Entzündlich-rheumatische Erkrankungen und COVID-19

Erste Einblicke in die Daten des COVID19-Rheuma-Registers

Von Dr. med. Rebecca Hasseli von der Abteilung Rheumatologie und Klinische Immunologie der Justus-Liebig-Universität Gießen in Bad Nauheim

Seit 11. März 2020 spricht die WHO (World Health Organisation, Weltgesundheitsorganisation mit Sitz in Genf) von einer Coronavirus-Pandemie, also einer Infektionskrankheit, die zeitgleich weltweit auftritt. Die ersten Patienten wurden im Dezember 2019 in der Millionenstadt Wuhan in der Provinz Hubei (China) dokumentiert. Verursacht wird die seitdem als COVID-19 (Corona Virus Disease, Coronavirus-Krankheit 2019) bezeichnete Infektion durch das neuartige (zweite), ein schweres, akutes respiratorisches Syndrom (akute Lungenentzündung) auslösende Corona-Virus 2, abgekürzt SARS-CoV-2. 
Die Erkrankung zeigt sich als Infektion der Atemwege mit den Leitsymptomen Fieber und Husten. Bei 81 % der Patienten verläuft sie mild, 14 % erkranken schwer und 5 % der Patienten müssen künstlich beatmet werden. Dabei sind neben dem Lebensalter weitere Grunderkrankungen wie Diabetes mellitus, Bluthochdruck und Herzkranzgefäß-Erkrankungen entscheidend für die Schwere der Infektion. Umgekehrt treten bei jungen Patienten (bis ca. 50 Jahre) in den meisten Fällen nur Symptome auf, die einer Grippe ähneln. Todesfälle sind bei diesen Patienten in Mitteleuropa eine absolute Ausnahme.
Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie veröffentlichte am 30. März 2020 erste Handlungsempfehlungen für die Betreuung von Patienten mit rheumatischen Erkrankungen während der COVID-19-Pandemie. Neben den allgemeingültigen Schutzmaßnahmen wird empfohlen, die antirheumatische Therapie nicht wegen der COVID-19 Pandemie zu unterbrechen oder zu reduzieren. In erster Linie sollte mithilfe der antirheumatischen Therapie eine Remission (Beschwerdefreiheit) der rheumatischen Erkrankung erzielt oder aufrechterhalten werden, unter anderem, um Corticosteroide in hoher Dosierung und ein dadurch erhöhtes Infektrisiko zu vermeiden. Dies setzt (neben einer adäquaten rheumatologischen Betreuung) eine entsprechende Information und Mitarbeit der Patienten voraus.

Aufbau eines COVID-19-Rheuma-Registers

Um Erkenntnisse zum richtigen Umgang mit der immunmodulatorischen Therapie bei Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen während  der COVID-19 Pandemie zu gewinnen, startete die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie gemeinsam mit der Justus-Liebig-Universität in Gießen ein Online-Register (www.covid19-rheuma.de), mit dessen Hilfe nachgewiesene COVID-19-Infektionen bei Patienten mit einer entzündlich-rheumatischen Krankheit mit geringem Zeitaufwand erfasst werden können. Aus den gewonnenen Daten sollen Handlungsempfehlungen für die Betreuung solcher Patienten abgeleitet werden.
In dem Register werden u.a. folgende Aspekte erfasst: Bundesland, Alter, Geschlecht, Gewicht, Größe, Begleit-Erkrankungen, Krankheitsaktivität und antirheumatische Therapie zum Zeitpunkt der SARS-CoV-2-Infektion und deren Verlauf. Die dokumentierenden Ärztinnen und Ärzte haben auch die Möglichkeit, noch fehlende Daten (z.B. zum Ausgang der COVID-19 Infektion) zu einem späteren Zeitpunkt nachzutragen. 
Zudem haben COVID-19-Patienten mit einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung auch selbst die Möglichkeit, sich registrieren zu lassen, z. B. falls eine ärztliche Vorstellung derzeit nicht möglich ist. Mithilfe eines Telefon-Interviews werden die Daten durch einen Rheumatologen der Koordinationsstelle des COVID19-Rheuma-Registers ermittelt und in die Datenbank eingetragen. 
Am 30. März 2020 ging das Register online. Die teilnehmenden Zentren sind Kliniken und Praxen in ganz Deutschland. Bis zum 8. Juli 2020 wurden insgesamt 323 Fälle (113 männlich, 209 weiblich und 1 divers) dokumentiert. Die meisten Patienten (28%) sind 50–59 Jahre alt. Ähnlich wie die COVID-19-Infiziertenzahl in der Allgemeinbevölkerung wurden die meisten Fälle in Bayern (21%), Nordrhein-Westfalen (18%) und Baden-Württemberg (17%) erfasst.

Erste Erkenntnisse zu Diagnosen und verwendeten Medikamenten

Bezüglich der Diagnosen sind die rheumatoide Arthritis (51%), die Psoriasis-Arthritis (14%) und die Spondylitis ankylosans (11%) führend. Bei 6% (18 Patienten) wurde ein tödlicher Verlauf dokumentiert. Ca. 83% der Patienten sind wieder genesen.
In der ersten Auswertung scheint – neben den oben genannten Risikofaktoren – vor allem eine Therapie mit einem Corticosteroid einen negativen Einfluss auf den Infektionsverlauf zu haben. Dagegen scheinen TNF-alpha-Hemmer, Interleukin-12/23-Hemmer sowie Interleukin-17-Hemmer, die ja bei Spondyloarthritiden besonders häufig verwendet werden, nicht mit einem erhöhten Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf einherzugehen.

Zusätzliches Patientenregister auch für Rheuma-Patienten ohne COVID-19-Erkrankung

Neben diesem Register zur Erfassung von COVID-19 bei Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen („Arztregister“) wurde ein weiteres, sog. „Patientenregister“ geschaffen, um den psychosozialen Einfluss der Pandemie bei Rheuma-Patienten zu untersuchen. Hierfür wurde gemeinsam mit dem Fachbereich Klinische Psychologie der Justus-Liebig-Universität Gießen ein anonymer OnlineFragebogen (www.covid19-rheuma.de/patienten-information) ins Internet gestellt. Über einen Zeitraum von 12 Monaten erfolgt im monatlichen Abstand eine kurze Befragung zum Einfluss der Pandemie auf die Erkrankung sowie auf die privaten und beruflichen Lebensverhältnisse. Mithilfe der Umfrage soll ein besseres Verständnis für die Sorgen und Ängste der Patienten gewonnen werden. Es wird dabei auch untersucht, ob die Patienten ausreichend informiert sind und wo die Versorgung ggf. verbessert werden könnte. Bis zum 8. Juli 2020 hatten bereits 624 Patienten an der Umfrage teilgenommen. Lediglich 11 der Patienten waren positiv auf eine COVID-19-Infektion getestet worden. Die Mehrheit der Patienten gab an, den Empfehlungen zu folgen und die antirheumatische Therapie fortzuführen. Diese Einstellung der Patienten war unabhängig von der jeweiligen antirheumatischen Therapie. Dieses Ergebnis ist aus rheumatologischer Sicht erfreulich, spiegelt es doch die vertrauensvolle und kompetente Betreuung der Patienten wider und zeigt, dass trotz der aktuellen Krisensituation die Rheumapatienten unseren Empfehlungen folgen. 

Zögern Sie nicht, sich im „Patientenregister“ zu registrieren, unabhängig von einer COVID-19-Infektion.

Anschrift der Verfasserin: Kerckhoff-Klinik GmbH
Abt. für Rheumatologie, Klinische Immunologie 
Osteologie und Physikalische Medizin
Benekestr. 2-8, 61231 Bad Nauheim
R.Hasseli@kerckhoff-klinik.de

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