Musik und ihre Magie

von Markus Korn, Kitzbühel, Österreich, Leiter der ÖVMB-Landesstelle Tirol

Es kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, wann der Mensch zu Musizieren begann. In den Überlieferungen der Völker ist die Musik ein Werk der Götter. Musik wird seit Jahrhunderten von den Menschen gebraucht, um die Götter wohlwollend zu stimmen. Unsere steinzeitlichen Vorfahren musizierten bereits mit Hilfe einfachster Instrumente. Funde in Slowenien belegen, dass die Neandertaler vor 50 000 Jahren die ersten Flöten aus Bärenknochen herstellten und darauf spielten. Der Homo sapiens stellte vor 38 000 Jahren Flöten aus Vogelknochen oder Mammutelfenbein her, wie sie auf der Schwäbischen Alb gefunden wurden. Es gab auch schon Rasseln, die aus Hörnern von Tieren gefertigt waren, Trommeln, die aus hohlen Baumstämmen bestanden und mit  Saiten bespannte Bögen, die Vorläufer der heutigen Zupfinstrumente.

Musik gehört für Viele untrennbar zum Menschsein. Musik ist das Kommunikationsmittel, das alle verstehen.
Musik hat große Auswirkungen auf das menschliche Gehirn. Musik fördert die Intelligenz, die soziale Kompetenz, die Motorik. Doch das Wichtigste ist: Musik macht einfach Freude. Ohne Musik wäre das Leben grau und leer. Musik ist ein pures Gefühl und sie ist – egal ob klassisch oder modern, rockig oder sanft: die universelle Sprache, die es sich zu lernen lohnt. Musik hat eine besondere Kraft, Menschen berühren zu können.
„Musik kann eine Wirkung auf uns haben, ähnlich wie ein Medikament", sagt Prof. Günther BERNATZKY, Biologe und Schmerzforscher an der Universität Salzburg. Er beschäftigt sich seit fast 20 Jahren mit der Wirkung der Musik.
Wie ein Medikament  „Musikament“.1

Musik hat viele Auswirkungen auf unseren Körper. Manche sind bekannt, andere weniger. Musik aktiviert die unterschiedlichsten Hirnregionen gleichzeitig. Musik zu machen oder zu Hören, beansprucht ein kompliziertes Zusammenspiel sehr verschiedener Fähigkeiten: den Hörsinn, den Sehsinn, den Tastsinn, die Feinmotorik.
Beim Musizieren oder Musik hören werden Endorphine2 ausgeschüttet. Zu sehen, was beim Musikhören passiert, sozusagen der Blick ins Hirn, wurde erst durch die Magnetresonanztomographie möglich. Hört ein Mensch Musik, werden die Strukturen zunächst im Hirnstamm verarbeitet. Auf dieser Ebene ist die Musik noch nicht ins Bewusstsein gedrungen. Das geschieht erst, wenn die Reize das Hörzentrum im Gehirn, den sogenannten Hörkortex, erreichen. Erst dort werden Instrumente oder Stimmen unterschieden.

Musik in der Medizin

Seit vielen Jahren gibt es kaum mehr einen Bereich in der Medizin, in dem nicht versucht wird, mit Musik gesundheitsfördernde Effekte zu erzielen: In der Schmerztherapie, bei Tinnitus, Schlaganfall, Depression, Parkinson und Demenz versuchen Musiktherapeuten, ihr Wissen einzubringen, um den Kranken zu helfen.
Fröhliche Musikstücke verringern bei Patienten die Konzentration des Stresshormons Cortisol im Blut. Während einer Operation benötigen sie daher weniger Narkosemittel.
Eine Studie im Fachblatt „The Lancet" vom August 2015 zeigt: Schmerzempfinden und Angstgefühle nach einer Operation waren im Durchschnitt geringer, wenn Patienten davor, während oder danach Musik hörten.3

Mit Musik geht alles besser

Singen stärkt das Immunsystem, unterstreicht Eckart ALTENMÜLLER vom Institut für Musikphysiologie und Musiker-Medizin an der Musikhochschule Hannover. Das Singen in einem Chor macht Freude und Freunde. Soziale Kontakte sind neben der medizinischen Versorgung eine wichtige unterstützende Maßnahme, um Kranke aus ihrer Isolation herauszuführen, sich mit Gleichgesinnten zusammenzutun und sich gegenseitig zu stützen.
Musik macht uns auch glücklich: Es gibt wohl nur wenige Menschen, die Musik einfach kalt lässt. Musik inspiriert uns, sie berührt uns und wird universell verstanden, löst Wohlgefühle, Gänsehaut oder Tränen aus. Musik ist reines Gefühl, ihre Wirkung lässt sich mit Worten nicht wirklich beschreiben. 
Was bewirkt Musik im Körper? Wie wirkt sie sich auf die Psyche aus? Musik hat viele Wirkungen auf unseren Körper und die Psyche. Sie reduziert Angst und Stress, sie lenkt ab, hat eine kommunikationsfördernde Wirkung, bringt uns mit Menschen zusammen, motiviert uns zum Mitsingen, zum Mittanzen und stimuliert unsere Muskulatur. Auch unsere Psyche wird stimuliert: Wir ändern in Abhängigkeit von der gehörten Musik unsere Stimmung. Musik wirkt im besten Sinne ganzheitlich. Das Hören von Musik bewirkt etwas in uns. Wir müssen aber bewusst zuhören und uns auf Musik einlassen.

Es gibt wohl nur wenige Dinge, die uns auf so einfache Weise mit Glück erfüllen können, die derart präsent sind und einen so großen Einfluss auf unser Leben haben wie Musik.
Professor Bernatzky: „Gemeinsam ist allen Menschen eins: das Grundbedürfnis nach Musik“.

1) Günther Bernatzky: Nichtmedikamentöse Schmerztherapie, Springer Verlag 2007.
2) manchmal leicht irreführend als „Glückshormone" bezeichnet.
3) Ein Erfahrungsbericht zur Schmerzlinderung durch Musik erschien im MBJ Nr. 137 S. 34

Kontakt:    tirol(at)bechterew.at

Quelle:    AKTIV, Mitgliederzeitschrift der Österreichischen
Vereinigung Morbus Bechterew, Heft 136 (März 2018)
Die Bilder zwei und drei wurden von der MBJ-Redaktion eingefügt.

Bild 2: Eine Münchner Amateurgruppe beim gemeinsamen Spielen der Musik des 16. Jahrhunderts auf den damals üblichen Instrumenten. Ein Mitspieler: „Nach dem Musizieren geht es mir immer besser als vorher. Die nötige Konzentration auf die Harmonie baut einen auf, und die intensive Atemtherapie tut ein Übriges“.

Bild 3: Ein Münchner Uhrmachermeister spielt auf seiner selbstgebauten Drehleier, einem im Mittelalter gebräuchlichen Musikinstrument.

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