Cannabis gegen Morbus-Bechterew-Schmerzen?

Patientengemäßer Bericht über die Veröffentlichung „Le cannabis dans les douleurs musculosquelettiques et articulaires : des preuves sont nécessaires” von Serge PERROT und Anne-Priscille TROUVIN aus Paris, erschienen in Revue du Rhumatisme Band 86 (2019) S. 215-218 und in englischer Sprache in Joint Bone Spine Band 86 (2019) S. 1–3

 

Cannabis ist der botanische (lateinische) Name für Hanf. Hanf  zählt zu den ältesten Nutz- und Zierpflanzen der Erde. Aus den Fasern der Stängel können Seile hergestellt werden, aus den Samen Speiseöl und aus getrockneten Blättern, Blüten und Blütenständen der Pflanze Haschisch und Marihuana. Neben seiner Rolle als wichtiger nachwachsender Rohstoff für die Textilindustrie und Bauwirtschaft wird Hanf sowohl als Rauschmittel wie auch als Arzneimittel verwendet.
In einem Editorial in der in Frankreich erscheinenden Zeitschrift Revue du Rhumatism befassten sich Professor Serge PERROT und Dr. Anne-Priscille TROUVIN mit der Frage, wie weit man aus Cannabis hergestellte Medikamente zur Behandlung rheumatischer Schmerzen empfehlen kann. Die altertümlichen Medikamente werden neuerdings in mehr und mehr Ländern als Schmerzmittel legalisiert. Die wichtige Frage lautet, ob es Forschungsergebnisse gibt, die den Gebrauch von Cannabis und Cannabinoiden bei rheumatischen Krankheiten rechtfertigen.

Legalisierung von Cannabis und Cannabinoiden in europäischen Staaten

Das zunehmende Interesse von Patienten an medizinischen Cannabis-Produkten wurde initiiert durch den Ruf nach Legalisierung von Marihuana für Freizeit- und medizinische Zwecke, vor allem in Europa und Nordamerika. Einige europäische Regierungen haben Cannabis für den medizinischen Gebrauch bei einer Reihe von Indikationen freigegeben, hauptsächlich zur Behandlung chronischer Schmerzen. Zwischen den europäischen Staaten gibt es große Unterschiede in der Zulassung von Cannabis und Cannabinoiden als Schmerzmittel, in der Palliativversorgung Sterbenskranker und auch in der Kostenübernahme durch Krankenversicherungen. Diese Unterschiede beruhen auf politischen Entscheidungen und keineswegs auf wissenschaftlichen Forschungsergebnissen.

Von Cannabis zu Cannabinoiden: präzise Wortwahl ist wichtig

Das Goldene Zeitalter der Cannabis-Pharmakologie begann in den 1960ern, als Raphael MECHOULAM und seine Kollegen in Israel die Substanzen Cannabidiol (CBD), Tetrahydrocannabinol (THC) und andere Cannabis-Bestandteile isolierten und synthetisierten. Inzwischen wird der Ausdruck „Cannabis“ für ganz verschiedene Substanzen benutzt: für illegale Straßen-Drogen und für therapeutisch verschriebene Medikamente. „Cannabis“ ist eine Freizeit-Droge. In der Medizin unterscheidet man „Phytocannabinoide“ (von der Pflanze abgeleitete Cannabinoide), synthetische Cannabinoide und „Endocannabinoide“ (die das körpereigene Cannabinoid-System modulieren). Die sprachliche Konfusion wird noch dadurch erhöht, dass Cannabidiol-haltige Öle (sogenannte „Cannabis-Öle“) als Nahrungsergänzungsmittel angepriesen werden.

Welche Substanz-Gruppen dabei zu unterscheiden sind, ist in der Tabelle 1 zusammengestellt. Der Ausdruck „pflanzlicher Cannabis“ sollte nur für die Pflanze und Pflanzenmaterial (Blüten, Marihuana, Haschisch, Knospen, Blätter oder Pflanzen-Extrakte) verwendet werden, der Ausdruck „medizinischer Cannabis“ (oder „medizinisches Marihuana“) nur für die ganze unverarbeitete Pflanze oder ihre Extrakte für medizinische Zwecke. Medizinischer Cannabis ist klar zu unterscheiden von Cannabinoiden, die entweder synthetische, halb-synthetische oder von der Pflanze abgeleitete chemische Einfach-Verbindungen sind wie z.B. Tetrahydrocannabinol oder Cannabidiol. Nabilon ist vollständig synthetisch hergestelltes THC und Dronabinol ein von der Pflanze abgeleitetes halb-synthetisches THC. Auch medizinische Cannabis-Extrakte mit bestimmtem THC- oder THC/CBD-Gehalt wie z.B. Nabiximol sollten als Cannabis-basierte Medikamente bezeichnet werden.

 

Tabelle 1: Cannabis-Terminologie und Produktgruppen

 

 

Bezeichnung

Definition

Produkte

 

 

Pflanzlicher Cannabis

Die ganze Pflanze oder Pflanzenteile oder Pflanzenmaterial (z.B. Knospen, Harz, Blätter), das mehr als 100 unterschiedliche Cannabinoid-Verbindungen enthält

Cannabis sativa (botanischer Name für den gewöhnlichen Hanf), Haschisch, Marihuana, ...

 

 

Medizinischer Cannabis

Gebrauch der ganzen unverarbeiteten Marihuana-Pflanze oder seiner Extrakte für medizinische Zwecke

Medizinisches Marihuana

 

 

Cannabinoide

Synthetische oder aus Pflanzenmaterial hergestellte chemische Verbindungen, die sich an Cannabinoid-Rezeptoren binden oder diese aktivieren

Tetrahydrocannabinol (THC),
Cannabidiol (CBD),
Cannabis-Öle

 

 

Auf Cannabis basierende oder von
Cannabis abgeleitete Medikamente

Verbindungen, die in der Cannabis-Pflan­ze gefunden werden oder aus Pflanzenmaterial extrahiert und für den medizinische Gebrauch registriert werden

Dronabinol: pflanzliches oder synthetisches THC
Nabilon:  synthetisches THC
Nabiximol: THC/CBD
Epidiolex: synthetisches CBD

 

 

Endocannabinoid

körpereigene Substanz, die auf
Cannabinoid-Rezeptoren einwirkt

Anandamid, 2-AG

 

 

Cannabinoid-Rezeptor-Agonist (Aktivierer) oder ‑Antagonist (‑Gegenspieler)

Selektiver synthetischer Cannabinoid-Rezeptor-Agonist oder ‑Antagonist

Rimonabant: CB1-Rezeptor-Antagonist

 

 

FAAH-Hemmer

Medikamente, die das Enzym Fettsäure-Amid-Hydrolase (FAAH) hemmen und die Konzentration körpereigener Cannabinoide einschließlich Anandamid steigern

PF-3845, URB597, BIA 10-2474

 

 

 

 

 

 

 

 

Cannabis-basierte Medikamente: der neue „heilige Gral“ im 21. Jahrhundert für zahlreiche Krankheiten?

Cannabis wird zuweilen empfohlen zur Linderung von Schmerzen und Krämpfen, aber auch gegen Schlafprobleme, Übelkeit, Brechreiz und zur Verbesserung der Lebensqualität bei chronischen Krankheiten. Gegenwärtig wird in allen medizinischen Fachrichtungen über Cannabis diskutiert, vor allem in der Neurologie (Nervenkunde), Gastroenterologie (Magen-Darm-Heilkunde), Nephrologie (Nierenkunde) und in der Onkologie (Krebskunde).
Cannabis und davon abgeleitete Medikamente haben möglicherweise „Anti-Krebs“-Eigenschaften, vermindern Chemotherapie-bedingte Übelkeit und Erbrechen, bessern Epilepsie und Bluthochdruck und spielen eine bedeutende Rolle in der Psychiatrie und bei Nervenkrankheiten. Zur Zeit laufen Studien zur Multiplen Sklerose, Appetitlosigkeit, Epilepsie, zum Grünen Star, Schizophrenie, Herz-Kreislauf-Erkran¬kungen, Krebs, Fettleibigkeit, Stoffwechsel-Krankheiten, Parkinson-Krankheit, Huntington-Krankheit, Alzheimer-Krankheit und zum Tourette-Syndrom, mit Medikamenten, die das körpereigene Cannabinoid-System modulieren. Cannabinoid-Rezeptor-Gegenspieler wie Nabilon und Dronabinol werden eingesetzt, um Chemotherapie-bedingtes Erbrechen zu verringern. Sativex (eine Kombination aus Cannabidiol und THC) ist in Großbritannien, Spanien und Neuseeland zugelassen, um Krämpfe bei der Multiplen Sklerose zu behandeln. In den USA laufen Untersuchungen zum Einsatz bei Krebs-bedingten Schmerzen und zum Einsatz Cannabidiol gegen Krampfanfälle bei Kindern. Rimonabant (ein Cannabinoid-Rezeptor-Gegenspieler) erwies sich in Studien als vielversprechend gegen Fettsucht, hatte aber psychiatrische Nebenwirkungen und wurde deshalb in Europa aufgegeben.

Cannabinoide als neue Schmerzmittel bei allen schmerzhaften Krankheiten?

In der Palliativ-Versorgung werden Cannabinoide als zusätzliche Therapie gegen durch Krebs bedingte Schmerzen bei Sterbenskranken erwogen, bei denen Opioide und andere Schmerzmittel nicht ausreichen. Es gibt auch Hinweise, dass Cannabis-Medikamente (außer Dronabinol oder Nabilon) gegen chronische neurologisch bedingte Schmerzen helfen könnten. Insgesamt gibt es aber keine ausreichende Evidenz zum Einsatz eines bestimmten Cannabis-basierten Medikaments zur Schmerzlinderung.

Cannabis-basierte Medikamente bei rheumatischen Krankheiten

Bei rheumatischen Krankheiten sind klassische Schmerzmittel oft nicht ausreichend wirksam. Auf Cannabis basierende Medikamente stellen deshalb für diese Krankheiten eine neue und interessante therapeutische Option dar, zumal diese Medikamente nicht nur eine schmerzlindernde, sondern vermutlich auch eine entzündungshemmende Wirkung besitzen, denn die Cannabinoid-Rezeptoren sind auch an Entzündungsprozessen beteiligt.
Zur Wirksamkeit von pflanzlichem Cannabis bei rheumatischen Krankheiten gibt es keine wissenschaftlichen Studien. An Studien in der Allgemeinbevölkerung nahmen jedoch auch Rheuma-Patienten teil, und die Mehrzahl dieser Patienten empfand pflanzlichen Cannabis als therapeutisch wirksam. Schlüsse über die Wirksamkeit und Sicherheit von pflanzlichem Cannabis können daraus jedoch nicht gezogen werden, obwohl das Sicherheitsprofil relativ gut zu sein scheint.

Schlussfolgerungen

In Anbetracht der beträchtlichen Schwächen vorhandener Studienergebnisse ist es gegenwärtig nicht möglich, Cannabis und darauf basierende Medikamente als Therapie bei  
rheumatischen Krankheiten zu empfehlen. Umfangreichere Studien sind nötig, um Nutzen und Risiken dieser Substanzen bei rheumatischen Krankheiten gegeneinander abzuwägen. Es ist offensichtlich, dass es für rheumatische Krankheiten zu wenige wirksame Schmerzmittel gibt, da alle klassischen Schmerzmittel mit erheblichen Risiken verbunden sind. Neue pharmakologische Entwicklungen einschließlich solcher, die auf Cannabis basieren, können hilfreich sein und sollten nicht auf Grund von Vorurteilen von vornherein ausgeschlossen werden. Es ist wichtig, in der Forschung zwischen Freizeit-Drogen und medizinischen Anwendungen zu unterscheiden. Die Debatte ist offen, die Forschung steht erst am Anfang, die Patienten-Bedürfnisse sind ernst zu nehmen, aber die Lehre aus der „Opioid-Epidemie“ in den USA muss berücksichtigt werden, um eine Cannabis-Krise zu vermeiden.

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Abbildung Hanf
Hanf (Cannabis sativa) in einem Botanik-Buch des Jahres 1885