Eine neue Begleiterkrankung bei Morbus-Bechterew-Patientinnen: Vorfall der Beckenorgane

Von Dr. Mehmet Çağlayan, Dr. Pelin Oktayoğlu, Dr. Elif Ağaçayak, Dr. Abdullah Zübeyir Daglı und
Dr. Mehmet Okçu, Dicle-Universität in Diyarbakir, sowie Dr. Kemal Nas, Universität Sakarya, Türkei.

Bei Frauen ist ein Vorfall der Beckenorgane (Harnblase, Gebärmutter, Enddarm) eine relativ häufige Krankheit, die darin besteht, dass sich diese Organe Richtung Scheide verschieben. Die Ursache ist ein Versagen der Muskeln und Bänder im Becken auf Grund von genetischen, Fortpflanzungs- und Lebensstil-Faktoren und einer Bindegewebs-Alterung. Ein erhöhter Bauch-Innendruck, hervorgerufen durch eine chronische Lungenkrankheit, durch Husten oder Bauchpressen bei Verstopfung, kann zu dieser Verschiebung führen. Zu den Risikofaktoren gehören auch Entbindungen, Bindegewebserkrankungen, Blasenschwäche, Operationen im Beckenraum und Rauchen.
Rückenschmerzen und Bauchmuskelschwäche veranlassen Morbus-Bechterew-Patienten häufig, bei der Darm-Entleerung mit angehaltenem Atem zu pressen, was ebenfalls zu einem erhöhten Bauch-Innendruck führt.
Nach unserem Wissen ist noch nie untersucht worden, wie häufig bei Morbus-Bechterew-Patientinnen eine Zystozele (Blasenvorfall)1, eine Rektozele (Aussackung des Enddarms)2 und eine Gebärmuttersenkung ist. Wir haben eine Studie zu diesem Thema durchgeführt.

Studie zur Häufigkeit bei Morbus-Bechterew-Patientinnen

In unsere Studie eingeschlossen wurden 124 Teilnehmerinnen: 39 Morbus-Bechterew-Patientinnen, die zwischen Juni und Dezember 2015 ambulant die Rheumaklinik der Dicle-Universität in Diyarbakir aufsuchten und der notwendigen gynäkologischen Untersuchung zustimmten, 47 Kreuzschmerz-Patientinnen, die im selben Zeitraum die Rheumaklinik aufsuchten, und 38 weibliche Vergleichspersonen, die aus unterschiedlichen Gründen außer Kreuzschmerzen die Abteilung für Physikalische Therapie und Rehabilitation der Dicle-Universität aufsuchten und zur Teilnahme bereit waren.
Ausschlusskriterien waren Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), kongestive (mit verminderter Pumpfähigkeit verbundene) Herzkrankheit, chronische obstruktive (durch Behinderung der Ausatmung infolge verengter Bronchien bedingte) Lungenkrankheit, Bluthochdruck, eine zurückliegende Operation im Bauchraum, mehr als 5 durchgemachte Schwangerschaften, ein Alter über 50 Jahren, und Gründe für einen Überdruck im Bauchraum wie Myome. Patientinnen mit Krebs oder einer anderen entzündlich-rheumatischen Krankheit wurden ebenfalls ausgeschlossen.

Studienergebnisse

Zwischen den drei Gruppen gab es keinen signifikanten Unterschied in der mittleren Körpergröße, im Gewicht, in der Anzahl von Schwangerschaften und im Anteil der Raucher. Auch in der mittleren Anzahl durchgemachter Schwangerschaften und im Anteil mit Kaiserschnitt-Geburten gab es keinen signifikanten Unterschied.
Der Anteil mit einer Zystozele (Vorwölbung der Harnblase) war bei den Morbus-Bechterew-Patientinnen mit 51% signifikant größer als bei den Rückenschmerz-Patientinnen (30%) und den Gesunden (16%).
Der Anteil mit einer Gebärmuttersenkung war bei den Morbus-Bechterew-Patientinnen mit 28% ebenfalls signifikant größer als bei den Rückenschmerz-Patientinnen (8%) und den Gesunden (3%).
Der Anteil mit einer Rektozele (Aussackung der Enddarm-Vorderwand) war bei Morbus-Bechterew-Patientinnen mit 23%  größer als bei den Rückenschmerz-Patientinnen (13%) und den Gesunden (5%), wobei in diesem Fall nur der Unterschied zwischen Morbus-Bechterew-Patientinnen und Gesunden statistisch signifikant war.
Von den 39 Morbus-Bechterew-Patientinnen wurden 9 mit TNF-Blockern behandelt, wobei es im Anteil mit Beckenorgan-Vorfällen keinen signifikanten Unterschied zwischen den Patientinnen mit und ohne Anti-TNF-Therapie gab.
Die mit dem BASDAI-Fragebogen3 ermittelte Krankheitsaktivität, die Atembreite und die mit dem Schober-Test4 ermittelte Wirbelsäulenbeweglichkeit hatten keinen Einfluss auf die Häufigkeit einer Zystozele oder einer Rektozele, während eine Gebärmuttersenkung bei Patientinnen mit hoher Krankheitsaktivität signifikant häufiger vorkam. Von den übrigen Krankheitscharakteristiken war die Krankheitsdauer der einzige Faktor, der einen (erstaunlicherweise und medizinisch nicht logisch erklärbar schützenden) Einfluss auf die Häufigkeit eines Enddarm-Vorfalls hatte.

Deutung der Ergebnisse

Die meisten Patientinnen mit einem Beckenorgan-Vorfall haben keine Beschwerden. Das typischste Anzeichen für einen solchen Vorfall ist ein Völle- oder Vorwölbungs-Gefühl in der Scheide. Ein Beckenorgan-Vorfall beruht darauf, dass das betreffende Organ seinen angestammten Platz wegen einer Schwäche der tragenden Strukturen verlässt oder dass eine Verletzung des Beckenboden-Gewebes nicht ausreichend ausgeheilt ist.
Risikofaktoren für einen Beckenorgan-Vorfall sind Verletzungen bei einer Geburt, Mehrfachgeburten, chronisch erhöhter Bauch-Innendruck, Übergewicht und fortgeschrittenes Alter. Warum auch Frauen ohne diese Risikofaktoren einen Beckenorgan-Vorfall bekommen können, ist bis heute nicht geklärt. Eine ungewöhnliche Bindegewebs-Zusammensetzung könnte ein Beitrag dazu sein.
SKORUPSKI u.a. stellten fest, dass die Konzentration der Enzyme Matrix-Metalloproteinase5  (MMP) 1 und 3 bei Patientinnen mit einem Beckenorgan-Vorfall im Vergleich zu Gesunden erheblich erhöht ist. Auch WANG u.a. berichteten über eine erhöhte Konzentration der Enzyme MMP 1, MMP 2 und MMP 3 bei Patientinnen mit einem Beckenorgan-Vorfall. Die Ergebnisse einer von WENDLING u.a. durchgeführten Studie legen nahe, dass bei Morbus Bechterew signifikant mehr MMP 3 ausgeschüttet wird als bei Gesunden. Dieser Zusammenhang könnte dafür verantwortlich sein, dass bei Morbus Bechterew ein Beckenorgan-Vorfall häufiger ist als bei Rückenschmerz-Patientinnen und Gesunden.
Die Enzyme MMP 1 und MMP 3 im Bindegewebe tragen zum Abbau von Kollagenen und anderen Strukturkomponenten zwischen den Zellen bei und können so zu einem Vorfall von Beckenorganen führen.
In einer früheren Studie stellten wir fest, dass Hämorrhoiden6 bei Morbus-Bechterew-Patienten häufiger vorkommen als bei Rückenschmerz-Patienten oder Gesunden. Wir führten dies auf den erhöhten Bauch-Innendruck zurück, der entsteht, wenn Patienten bei der Darm-Entleerung mit angehaltenem Atem pressen.

Schlussfolgerungen

Auf Grund unserer Ergebnisse wird Morbus-Bechterew-Patientinnen empfohlen, Übergewicht und Rauchen zu vermeiden, zusätzlich zur üblichen Morbus-Bechterew-Gymnastik auch Übungen für die Beckenboden-Muskulatur durchzuführen, auf Symptome eines Beckenorgan-Vorfalls zu achten und wenn nötig einen Gynäkologen aufzusuchen.

1) auch als Blasensenkung oder Harnblasenprolaps bezeichnet: Absenkung der Harnblase in die (z.B. durch mehrere Geburten geschwächte) Scheidenvorderwand, evtl. mit der Folge von Stress-Inkontinenz und Blasenentleerungsstörungen
2) Vorwölbung des Enddarms in die Scheidenhinterwand, evtl. mit der Folge von Störungen bei der Darm-Entleerung
3) MBJ Nr. 121 S. 9–12, DVMB-Schriftenreihe Heft 13
4) siehe DVMB-Schriftenreihe Heft 13
5) Matrix-Metalloproteinasen sind Enzyme, die für viele biologische Funktionen wichtig sind. Sie sind aber auch an einer Reihe krankhafter Prozesse beteiligt. Ihre Ausschüttung wird durch entzündungsfördernde Zytokine wie Interleukin 1 und TNF angeregt.
6) Knotenförmige Verdickungen am Darmausgang durch Blutgefäßerweiterung unter der Schleimhaut

Anschrift des erstgenannten Verfassers:
Division of Rheumatology, Department of Physical Medicine and Rehabilitation, Dicle University, Faculty of Medicine 21280 Diyarbakir, Türkei

Quelle: Gekürzte patientengemäße Übersetzung des in der Zeitschrift Journal of Clinical Rheumatology Band 25 (2019) S. 36–40 erschienenen Artikels „A New Comorbidity in Female Patients With Ankylosing Spondylitis: Pelvic Organ Prolapse“ (dort mit ausführlichem Literaturverzeichnis)

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