Was ist bei Wirbelbrüchen oder anderen Notfällen zu beachten

Von Lars Gubler, Zürich, Redakteur der Mitgliederzeitschrift „vertical“ der Schweizerischen Vereinigung Morbus Bechterew

Durch die Versteifungstendenz der Wirbelsäule und das erhöhte Risiko für eine Osteoporose (verminderte Knochendichte) ist für Menschen mit Morbus Bechterew das Risiko erhöht, einen Wirbelbruch zu erleiden. Dies kann zu Verletzungen des Rückenmarks und von dort ausgehender Nerven führen. Dies ist aber nur einer von unterschiedlichen medizinischen Notfällen, denen die Betroffenen begegnen können. Im Folgenden erfahren Sie, wie Sie für solche Notfälle gerüstet sind.

Es kann überall und jederzeit passieren, sei es zuhause, auf der Skipiste oder auf einer Straßenkreuzung: Unfälle können jede und jeden treffen. Manchmal kommt man mit einem „blauen Auge“ davon, doch es kann auch weniger glimpflich ausgehen. Unfälle sind eine der häufigsten Ursachen für vorzeitige Sterblichkeit und der zweithäufigste Grund für Krankenhausaufenthalte. Von allen Unfällen in der Schweiz verunfallen fast 17% der Männer und gut 12% der Frauen zuhause, im Garten oder beim Sport. Lediglich rund 7% der Männer und 3% der Frauen verunfallen während der Arbeit, und knapp 2% sind es beim Straßenverkehr. Rund drei Viertel der im Straßenverkehr tödlich Verunglückten sind Männer.
Trotz immer stärker werdendem Bewusstsein für Unfall-risiken und Vorbeugemaßnahmen im Bereich Arbeitssicherheit lassen sich Unfälle nie ganz vermeiden. Das gilt leider auch für Menschen mit Morbus Bechterew. Doch eines soll vorweg gesagt sein: Lassen Sie sich nicht von einem aktiven Lebenswandel abhalten, sondern versuchen Sie trotz Schmerzen, sich wenn möglich jeden Tag zu bewegen. Denn dies ist die beste Möglichkeit, einer Versteifung und Osteoporose vorzubeugen. Mit der regelmäßigen Morbus-Bechterew-Gruppentherapie sind Sie auf der sicheren Seite. Denn hier wird die Auswahl der Übungen unter größtmöglicher Rücksichtnahme auf den Zustand der Teilnehmer durchgeführt.

Wenig Wissen über Erste Hilfe

Gemäß einer Umfrage des Touring-Clubs Schweiz können die wenigsten Personen in der Schweiz behaupten, in Sachen Erste Hilfe besonders gewandt zu sein. Nur 7% der Befragten konnten spontan die Grundregeln nennen, die bei einem Unfall zu beachten sind. Zudem war nur einem Drittel der Befragten das heute gültige Schema bekannt, um den Zustand einer verletzten Person einzuschätzen. Wie im vergangenen Herbst bekannt wurde, wollen die Straßenverkehrsämter in der Schweiz nun sogar ganz auf die Nothelferkurse verzichten, die seit 40 Jahren obligatorischer Bestandteil der Führerschein-Prüfung waren. Die Begründung der Straßenverkehrsämter: Heute ist das Risiko eines Unfalls im Sport oder im Privatleben höher als im Verkehr. Zudem seien professionelle Rettungskräfte dank Mobiltelefon heute schneller am Unfallort. Anderer Meinung ist die Beratungsstelle für Unfallverhütung: Um Todesopfer im Straßenverkehr und anderswo zu vermeiden, ist es gut, wenn wenigstens Autofahrer wissen, was als erstes zu tun ist. Doch dies ist ja offenbar auch mit den Nothelferkursen nicht der Fall. Deshalb ist es für Menschen mit Morbus Bechterew besonders wichtig, dass sie im Notfall die richtigen Anweisungen geben können oder auch anderen Mitbetroffenen helfen können.

Wirbelsäule nicht „in Position“ zwingen!

Die Rettung nach einem Unfall ist immer ein heikles Unterfangen und keine Situation gleicht der anderen. Die professionell geschulten Sanitäter der Rettungsorganisationen müssen innerhalb von Sekunden Entscheidungen treffen, die für die Patienten Leben oder Tod bedeuten können. Und sie gehen natürlich immer mit der größten Sorgfalt vor, gerade auch in Hinblick auf mögliche Wirbelsäulenverletzungen. Dennoch stellt der Morbus Bechterew immer noch einen Spezialfall in solchen Situationen dar, und die Chancen für Verunfallte steigen, je früher die Rettungskräfte über die Krankheit Bescheid wissen.
Die besonderen Herausforderungen bei einem Morbus-Bechterew-Patienten mit einer starken Wirbelsäulenverkrümmung (Kyphose) sind die sichere Bergung, die Lagerung sowie die Beatmung, ebenso wie im Fall einer Narkose bei einer Operation. Denn gewisse Standardmaßnahmen sind durch die Veränderungen der Wirbelsäule, des Brustkorbs und der Gelenke erschwert. Durch die Versteifung und das erhöhte Osteoporose-Risiko ist die Gefahr von Wirbelfrakturen bei der Rettung zusätzlich erhöht. Ein solcher Bruch kann nicht nur die Wirbelsäule selber verletzen, sondern auch das Rückenmark. Dies kann im Extremfall zu einer Querschnittlähmung führen.
„Bei der Bergung und Lagerung von Verletzten gilt es, die Wirbelsäule so gut wie möglich zu stabilisieren, aber nicht in eine Position zu zwingen. Dies hat bei Morbus-Bechterew-Patienten natürlich eine noch höhere Priorität als sonst“, erklärt Werner EBERHARD, Rettungssanitäter und Dozent bei der Höheren Fachschule für Rettungsberufe in Zürich.

Fortschritte bei Richtlinien und technischen Hilfsmitteln

Wenn die Patienten nicht mehr bei Bewusstsein sind oder aus anderen Gründen nicht mehr selber atmen können, müssen sie künstlich beatmet werden. Dies geschieht, indem man einen Schlauch (Tubus) in die Luftrohre einführt, über den die Rettungskräfte dem Patienten dann Luft zuführen können. Häufiges Problem dabei ist, dass die Atemwege unübersichtlich oder versperrt sind und der Schlauch deshalb nicht eingeführt werden kann. Bei Morbus-Bechterew-Betroffenen mit einer gekrümmten Wirbelsäule ist diese Problematik besonders ausgeprägt.
Deshalb ist es erfreulich, dass auch die Notfallmedizin nicht stillsteht und immer wieder Fortschritte zugunsten der Patienten gemacht werden. Auch werden die sogenannten Standardprotokolle, also die internationalen Vorgaben, wie bei einer Rettung vorzugehen ist, immer wieder überarbeitet. Und besonders wichtig: Die Sanitäter werden heute auch dahingehend geschult, dass sie wenn nötig von diesen Standards abweichen – zum Beispiel im Falle eines verunfallten Morbus-Bechterew-Betroffenen.
Auch bei den technischen Hilfsmitteln gibt es immer wieder Innovationen, welche die Chancen für Verunfallte verbessern, so zum Beispiel alternative Beatmungsgeräte wie die Larynxmaske oder den Larynxtubus (siehe Bild). Mit diesen Geräten können auch Patienten mit unübersichtlichen Atemwegen beatmet werden. Die Larynxmaske besteht aus einem aufblasbaren Silikonkörper, der mit den Fingern in den Schlundbereich geschoben wird. Am Silikonkörper ist ein Schlauch befestigt, über den der Patient beatmet werden kann. Der Larynxtubus ist eine Weiterentwicklung des klassischen Beatmungsschlauchs, die noch effektiver eingesetzt werden kann. Eine große Hilfe ist auch das Video-Laryngoskop, mit dem die Rettungskräfte einen guten Überblick über die Atemwege erhalten und so auch bei einer stark gekrümmten Wirbelsäule die Beatmung vornehmen können. „Bei den technischen Hilfsmitteln ist es wichtig, dass diese an die Patienten angepasst werden, und nicht umgekehrt“, hält Werner Eberhard fest (siehe Interview auf den nächsten Seiten).

Schnelles Handeln rettet Leben

Eines der schlimmsten Szenarien bei einem Unfall ist, wenn der Kreislauf des Patienten stillsteht. „Die Überlebenschance nimmt dann in jeder Minute um 10% ab“, sagt Werner Eberhard. Umso wichtiger sei es, dass Begleitpersonen oder Passanten rasch reagieren, bis Rettungssanitäter und der Notarzt eintreffen. An vielen Orten wurden in den letzten Jahren Defibrillatoren, also Elektroschock-Geräte, installiert, mit denen auch Laien eine Wiederbelebung durchführen können. Es gibt sogar Apps fürs Handy, auf denen man den nächsten Defibrillator finden und gleichzeitig den Notarzt alarmieren kann. Durch die Behandlung mit Elektroschocks kann die häufigste Form des Kreislaufstillstands, das Kammerflimmern, beseitigt werden. Zudem muss aber auch auf altbekannte Methoden wie die Herzdruckmassage und die Mund-zu-Nase-Beatmung zurückgegriffen werden. Auch dafür muss der Hals überstreckt und Druck auf den eventuell starren Brustkorb ausgeübt werden. Der Teil der Wirbelsäule, der aufgrund der Wirbelsäulenverkrümmung nicht auf der Unterlage liegt, sollte mit Decken oder harten Polstern unterstützt werden. Trotzdem lassen sich in manchen Fällen Rippenbrüche leider nicht vermeiden.

Nach dem Unfall ist vor der (möglichen) OP

Wenn es bei einem Unfall oder bei der Rettung zu einem Wirbelbruch gekommen sein sollte, stellt sich bei Morbus-Bechterew-Betroffenen die F rage nach der richtigen Behandlung und einer möglicherweise notwendigen Operation. Frakturen von Wirbelkörpern müssen nicht in jedem Fall operiert werden, in einigen Fällen ist auch eine Korsettbehandlung in Kombination mit Physiotherapie ausreichend. Da die Situation bei der Wirbelsäule von Morbus-Bechterew-Betroffenen jedoch besonders herausfordernd ist, sollte in jedem Fall die Meinung eines oder mehrerer auf den Morbus Bechterew spezialisierter Rheumatologen oder Chirurgen eingeholt werden. Wenn eine Operation der Wirbelfraktur in Betracht gezogen wird, sollte man sich nach den Fallzahlen bei diesem Eingriff in der betreffenden Klinik erkundigen.
Bei einer Operation stellt sich immer auch die Frage nach der Narkose. Bei einer Vollnarkose gibt es keine wesentlichen Unterschiede zwischen Morbus-Bechterew-Betroffenen und anderen Patienten. Anders sieht es bei einer Teilnarkose aus, bei der das Lokalanästhetikum über eine mittig gesetzte Nadel im Bereich der Lendenwirbelsäule zugeführt wird. Bei einer starken Wirbelsäulenversteifung kann es sein, dass die Nadel von schräg seitlich eingeführt werden muss.
Alles in allem kann man sagen, dass die bessere Ausbildung der Rettungssanitäter sowie die technischen Fortschritte bei den Hilfsmitteln auch Morbus-Bechterew-Betroffenen zugutekommen. In Kombination mit den modernen Therapiemöglichkeiten, durch die starke Wirbelsäulenverkrümmungen seltener werden, steigen auch die Chancen für einen glimpflichen Ausgang nach einem Unfall. Aber natürlich gilt es auch weiterhin, sowohl zuhause wie auch bei der Arbeit  oder in der Freizeit, keine unnötigen Risiken einzugehen und Unfälle wenn möglich zu vermeiden.

Kontakt:    lars.gubler(at)bechterew.ch
Quelle:     In Absprache mit dem Verfasser übernommen aus „vertical“
(Mitgliederzeitschrift der SVMB) Heft 75 (Februar 2018) S. 4–6

Zur Beatmung von Verunfallten oder bei einer Operation gibt es verschiedene Möglichkeiten, zum Beispiel die Larynx-Maske (Kehlkopfmaske, links) oder den Larynx-Tubus, der durch den Kehlkopf in die Luftröhre eingeführt wird (rechts).

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