Milde Ganzkörper-Überwärmungstherapie mit Infrarotstrahlung bei Morbus Bechterew

Von Prof. Dr. Uwe Lange und Prof. Dr. Ulf Müller-Ladner, Bad Nauheim, und Dr. Gabriel Dischereit, Bad Endbach

 

Einleitung

Bei chronischen entzündlich-rheumatischen Erkrankungen – ohne akute Entzündungsaktivität – zeigt im Praxisalltag eine milde Ganzkörper-Hyperthermie  (Hyperthermie = Überwärmung) häufig günstige Einflüsse auf das Beschwerdebild.  Die Gründe hierfür sind vielfältig und basieren u. a. auf einer entzündungshemmenden, schmerzlindernden, durchblutungsfördernden und muskelentspannenden Wirkung.
Wirksamkeitsnachweise zur Ganzkörper-Hyperthermie liegen inzwischen zu Überwärmungsbädern, zur Radonstollen-Überwärmung  und zur wassergefilterten Infrarot-A-Strahlung  bei unterschiedlichen entzündlich-rheumatischen Krankheiten vor.  
Je nach der angestrebten Körper-Kerntemperatur und der Anwendungsdauer ist mit unterschiedlichen Wirkungen zu rechnen: Eine Unterdrückung des Immunsystems resultiert bei intensiver Überwärmung (auf mehr als 41°C). Eine „milde“ Überwärmung (auf 38°–40°C) bewirkt dagegen eine Immunstimulation bzw. -modulation. Die unterschiedlichen Wirkungen deuten auf eine mögliche Vernetzung der körpereigenen Wärmeregulation mit dem Immunsystem hin.

Ziel der von uns durchgeführten Studie  war die Wirkungsanalyse einer wiederholten Ganzkörper-Hyperthermie mittels wassergefilterter Infrarot-A-Strahlung bei der ankylosierenden Spondylitis (Morbus Bechterew).

Untersuchungsmethode

In die Studie wurden 35 Patienten mit ge-sicherter ankylosierender Spondylitis nach den modifizierten New-York-Kriterien  eingeschlossen. Alle Patienten erhielten ein standardisiertes physikalisches Therapieprogramm (Physiotherapie, warme Packungen, Atemgymnastik, Elektrotherapie, klassische Massage). Nach dem Zufallsprinzip wurden 20 Patienten (10 Frauen, 10 Männer, Durchschnittsalter 47 Jahre, durchschnittliche Krankheitsdauer 8 Jahre) der Hyperthermie-Gruppe zugeordnet, die zusätzlich über 8 Tage verteilt 6 mal Ganzkörper-Hyperthermie mittels wassergefilterter Infrarot-A-Strahlung erhielten. Die Vergleichsgruppe bestand aus 15 Patienten (7 Frauen, 8 Männer, Durch-schnittsalter 48 Jahre, durchschnittliche Krankheitsdauer 7 Jahre). Ausschlusskriterien waren akute Gelenkentzündung, Sehnenansatzentzündung, Kontraindikationen gegen die wassergefilterte Infrarot-A-Strahlung oder eine Anti-TNF-alpha-Therapie. Bezüglich der Behandlung mit nichtsteroidalen Antirheumatika sei auf Tabelle 1 verwiesen.

 

Tabelle 1: Medikamentenverbrauch (Anteil an allen Patienten, mittlere Tagesdosis) in der Hyperthermiegruppe und in der Vergleichsgruppe zu Beginn der Studie (T0), direkt nach der Hyperthermie-Serie (T1), 3 Monate später (T2) und 6 Monate später (T3).

 

 

Hyperthermiegruppe (20 Patienten)

T0

T1

T2

T3

 

 

Diclofenac

35% 150 mg

15%, 100 mg

10%, 50 mg

10%, 25 mg

 

 

Indometacin

20%, 100 mg

15%, 100 mg

10%, 50 mg

10%, 25 mg

 

 

Celecoxib

15%, 200mg

5%, 200 mg

5%, 100 mg

5%, 100 mg

 

 

Etoricoxib

15%, 90 mg

5%, 90 mg

5%, 90 mg

5%, 90 mg

 

 

Vergleichsgruppe (15 Patienten)

T0

T1

T2

 

 

 

Diclofenac

27%, 150 mg

27%, 150 mg

27%, 150 mg

 

 

 

Indometacin

27%, 100 mg

27%, 100 mg

33%, 100 mg

 

 

 

Celecoxib

13%, 200 mg

13%, 200 mg

13%, 100 mg

 

 

 

Etoricoxib

13%, 90 mg

13%, 90 mg

13%, 90 mg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die wassergefilterte Infrarot-A-Bestrahlung wurde mit der IRATHERM-1000-Hyperthermieanlage durchgeführt (Bild 1). Das Gerät stammt vom Ardenne-Institut für Angewandte Medizinische Forschung GmbH in Dresden. Dabei kommt eine Infrarotstrahlung im Wellenlängenbereich von 0,76–1,40 μm zum Einsatz. Durch diese kurzwellige Infrarotstrahlung wird eine milde Überwärmung bewirkt. Mittels Wasserfilterung werden die Strahlungsanteile, die eine unerwünschte Nebenwirkung an der Haut durch thermische Belastung hervorrufen können, eliminiert.
Die Bestrahlungsdauer war abhängig vom Temperaturanstieg im Organismus und lag im Mittel bei 45–60 Minuten. Hierbei galt eine Rektaltemperatur  von 38,5°C als Ziel-wert, der über 15 Minuten gehalten wurde. Während der Anwendung erfolgte eine kontinuierliche Überwachung von Körpertemperatur, Blutdruck, Pulsfrequenz und O2-Sättigung des Bluts. Die Nachruhephase betrug 2 Stunden.

Ergebnisse

In der Hyperthermie-Gruppe trat im Gegensatz zur Vergleichsgruppe eine signifikante Schmerzlinderung direkt nach der Überwärmungstherapie ein, die auch nach Behandlungsende anhielt, mit entsprechender Abnahme des NSAR-Verbrauchs (Tabelle 1 und Bild 2). Eine relevante Schmerzlinderung um mindestens 30% erzielten in der Hyperthermie-Gruppe direkt nach der Überwärmungs-Serie 80% der Patienten. Nach 3 Monaten waren es ebenfalls 80% und nach 6 Monaten immer noch 70%. Die Vergleichsgruppe wies keine signifikante Schmerzlinderung auf und auch keine Abnahme des NSAR-Verbrauchs (Tabelle 1 und Bild 2).

 

Auch der BASDAI als Maß für die Krank-heitsaktivität zeigte in der Hyperthermie-Gruppe eine signifikante Abnahme direkt nach der Überwärmungs-Serie, die 6 Monate anhielt, während in der Vergleichsgruppe keine Veränderung zu erkennen war (Bild 3).
Der BASFI als Maß für die Behinderung im Alltag besserte sich in beiden Gruppen, offensichtlich auf Grund der intensiven phy-siotherapeutischen Behandlung (Bild 4).
Der HAQ (Health Assessment Questionnaire)  als weiterer Behinderungsindex mit anderen Fragen wies in beiden Gruppen keine signifikante Veränderung auf. Der Funktionsfragebogen Hannover (FFbH) hingegen zeigte nur in der Hyperthermie-Gruppe eine signifikante Verbesserung.
Von den Laborwerten fiel die Blutsenkung nur in der Hyperthermie-Gruppe unter der Therapie signifikant ab. Signifikante Änderungen beim Entzündungs-Laborwert CRP wurden nicht beobachtet. In der Konzentration des entzündungsfördernden Zytokins (Botenstoffs) TNF-alpha gab es sowohl in der Hyperthermie-Gruppe als auch in der Vergleichsgruppe nach 3 Monaten eine signifikante Besserung, beim Entzündungsvermittler Interleukin 1β nur in der Hyperthermie-Gruppe und beim Interleukin-6 in keiner der beiden Gruppen.
Die erhobene Patientenzufriedenheit ist als hoch einzuschätzen. Bezüglich der Wirksamkeit wurde in der Hyperthermiegruppe 8-mal „sehr gut wirksam“, 10-mal „wirksam“ und 2-mal „weniger wirksam“ angegeben. Die Beurteilung der Wichtigkeit ergab 13-mal „sehr wichtig“ und 7-mal „wichtig“. Bei unerwünschten Ereignissen wurde während der ersten 1 bis 3 Überwärmungs-Therapien (kurz nach Beginn oder am Ende der Therapie) lediglich von 2 Patienten ein länger anhaltendes Hitzegefühl angegeben, Hautirritationen zeigten sich nicht.

Diskussion

Unterschiedliche Ganzkörper-Hyperthermie-Verfahren werden aufgrund ihrer positiven Wirkung auf das Beschwerdebild rheumatischer Erkrankungen seit Anfang des 20. Jahrhunderts bei rheumatischen Erkrankungen eingesetzt. Nach wie vor ist weitgehend unbekannt, auf welche Mechanismen des Entzündungs-Geschehens die Verfahren einwirken.

Mittlerweile konnte eine Vielzahl von Studien sowohl zur lokalen Wärmetherapie als auch zur Ganzkörper-Hyperthermie einen günstigen Einfluss auf das Zytokin-Netzwerk belegen.
In einer Pilotstudie mit milden Überwärmungsbädern  beim Morbus Bechterew zeigte sich, dass die Serumspiegel der entzündungsfördernden Zytokine TNF-α, IL-1β und IL-6 bis zu 24 Stunden nach dem letzten Überwärmungsbad signifikant (um 40–50%) gegenüber den Ausgangsspiegeln vor dem Bad vermindert waren.
Eine weitere Studie beschäftigte sich mit der Wirkung der Ganzkörper-Überwärmung im Radonstollen in Bad Gastein-Böckstein (Österreich). Dabei konnte mit 12 Aufenthalten zu je 60 Minuten bei Morbus-Bechterew-Patienten eine signifikante Schmerzlinderung sowie eine Besserung der Krankheitsaktivität (BASDAI) über 3 Monate nach der Therapie erreicht werden.

Die umfangreichen Studiendaten lassen heutzutage keinen Zweifel mehr an der entzündungshemmenden und schmerzlindernden Wirkung der Ganzkörper-Überwärmung bei chronisch-entzündlichen Krankheiten zu.

Fazit

•  Durch wiederholte Ganzkörper-Überwärmung mittels wassergefilterter Infrarot-A-Bestrahlung in Kombination mit einer physikalischen Komplextherapie können bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen entzündungshemmende und schmerzlindernde Wirkungen erzielt werden sowie Besserungen von Krankheitsaktivitäts- und Funktions- (Behinderungs-) parametern.
•   Die wiederholte wassergefilterte Infrarot-A-Bestrahlung bewirkt u. a. Veränderungen auf der Zytokin-Ebene in Richtung eines antientzündlichen Effekts.
•  Die wiederholte Ganzkörper-Überwärmung mittels wassergefilterter Infrarot-A-Bestrahlung scheint geeignet zu sein, die mittelfristigen Behandlungsergebnisse bei Spondyloarthritiden (Morbus Bechterew, Psoriasis-Arthritis) zu verbessern.

Anschrift des erstgenannten Verfassers:
Rheumatologie, Klinische Immunologie, Physikalische Medizin und Osteologie,
Kerckhoff-Klinik der Universität Gießen, Benekestraße 2–8, 61231 Bad Nauheim

Quelle:     Gekürzte patientengemäße Überarbeitung eines in der Zeitschrift
Aktuelle Rheumatologie Band 42 (2017) S. 122–128 erschienenen Artikels (dort mit ausführlichem Literaturverzeichnis)

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