Nahrungsmittel-Steckbrief „Blaubeeren“

Von Dr. med. Gudrun Lind-Albrecht, RHIO Düsseldorf, Mitglied der MBJ-Redaktion

Vielleicht teilt der eine oder die andere unter Ihnen mit mir die folgende sommerliche Kindheitserinnerung: Die ganze Familie hat sich, bewaffnet mit allerlei Sammelgefäßen, an einem sonnenbeschienenen Hang voller Blaubeersträucher verteilt und jeder pflückt stundenlang und unermüdlich Beere für Beere in seinen kleinen Sammelbehälter, welcher dann, sobald er voll ist, immer wieder brav in die große Sammelbox entleert wird. Die Finger werden nach und nach immer violett-blauer und auch auf der Zunge hinterlassen die kleinen köstlichen Beeren, die nicht den Weg in den Sammelbecher fanden, ihre Spur. Aus den gemeinsam erbeuteten Beeren wird Mutter in den folgenden Tagen herrlichen Blaubeerkuchen oder Quarkspeise mit Blaubeeren zaubern und Blaubeermarmelade einkochen. Damals ahnten wir nicht, welch eine gesundheitlich wertvolle Frucht wir da sammelten und mit Genuss verspeisten.

Botanik, Herkunft und Verbreitung

Die aus Eurasien stammende Blaubeere/Heidelbeere (Vaccinium myrtillus oder auch Myrtillus nigra) ist durchgehend blau gefärbt, deutlich kleiner und weit aromatischer als die aus Nordamerika stammende Form der Blaubeere (Vaccinum corymbosum). Aus letzterer ist auch die bei uns geläufige Kulturheidelbeere gezüchtet und in Färbung und Gehalt an sekundären Pflanzenstoffen der eurasischen Wildform natürlich weit unterlegen.
Die Bezeichnung Vaccinum kommt evtl. von Bacca (lateinisch für Beere) bzw. Baccinium (lateinisch für Beerenstrauch). Die Blaubeere/Heidelbeere ist übrigens eine echte Beere.
Weitere volkstümliche Namen sind Äuglbeere, Schwarzäugelbeere, Bickbeere, Zeckbeere, Taubeere, Moppeln (im Rheinland gebräuchlich), Welle oder Wähle (im Saarland gebräuchlich), Schnudderbeeri, Worbel, Schwarzbeere (vor allem in Österreich).
Die Blaubeere/Heidelbeere gehört zu den Heidekrautgewächsen. Die Pflanze wächst am besten auf saurem Boden im Hochmoor (Heide-Boden eben). Sie wird 10–50 cm hoch, wird bis zu 30 Jahre alt, blüht im Frühling bis Frühsommer blassrosa und die Früchte reifen im Juli und August. Sie vermehrt sich mit unterirdischen Trieben und bildet an sonnigen Berghängen und in weiten Teilen Skandinaviens riesige Teppiche – oft auch zusammen mit Preiselbeeren, teils auch mit Wacholderbeeren.
Die Blaubeerpflanze verträgt harte Winter, sofern sie von einer ordentlichen Schneedecke geschützt wird. Andernfalls treibt sie aber aus den unterirdischen Trieben wieder neu aus.

Traditionelle Verwendung

In der Region um Trier haben Blaubeeren von alters her in der Marienverehrung ihren Platz. Vor Marienbilder werden traditionell Blaubeeren gestreut.
Die Stadt Eggesin, am Fernradweg Berlin-Usedom gelegen, in der Ueckermünder Heide, bezeichnet sich als Blaubeerstadt und hat der Blaubeere 2002 sogar ein Denkmal gesetzt. Die Blaubeere ist für die Stadt das Symbol des natürlichen Reichtums der Region. Alljährlich wird dort auch das Blaubeerfest gefeiert, auf dem es allerlei Spezialitäten aus Blaubeeren zu kosten gibt und bei dem auch eine junge Frau zur Blaubeerkönigin gewählt wird.
Im Raum Karlsbad dürfen Schwangere nicht an der Blaubeerernte teilnehmen, weil sonst das Neugeborene später von schwarzen Muttermalen übersät sein könnte...
In der antiken römischen und griechischen Medizin spielen Blaubeeren (aus regionalen Gründen) keine Rolle.
Hildegard von Bingen empfahl aber Blaubeeren (unter dem Namen „Waltbeeren“) gegen Magen-Darm-Probleme und gegen nachlassende Sehkraft. Letzteres wird in Schweden bis zum heutigen Tag so gehandhabt, speziell für das nächtliche Sehen, aber auch zur Vorbeugung der Makula-Degeneration.
In der traditionellen nordeuropäischen Volksmedizin werden getrocknete Blaubeeren von jeher gerne gegen akute Durchfallerkrankungen eingesetzt, während frische Blaubeeren eher gegen Verstopfung eingesetzt werden. Auch die getrockneten Blaubeerblätter wurden früher gerne bei Erkrankungen des Darms eingesetzt, davon rät man heute aber eindeutig ab, da bei längerem Gebrauch Vergiftungserscheinungen auftreten können.
Dass Blaubeeren Energie und Durchhaltevermögen verbessern, ist den Skandinaviern schon lange bewusst. Was wäre der schwedische Vasaloppen (der Vasa-Lauf, ein traditioneller jährlicher Skilanglauf-Marathon in Dalarna) ohne die berühmte Blåbär-Soppan, das süße Heißgetränk aus Blaubeerkonzentrat?!
Blaubeeren sind reich an Vitaminen (vor allem Vitamin C und Vitamin A) und an sekundären Pflanzenstoffen (vor allem Anthocyane, welche zu den Polyphenolen gehören und sich immer in der blau-violetten Farbe der jeweiligen Frucht zu erkennen geben) und Blaubeeren enthalten Mineralstoffe und Spurenelemente (wie Calcium, Magnesium, Zink).

Warum sind Blaubeeren gerade für Menschen mit Morbus Bechterew / Spondyloarthritis so wertvoll?

  1. Blaubeeren haben eine direkte antientzündliche Wirkung. Durch ihren sehr hohen Gehalt an Anthocyanen (= Untergruppe der sekundären Pflanzenstoffe) wird die Bildung von COX2 verringert (COX = Cyclooxygenasen dienen im Körper der Umsetzung von Entzündungsbefehlen an den Zellen). Dies konnte in einer Dissertation an der Universität Würzburg aufgezeigt werden. Indem die Anthocyane die COX2-Emzyme hemmen, wirken sie auf einer vergleichbaren Ebene wie bestimmte NSAR (= cortisonfreie antientzündliche Schmerzmittel, z.B. Celecoxib). Blaubeeren können also helfen, die Schmerzen und die Entzündungsprozesse kurzfristig etwas zu vermindern
  2. Blaubeeren haben aber auch eine indirekte antientzündliche Wirkung: und zwar durch ihre antioxidative Wirkung infolge des Reichtums an Vitaminen und sekundären Pflanzenstoffen. Blaubeeren können also auch helfen, freie Radikale zu neutralisieren, die ansonsten zur Aufrechterhaltung laufender Entzündungsprozesse dienen würden.
  3. Blaubeeren sind hilfreich in der Therapie der Colitis ulcerosa. In einer deutsch-schweizerischen Studie bei 13 Patienten mit Colitis ulcerosa wurde mittels Darmspiegelung und Untersuchung von Gewebeproben sowie an Stuhlproben gezeigt, dass nach täglichem Genuss von 4x40 Gramm Extrakt aus Blaubeeren, zwar nicht bei allen, aber bei einem deutlichen Anteil der Patienten die Symptome verringert waren, und bei diesen war auch der Botenstoff NF-KappaB im Gewebe verringert. Auch der Botenstoff TNF-alpha war im Gewebe und im Serum verringert und das Interferon Gamma im Gewebe, sowie die heilungsfördernden Botenstoffe IL10 und IL22 im Gewebe erhöht.
  4. Blaubeeren haben – vor allem durch die enthaltenen Anthocyane – eine hemmende Wirkung auf das Wachstum von unliebsamen Keimen im gesamten Magen-Darm-Trakt. Zum Einen wirken sie bremsend auf den Helicobacter pylori, der oft in Verbindung mit Gastritis und Magengeschwüren gefunden wird. Und zum Andern werden Ungleichgewichte in der Mikrobiota des Darms (früher Darmflora genannt) bekämpft bzw. diesen vorgebeugt. Eine intakte Mikrobiota des Darms hat immense Bedeutung für ein ausgeglichenes Immunsystem.
  5. Blaubeeren sind hilfreich in der Vorbeugung von Herz-Kreislauferkrankungen. Sie können helfen, den Blutdruck zu senken (2016 wurde in einer placebo-kontrollierten Studie gezeigt, dass bei täglichem Verzehr von 80 Gramm gefriergetrockneten amerikanischen Kulturheidelbeeren bei Frauen mit grenzwertigem oder leichtem Bluthochdruck eine spürbare Senkung des Blutdrucks erreichbar war). Außerdem sind Blaubeeren hilfreich zur Vorbeugung von koronarer Herzerkrankung – dies wurde in einer Studie gezeigt, in der Risiko-Patienten für Herzkranzgefäßerkrankungen nach täglichem Trinken von konzentriertem Heidelbeersaft deutlich bessere Werte einschließlich der Entzündungs-Laborwerte CRP und Interleukin 6 aufwiesen. Blaubeeren sind offenbar auch vorbeugend gegen Diabetes mellitus wirksam (denn der Genuss von Blaubeeren senkt den Insulin-Ausstoß nach dem Essen – und somit erschöpft sich die Bauchspeicheldrüse nicht so schnell durch übermäßige Anforderungen). Somit können beim Morbus Bechterew bzw. bei Spondyloarthritis gehäuft auftretende Begleiterkrankungen besser vermieden werden und das Herz- und Gefäß-Risiko gesenkt werden.
  6. Blaubeeren haben eine antidepressive Wirkung, und zwar wiederum durch den hohen Gehalt an Anthocyanen. Diese verlangsamen den Abbau der so genannten Glücks-Botenstoffe Serotonin und Dopamin im Gehirn, wie Forschungsarbeiten an der Universität Regensburg zeigen konnten. Blaubeeren wirken also auf der gleichen Ebene wie bestimmte antidepressive Medikamente, die so genannten SSRI (Blocker der Serotonin-Rückübernahme aus dem Zellzwischenraum in die Zellen).
  7. Blaubeeren können übrigens die Gehirnleistung vor allem auch älterer Menschen verbessern (eine Studie an der Universität Exeter zeigte bei Senioren von über 65 Jahren mit der täglichen Aufnahme von 30 ml Blaubeersaft oder 230 Gramm frischen Blaubeeren über den Zeitraum von 12 Wochen eine deutlich verbesserte Hirnleistung). Dies ist zwar nicht bechterew-spezifisch, aber wer von uns möchte nicht bis zum hohen Lebensalter geistig klar bleiben?!

Ernte / Einkauf, Lagerung und Verwendung

Blaubeeren erntet man eigentlich am besten selbst – z.B. auf einer Bergtour in den Alpen, beim Sommerurlaub in Skandinavien oder in einer entsprechenden Heideregion in der Heimat. Wilde Blaubeeren sind immer den Kulturheidel-
beeren überlegen. Wenn aber zum Pflücken keine Gelegenheit vorhanden ist, tun es eben auch schon mal die Kulturheidelbeeren fürs Dessert oder die Zwischenmahlzeit.
Blaubeeren lassen sich einige Tage im Kühlschrank lagern, aber auch einfrieren und dann portionsweise auftauen.
Natürlich enthält Blaubeermarmelade nicht mehr den vollen Anteil an Vitaminen und Anthocyanen, dennoch ist sie ein wertvoller Aufstrich (und ohne das inzwischen durchaus umstrittene angeblich erhöhte Risiko der Infektion mit dem Fuchsbandwurm beim Genuss roher Früchte).
Übrigens werden die Anthocyane nicht wie andere Polyphenole von Milchprodukten (wie z.B. Sahne) neutralisiert, im Gegenteil: Eine Doktorarbeit an der Universität Würzburg (2010) zeigte, dass sich stabile Verbindungen ergeben zwischen Milcheiweiß (und auch Hühnereiweiß) und den Anthocyanen und diese dadurch nicht so schnell abgebaut werden, also dem Körper länger zur Verfügung stehen.
Es gibt eine Fülle von wunderbaren Blaubeer-Rezepten aus dem Alpenraum (wie z.B. Schwarzbeernocken aus Südtirol) oder aus dem skandinavischen Raum von der Blabärsoppan angefangen, über diverse Vorspeisen, Desserts und Kuchen. Lassen Sie sich in diesem Sommer doch mal davon inspirieren.

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