Warum hemmt Sport die Entzündung bei Morbus-Bechterew-Patienten?

Von Prof. Dr. Ernst Feldtkeller, Redaktion Morbus-Bechterew-Journal

Dass Bewegung gut gegen die Versteifung ist, sieht jeder ein. Dass nicht bewegte Gelenke versteifen, wussten schon die Ärzte im 17. Jahrhundert: Bernard CONNOR, der an Hand eines auf dem Friedhof gefundenen versteiften Skeletts als Erster unsere Krankheit beschrieb, schloss aus der knöchernen Verbindung der Rippen mit der Wirbelsäule, dass diese Versteifung schon vor der Geburt eingetreten sein muss, denn wenn der Mensch erst einmal atmet, kann doch sein Brustkorb nicht versteifen. Dass Morbus-Bechterew-Patienten, um dem Schmerz auszuweichen, immer mehr zur Bauchatmung übergehen, konnte er, der keine lebenden Morbus-Bechterew-Patienten kannte, nicht wissen.
Warum aber ist körperliche Aktivität gut gegen die Entzündung, wie unsere Erfahrung uns immer wieder lehrt? Dafür gibt es keine einfache Erklärung, denn körperliche Anstrengung stellt doch eine Belastung des Organismus dar und könnte genauso gut die Entzündung anheizen.

Als ich neulich bei einer Bahnfahrt in „Spektrum der Wissenschaft“ einen Artikel zum „Abnehm-Paradox“ las, wurde ich unerwartet fündig. Der Anthropologe Herman PONTZER, der über die menschliche Evolution forscht, befasst sich in dem Artikel mit der Frage, warum Sport nur begrenzt gegen Übergewicht hilft und dem Menschen nichts anderes übrigbleibt, als auf Kalorienbomben zu verzichten, um sein Gewicht in Grenzen zu halten. Er untersuchte dazu den Energieumsatz traditionell lebender „Jäger und Sammler“ in der afrikanischen Savanne, in der sich vor vielen Jahrtausenden die Menschheit zum Homo sapiens entwickelte. Die Menschen dort müssen sich bei der täglichen Jagd mit Pfeil und Bogen viel mehr bewegen als wir. Herman Pontzer stellte überraschend fest, dass diese Jäger und Sammler trotz ihrer anstrengenden Lebensweise nicht mehr Energie pro Tag verbrennen als moderat Sport treibende Schreibtischmenschen in Europa.

Seine überraschende Erklärung: Um sich sein großes, viel Energie verzehrendes Gehirn, seine großen Babys und seine hohe Lebenserwartung trotz des knappen Nahrungsangebots leisten zu können, hat der menschliche Organismus sich im Laufe der Evolution offensichtlich darauf eingestellt, seinen übrigen Energieverbrauch zu begrenzen. Wenn also trotzdem mehr Energie verbraucht wird, wird sie woanders eingespart.

„Möglicherweise stellt der Organismus Ressourcen für zusätzliche körperliche Aktivität bereit, indem er sie von anderen Prozessen abzieht. Zum Beispiel klingen bei sportlicher Betätigung oft Entzündungen ab, die das Immunsystem sonst kostspielig aufrechterhalten würde“. Eine langsamere Wundheilung wird dabei in Kauf genommen.
Für Leser, denen es hauptsächlich ums Abnehmen geht, fügt Herman Pontzer gleich hinzu: „Bitte missverstehen Sie mich nicht: Sport ist immens wichtig. Dieser Artikel soll Ihnen keine Ausrede dafür liefern, auf der faulen Haut zu liegen. Sport hat unglaublich viele nachweislich positive Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf- und das Immunsystem sowie auf Hirnfunktionen, und er begünstigt ein gesundes Altern. Ich vermute, die Stoffwechsel-Anpassungen an körperliche Aktivität sind ein Grund dafür, dass Sport uns gesund erhält, indem sie Energie von potentiell schädlichen Prozessen wie Entzündungen abziehen. Chronische Entzündungen stehen unter anderem mit Herz-Kreislauf-Komplikationen, Autoimmun-Erkrankungen und Krebsleiden in Verbindung.“

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