Umwelt-Einflüsse beitragen. Möglicherweise erhöhen dieselben genetischen Faktoren auch das Risiko für Depressionen.

Auch zu den vermehrten Angststörungen mögen die Entzündungsprozesse – neben Zukunftsängsten – durch ihren Einfluss auf das zentrale Nervensystem beitragen.
Schlafstörungen werden von Morbus-Bechterew-Patienten oft erwähnt, mit nächtlichem Aufwachen wegen der Entzündungsschmerzen. In einer marokkanischen Studie berichteten zwei Drittel aller Morbus-Bechterew-Patienten über Schlafstörungen. In unserer Studie wurden nur bei 1,7% der Patienten psychische Schlafstörungen festgestellt. Der Unterschied beruht auf den ganz unterschiedlichen Beurteilungsmethoden.
Unsere Untersuchungsergebnisse mögen dazu beitragen, seelische Störungen bei Morbus-Bechterew-Patienten und ihre Ursachen besser zu verstehen und zu behandeln. Die Störungen beeinträchtigen in hohem Maße die Lebensqualität der Patienten, sind aber ebenso wie körperliche Folgen der Krankheit durchaus behandelbar.

1) Bechterew-Brief Nr. 48 S. 10–14
2) eine schwere psychische Erkrankung mit vielgestaltigem Erscheinungsbild

Anschrift des letztgenannten Verfassers:
Department of Psychiatry, Taipei Veterans General Hospital
No. 201, Shih-Pai Road, Sec. 2, 11217 Taipeh, Taiwan
Quelle:
Gekürzte patientengemäße Überarbeitung eines
in der Zeitschrift Journal of Rheumatology
Band 43 (2016) S. 625–631 erschienenen Artikels
(dort mit ausführlichem Literaturverzeichnis)