Nutzen einer digitalen Selbstüberweisung bei hoher Wahrscheinlichkeit einer axialen Spondyloarthritis

Deutschsprachige Kurzfassung der mit dem DVMB-Forschungspreis ausgezeichneten Arbeit „Comparison of an Online Self-Referral Tool with a Physician-Based Referral Strategy for Early Recognition of Patients with a High Probability of Axial Spondyloarthritis“ von Fabian Proft, Laura Spiller, Imke Redeker, Mikhail Protopopov, Valeria Rios Rodriguez, Burkhard Muche, Judith Rademacher, Anne-Katrin Weber, Susanne Lüders, Murat Torgutalp, Joachim Sieper und Denis Poddubnyy, erschienen in Seminars in Arthritis and Rheumatism 50 (2020) S. 1015–1021

 

Trotz aller Anstrengungen zur verbesserten Erkennung von Patienten mit einer axialen Spondyloarthritis (Morbus Bechterew und dessen Frühformen) durch Hausärzte, Orthopäden und andere Primärversorger besteht weiterhin eine dramatische Diagnoseverzögerung (Zeit vom Symptombeginn bis zur korrekten Diagnose). Aktuelle Daten aus Deutschland beschreiben weiterhin eine mittlere Diagnoseverzögerung von 5,7 Jahren.
In unserer Studie haben wir einen patientenbasierten Ansatz unter Ausnutzung modernster digitaler Techniken (Internet und Smartphone) gewählt, um drei Dinge zu erreichen:
1.    Erhöhtes Bewusstsein in der Allgemeinbevölkerung über das Krankheitsbild der axialen Spondyloarthritiden und der Tatsache, dass hinter Rückenschmerzen auch eine Entzündung im Sinne einer Autoimmunerkrankung stecken kann,
2.    Eine Vorselektion von Patienten mit hoher Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen einer entzündlichen Wirbelsäulenerkrankung zur verbesserten Ausnutzung der begrenzten zur Verfügung stehenden Ressourcen,
3.    Möglichkeit einer rheumatologischen Abklärung bei Patienten, bei denen der Primärversorger nicht an die Möglichkeit einer axialen Spondylo-arthritis dachte.

In Anlehnung an die ASAS-Empfehlungen für eine Überweisung von Patienten mit hoher Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen einer axialen Spondyloarthritis wurde ein Online-Tool
www.bechterew-check.de programmiert, in dem Patienten mit chronischen Rückenschmerzen 15 einfache Ja-Nein-Fragen zu den Charakteristika ihrer Rückenschmerzen und zu möglichen Begleiterscheinungen einer Spondyloarthritis beantworten können und beim Vorliegen einer erhöhten Wahrscheinlichkeit einer axialen Spondyloarthritis auf Grund der Antworten die Empfehlung zur rheumatologischen Abklärung erhalten. Fünf der Fragen betreffen die typischen Merkmale des entzündlichen Rückenschmerzes und weitere acht Fragen mögliche Begleiterscheinungen einer Spondyloarthritis.
Der Nutzen dieses Online-Tools wurde in unserer Studie verglichen mit dem Nutzen des etablierten Verfahrens einer Arzt-zu-Arzt-Überweisung mittels der erprobten Berliner Überweisungs-Strategie (von Sieper und Rudwaleit 2005 veröffentlicht).
Von September 2015 bis September 2017 wurden 361 Patienten in die Studie aufgenommen, die sich entweder auf Anraten eines Arztes auf Grund der Berliner Überweisungsstrategie (181 Patienten) oder über unser Online-Tool (180 Patienten) in unserer Abteilung vorstellten.
Die Patienten wurden ausführlich rheumatologisch untersucht und die nötige Diagnostik im Rahmen der klinischen Routine durchgeführt. Am Ende der Untersuchung stand dann entweder die Diagnose einer axialen Spondyloarthritis als Ursache der chronischen Rückenschmerzen fest oder „keine axiale Spondyloarthritis". Auch wenn nach der etablierten Arzt-zu-Arzt-Überweisung signifikant häufiger die Diagnose einer axialen Spondyloarthritis gestellt wurde, zeigte sich die Vorselektion durch unser Online-Tool als effektiv, da immerhin bei knapp 20% der Patienten1, die sich auf Grund unserer Internetseite in unserer Ambulanz meldeten, erstmalig die Diagnose einer axialen Spondyloarthritis gestellt wurde und eine entsprechende Therapie eingeleitet werden konnte.
Folgende Punkte sind besonders hervorzuheben:
•    Eine hohe Zahl der durch unser Tool identifizierten Patienten mit einer axialen Spondyloarthritis hat sich schon bei diversen Ärzten zur Behandlung ihrer chronischen Rückenschmerzen vorgestellt, ohne dass eine Überweisung zum Rheumatologen erfolgte.
•    Die durch unser Online-Tool identifizierten Pati-enten mit einer axialen Spondyloarthritis unterschieden sich substantiell von den durch Ärzte überwiesenen Patienten: Sie waren häufiger weiblich, häufiger HLA-B27-negativ, und zeigten seltener bereits fortgeschrittene knöcherne Veränderungen.
Somit hilft das Online-Tool in Ergänzung zu den bestehenden Überweisungsstrategien, frühe und vor allem „atypische" Verlaufsformen zu identifizieren, welche durch bestehende Raster gefallen sind, und diese somit einer gezielten Betreuung durch einen Rheumatologen zuzuführen.
•    Die Kombination des Online-Auftritts mit dem Überweisungstool sowie das Marketing des Online-Tools im Berliner öffentlichen Personen-Nahverkehr (U-Bahn, S-Bahn) haben zu einem gesteigerten Bewusstsein für entzündliche Wirbelsäulenerkrankungen in der Allgemeinbevölkerung geführt.
Fazit: Die flächendeckende Implementierung des Online-Selbstüberweisungs-Tools kann dazu beitragen, die Diagnoseverzögerung bei Patienten mit einer axialen Spondyloarthritis zu verkürzen und somit zu einer verbesserten Lebensqualität in dieser Patientengruppe führen.

1 Zum Vergleich: Bei chronischen Rückenschmerzen (Dauer mindestens 3 Monate) ohne Erhebung weiterer Befunde beträgt die Wahrscheinlichkeit einer axialen Spondyloarthritis nach Rudwaleit und Sieper nur 5%

Anschrift des erstgenannten Verfassers:
Charité – Universitätsmedizin Berlin, Campus Benjamin Franklin
Hindenburgdamm 30, 12200 Berlin

 

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