Wenn der „Freund und Helfer“ angreift

Von Lars Gubler, Redakteur der Mitgliederzeitschrift der Schweizerischen Vereinigung Morbus Bechterew

Das Immunsystem ist für unser Leben absolut notwendig. Es schützt uns vor Krankheiten, Erregern und schädlichen Umwelteinflüssen. Doch das Immunsystem funktioniert leider nicht immer wie gewünscht. Beim Morbus Bechterew greift es auch Zellen des eigenen Körpers an. Doch was passiert da eigentlich genau? Und vor allem: Wie sollen wir uns gegenüber diesem Freund, der gleichzeitig zum Feind wird, verhalten?

Erkranken wir beispielsweise an der Grippe, ist unser Immunsystem geschwächt und muss – teilweise aus eigener Kraft und teilweise mit Unterstützung – wieder auf die Beine kommen. Doch wie funktioniert das Immunsystem? Wie können wir es stärken? Und sollen wir das im Fall des Morbus Bechterew überhaupt? Beim Morbus Bechterew spielt das Immunsystem eine zentrale Rolle. Denn der Morbus Bechterew gehört zu den Autoimmun-Erkrankungen, also zu den Krankheiten, bei denen sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet. Wieso es dies tut, wüssten gern sowohl die Betroffenen als auch die Ärzte und natürlich vor allem auch die Forschenden. 

Bestimmte Medikamente, die sogenannten TNF-alpha- und Interleukin-17-Hemmer, hemmen Komponenten des Immunsystems. Sie lindern dadurch zwar die Beschwerden, machen die Betroffenen aber gleichzeitig anfälliger für Infekte. 
Man könnte also sagen, das Immunsystem und Morbus-Bechterew-Betroffene haben eine etwas zwiespältige Beziehung zueinander. Das kann einerseits mit unseren Genen und andererseits auch mit unserer Lebensweise oder gewissen Belastungssituationen1 zu tun haben. Die „Kann“-Formulierung ist hier ganz bewusst gewählt, denn viele der Fragen rund um die Gene, das Immunsystem und den Morbus Bechterew konnten leider noch nicht abschließend geklärt werden. So ist dieser Beitrag denn auch als Spurensuche zu verstehen, und einige Fragen werden offen bleiben müssen. 

Sicher haben Sie schon vom ominösen HLA-B27 gehört, dem Erbfaktor, der bei Morbus-Bechterew-Betroffenen auffallend häufig vorkommt. Die familiäre Häufung des Morbus Bechterew ist ja bereits seit mehreren Jahrzehnten bekannt. Seit dieser bahnbrechenden Entdeckung hat sich viel getan. Das menschliche Erbgut konnte vollständig entschlüsselt werden. Neue Technologien haben den Zeitaufwand und die Kosten für diesen Prozess um ein Vielfaches reduziert. Damit besteht auch für Morbus-Bechterew-Betroffene Hoffnung auf neue Behandlungsmöglichkeiten. 
Viele Gründe also, weshalb es für Betroffene dieser Autoimmun-Erkrankung interessant ist, dem immer noch geheimnisvollen Immunsystem einmal auf den Grund zu gehen. 


Positive Wirkungen und Risiken 

Wir Menschen – unabhängig davon, ob mit oder ohne Morbus Bechterew – stehen in ständigem Austausch mit der Umwelt. Und dies nicht nur durch Begegnungen und Kommunikation, sondern auch durch den Austausch von Mikroorganismen, Viren und Bakterien. Dieser Austausch kann einerseits mit Risiken verbunden sein – wie jeder bestätigen kann, der schon einmal eine Grippe durchgemacht hat. Andererseits ist die Besiedlung mit Mikroorganismen auf der Haut und im Körper entscheidend für unsere Überlebensfähigkeit. Nur durch sie kann sich unser Immunsystem, also unser körpereigenes Sicherheitsnetz aus Feuerwehr, Sanität und Polizei, entwickeln und unseren Körper vor Krankheitserregern und schädlichen Umwelteinflüssen schützen. 
Ein erwachsener Mensch wird von etwa 100 Billionen Bakterien besiedelt, ein Großteil davon im Magen-Darm-Trakt. Wenn wir auf die Welt kommen, ist der Darm zunächst noch frei von Bakterien und wir sind der Umwelt ziemlich hilflos ausgeliefert2. Der Schutz wird erst mit der Zeit aufgebaut und muss sich dann während unseres ganzen Lebens immer wieder an neue Situationen und Bedrohungen anpassen. In dieser Hinsicht unterscheidet sich das Immunsystem von Morbus-Bechterew-Betroffenen nicht von anderen Personen. Doch für Betroffene mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen wie dem Morbus Bechterew scheinen die Billionen von Bakterien, die den Darm besiedeln – sie werden häufig Darmflora oder Mikrobiom genannt – eine besondere Bedeutung zu haben. So treten solche Erkrankungen auffallend häufig gemeinsam auf und es bestehen auch Ähnlichkeiten im Entzündungsgeschehen. Doch könnten die Bakterien womöglich sogar mitverantwortlich sein für den Ausbruch des Morbus Bechterew?3


Der Ort des Geschehens 

Tatsächlich ist das häufige gemeinsame Auftreten chronisch-entzündlicher Erkrankungen eine wichtige Spur bei der Erforschung der Ursachen des Morbus Bechterew. Denn die Tatsache, dass das Immunsystem bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen durch Verletzungen der Darmschleimhaut ständig Darmbakterien ausgesetzt ist, ist ein Hinweis darauf, dass es auch beim Morbus Bechterew eine wiederholte Stimulation durch Bakterien sein könnte, welche die schädliche Immunreaktion auslöst. 

Auch wenn diese Zusammenhänge noch nicht abschließend geklärt werden konnten, weiß man immerhin etwas über den genauen Ort des Krankheitsgeschehens beim Morbus Bechterew. So scheint der primäre Ort der Entzündung jeweils an der Grenzzone zwischen Knorpel und Knochen zu liegen. Dabei handelt es sich um sogenannten Faserknorpel, also z.B. Sehnen und Bänder, die am Knochen ansetzen, oder auch um die Grenzflächen zwischen Wirbelkörpern und Bandscheiben. 
In Versuchen konnte auch gezeigt werden, dass aus den Kreuzdarmbeingelenken bestimmte Zellen, die aus dem Knochenmark stammen, in den Knorpel eindringen. Als deren Quelle kommen neben dem Knochenmark selbst auch die Blutgefäße im Knochenmark in Frage. Die gleichen Zellen konnten in den Versuchen auch an anderen Orten des Krankheitsgeschehens wie beispielsweise im Auge oder in der Hauptschlagader nachgewiesen werden. 

Außerdem gibt es auch Studien zur Frage, inwiefern die Immunantwort beim Morbus Bechterew durch Traumata – körperlicher oder psychischer Art – ausgelöst werden könnte. Körperliche Verletzungen finden vor allem dort statt, wo die mechanische Belastung besonders groß ist, z.B. in den häufig betroffenen Sehnenansätzen an den Beinen, der Wirbelsäule oder der Ferse. Die Verletzung könnte dann einen ersten bakteriellen Kontakt und eine unspezifische Entzündung auslösen, die dann das Immunsystem auf den Plan ruft. Ob dazu ein einmaliger Kontakt ausreicht oder ob dieser anhaltend sein muss, konnte bisher nicht endgültig beantwortet werden. 

Auch traumatische Kindheitserfahrungen könnten gemäß einer neueren Untersuchung4 eine wesentliche Rolle bei der Entstehung entzündlich-rheumatischer Erkrankungen spielen5


Zu viel Hygiene, zu wenig Muttermilch? 

Wenn also beim Morbus Bechterew die Gene und das Immunsystem, aber auch die Bakterien im Darm eine Rolle zu spielen scheinen, stellen sich für Betroffene ganz konkrete Fragen. Hat man als betroffener Mensch über die Ernährung oder die Hygiene einen Einfluss? Oder könnte allenfalls die Umgebung, in der man aufgewachsen ist, eine Rolle spielen? Die „Hygiene-Hypothese“ besagt, dass ein allzu hygienisches Umfeld in der Kindheit das Ausbrechen von Autoimmun-Erkrankungen begünstigen könnte. Gemäß dieser Hypothese ist das Immunsystem von Kindern, die in einem solchen Umfeld aufwachsen, zu wenig gefordert und kann sich deshalb nicht richtig entwickeln. Als Folge davon ist das Immunsystem dann im Erwachsenenalter überfordert. 

Es gibt eine Vielzahl wissenschaftlicher Untersuchungen zur Hygiene-Hypothese, doch unter den Forschenden bestehen bis heute große Meinungsverschiedenheiten über ihre Gültigkeit. 

Auch das Thema Muttermilch taucht im Zusammenhang mit dem Immunsystem und Autoimmun-Erkrankungen immer wieder auf. Denn die Muttermilch ist ja nicht einfach nur Nahrung während der ersten Lebensmonate, sondern mit all ihren Botenstoffen und Spurenelementen entscheidend am Aufbau des Immunsystems beteiligt. Es bleibt indes weiterhin offen, ob Babys, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht gestillt werden konnten, ein höheres Risiko haben, später am Morbus Bechterew zu erkranken6. Betroffene müssen bei der Frage, ob sie auf irgendeine Art und Weise Einfluss auf die Autoimmunreaktion nehmen können, also weiterhin im Dunkeln tappen. 


„Pech und schlechte Gene“ 

Aber was ist es nun, was zu der schädlichen Immunreaktion beim Morbus Bechterew führt? Zu wenig Muttermilch, zu viel Hygiene? Stress oder körperliche Überbelastung? Oder doch die Gene? Oder eine Kombination mehrerer Faktoren? 
Die Forschung geht heute davon aus, dass es neben all diesen möglichen, aber immer noch weitgehend ungeklärten Faktoren auch schlicht und einfach der Faktor „Pech“ sei, der zum Ausbruch des Morbus Bechterew führt. Die Forscher sprechen von der Konstellation „Pech und schlechte Gene“7. Für Betroffene ist es natürlich nicht besonders hilfreich, wenn man ihnen zuruft: „Pech gehabt!“ Tatsache ist aber, dass man bis heute weder einen einzelnen Faktor noch eine bestimmte Kombination von Faktoren dingfest machen konnte, die eine Autoimmun-Erkrankung auslösen. Gemäß heutigem Stand muss also davon ausgegangen werden, dass leider auch eine Portion Pech dazugehört, wenn der Morbus Bechterew ausbricht. 

Dass dem so ist, zeigen Untersuchungen an eineiigen Zwillingen. Bei den meisten Autoimmunerkrankungen liegt das Risiko, dass neben dem einen Zwilling auch der andere Zwilling von derselben Erkrankung betroffen ist, unter 50%. Am höchsten ist dieser Wert bei der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn. Das Risiko, zu erkranken, wird also nicht allein von den Genen, aber auch nicht ausschließlich von Umweltfaktoren beeinflusst. Es muss also eine Mischung von beidem sein. 

Man weiß zwar seit 1973, dass der Erbfaktor HLA-B27 bei Morbus-Bechterew-Betroffenen deutlich häufiger vorliegt als in der nicht-betroffenen Bevölkerung. Dazu gibt es mehrere Theorien über den Zusammenhang zwischen dem Erbfaktor und dem Immunsystem. Doch auch heute ist noch immer unklar, welche dieser Theorien die richtige ist. 


Wir haben zumindest teilweise die Kontrolle 

Das Glück für Morbus-Bechterew-Betroffene ist, dass seit der Entdeckung des HLA-B27 große Fortschritte in der Genetik gemacht wurden und immer noch gemacht werden. So kann das gesamte Erbgut eines Menschen heute viel schneller und kostengünstiger analysiert werden. So ist es theoretisch möglich, irgendwann ein genaues genetisches Profil des Morbus Bechterew zu finden. Aus der Kombination „Pech und schlechte Gene“ könnte dann eine Perspektive für neue Behandlungs- oder gar Heilmethoden entstehen. 

Bereits heute hat man gelernt, die schädliche Immunreaktion, wie sie beim Morbus Bechterew vorkommt, zu unterbinden. Die Rede ist von den Biologika8, insbesondere den TNF-alpha- und den Interleukin-17-Hemmern. Durch sie sind die therapeutischen Möglichkeiten für Menschen mit Morbus Bechterew heute deutlich größer als noch vor 20 Jahren. Mit diesen Medikamenten wurde es erstmals möglich, die Autoimmunreaktion zu unterdrücken. 
Der Nebeneffekt oder die unerwünschte Wirkung dieses Durchbruchs ist die allgemeine Schwächung des Immunsystems, die zu einer leicht höheren Infekt-Anfälligkeit führt. Das Immunsystem ist eben zu komplex, als dass es sich ganz so einfach austricksen lassen würde. Die Folge ist das vermehrte Auftreten von Infektionskrankheiten wie beispielsweise einer Grippe oder einer Blasenentzündung. Aufgrund dessen ist unter einer Biologika-Therapie vor Behandlungsbeginn eine Überprüfung der Grundimmunisierung und der empfohlenen Auffrischungs-Impfungen durch den Hausarzt nötig. 


Neue Behandlungsansätze ... 

Was wäre, wenn diese hochmodernen und für viele Betroffene hilfreichen Medikamente nur der Anfang von etwas viel Größerem wären? Wenn sie sozusagen die Schallplatten und Kassetten der 1980er-Jahre wären und wir noch keine Ahnung hätten, dass da noch CDs, DVDs, MP3-Player und Sharing-Plattformen für Musik und Filme aus dem Internet auf uns warten? 
Es sollen hier keine überzogenen Hoffnungen geweckt werden, sondern lediglich aufgezeigt werden, dass es sich auch für Morbus-Bechterew-Betroffene lohnt, für das heute noch Undenkbare offen zu bleiben. Denn die Forschenden arbeiten in ihren Labors bereits mit Hochdruck daran, völlig neue Behandlungsmethoden für Autoimmun-Krankheiten wie den Morbus Bechterew zu entwickeln. So konnte ein internationales Forscherteam zum Beispiel nachweisen, dass das Immunsystem über eine Stimulation des zentralen Nervensystems beeinflusst werden kann. Das funktioniert in etwa wie ein Herzschrittmacher. 

Davon ausgehend, dass eines der Hauptanzeichen einer Entzündung Schmerzen sind, kann man sicher sein, dass das Gehirn über die Entzündung „Bescheid weiß“. Andernfalls würde man die Schmerzen ja gar nicht wahrnehmen. Die Forscher folgern daraus, dass es umgekehrt auch möglich sein sollte, über das zentrale Nervensystem Einfluss auf die Entzündung zu nehmen. Sie untersuchten ihren Therapieansatz mittels schwacher elektrischer Impulse bei einer kleinen Gruppe von Patienten mit rheumatoider Arthritis, bei denen medikamentöse Therapien wirkungslos waren. Tatsächlich zeigten 12 der 17 Probanden durch den „Immunschrittmacher“ deutliche Verbesserungen. 


...und der wichtige eigene Beitrag 

Solche – zugegebenermaßen noch sehr experimentellen – Ansätze zeigen, dass in der Medizin noch vieles möglich ist, und sie geben den Betroffenen Hoffnung. Doch bis diese futuristischen Methoden im Stadium der Behandlungsreife angekommen sind, wird es wohl noch Jahre oder Jahrzehnte dauern. Umso glücklicher können sich Betroffene schätzen, bei denen die heute verfügbaren Biologika gut wirken. Auch wenn sie die eigentliche Wurzel des Problems, also die Fehlfunktion des Immunsystems, nicht zu beheben vermögen, so können sie der Entzündung doch klar Einhalt gebieten und so den Betroffenen viel Lebensqualität zurückgeben. 
Daneben bleibt gerade auch mit Blick auf das Immunsystem der eigene Beitrag in Form von Bewegungstherapie und eines gesunden Lebensstils zentral. Dazu gehören neben einer gesunden Ernährung auch genügend Bewegung und Schlaf sowie der Verzicht aufs Rauchen und der regelmäßige Aufenthalt in der Natur. Denn auch wenn das Immunsystem von Morbus-Bechterew-Betroffenen aus dem Gleichgewicht geraten ist, hat es doch immer noch eine wichtige schützende Funktion. Und damit es diese ausüben kann, braucht es unsere Unterstützung.      

Anschrift des Verfassers:
Schweizerische Vereinigung Morbus Bechterew,
Leutschenbachstr. 45, 8050 Zürich, Schweiz

Quelle:     „vertical“, Mitgliederzeitschrift der Schweizerischen 
Vereinigung Morbus Bechterew, Heft 83 (Februar 2020)
Illustration: Dr. Késsara Chan/Natasa Milosevic

1) mechanische Belastung an Sehnenansätzen, Belastung des Immun-systems durch Rauchen oder eine psychische Belastung 
2) weil das Immunsystem noch keine fremden Antigene kennengelernt hat
3) Der Ausbruch einer Spondyloarthritis wird häufig mit einer akuten Magen-Darm- oder Urogenital-Infektion in Zusammenhang gebracht, Anmerkung der Redaktion.
4) Dass negative Kindheitserlebnisse die Wahrscheinlichkeit einer rheumatischen Erkrankung im Erwachsenenalter erhöhen, haben z.B. Dube u.a. 2009 in ihrer Veröffentlichung „Cumulative Childhood Stress and Autoimmune Diseases in Adults“ beschrieben. 
5) Dass weit zurückliegende, im Unterbewusstsein abgespeicherte traumatische Erfahrungen beim Morbus Bechterew eine Rolle spielen, zeigen auch die großartigen Erfolge der Neurokognitiven Therapie, Anmerkung der Redaktion.
6) Nach einer Untersuchung in Frankreich reduziert Stillen die Morbus-Bechterew-Häufigkeit.
7) Dass der Erbfaktor HLA-B27 gerade in nördlichen Breiten relativ verbreitet ist, spricht dafür, dass er dort auch seine Vorteile hat. Anscheinend kommen manche Viren mit diesem Erbfaktor schlecht zurecht, so dass HLA-B27-Träger seltener an einer Grippe erkranken. Ein „schlechtes Gen“ wäre in der Bevölkerung nicht so erfolgreich weitergegeben worden, Anmerkung der Redaktion.
8) auf Erkenntnissen der Molekularbiologie beruhende, mit Hilfe gentechnisch veränderter Bakterien hergestellte Medikamente

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Das passiert bei einer Immunreaktion