Wodurch wird bei Morbus-Bechterew-Patienten die sexuelle Aktivität beeinflusst?

Von Kari Hansen Berg, Prof. Dr. Gudrun Rohde, Anne Prøven, Elsa Almås, Prof. Dr. Esben E. Pirelli Benestad, Prof. Dr. Monika Østensen und Prof. Dr. Glenn Haugeberg, Norwegen

 

Die Lebensqualität ist eine subjektive Größe mit körperlichen, psychischen, gesellschaftlichen und spirituellen Dimensionen, zu deren Bestandteilen auch die sexuelle Aktivität und die Freude daran gehören. Die Welt-Gesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO) hat sexuelle Gesundheit definiert als körperliches, gefühlsmäßiges, geistiges und gesellschaftliches Wohlbefinden in Bezug auf die Sexualität. Die körperlichen und psychischen Folgen einer chronischen Krankheit können aus lebenslanger Perspektive die Lebensqualität stark beeinträchtigen, einschließlich der sexuellen Funktion und des sexuellen Empfindens.
Trotz der Bedeutung der sexuellen Gesundheit als Teil der Lebensqualität ist kaum etwas bekannt über die Sexualität von Patienten mit einer rheumatischen Krankheit einschließlich der axialen Spondyloarthritis. Wir haben deshalb eine Studie durchgeführt, in der wir den Zusammenhang zwischen demographischen bzw. krankheitsbezogenen Größen und der sexuellen Aktivität von Patienten mit einer axialen Spondyloarthritis untersuchten.

Untersuchungsmethode

In die Studie eingeschlossen wurden 389 Patienten, die zwischen Oktober 2008 und Mai 2011 ambulant in den Rheumakliniken des Martina-Hansens-Hospitals in Bærum und des Sørlandet Hospitals in Kristiansand (Norwegen) behandelt wurden. Die Patienten mussten mindestens 18 Jahre alt sein und die ASAS-Kriterien3 für die axiale Spondyloarthritis erfüllen.
Die gesundheitsbezogene Lebensqualität wurde mit dem 15D-Fragebogen ermittelt, in dem der Gesundheitszustand in 15 Aspekten erfragt wird: sehen, hören, atmen, schlafen, essen, sprechen, weglassen, übliche Aktivitäten, geistige Funktion, Unannehmlichkeiten, Beschwerden, Depressionen, Stress, Vitalität und sexuelle Aktivität. Bei jedem Aspekt gibt es fünf Antwortmöglichkeiten. Beim Gesundheitseinfluss auf die Sexualität lauten die Antwortmöglichkeiten:
Mein Gesundheitszustand
1. beeinträchtigt meine sexuelle Aktivität nicht
2. beeinträchtigt meine sexuelle Aktivität nur wenig
3. beeinträchtigt meine sexuelle Aktivität erheblich
4. macht meine sexuelle Aktivität nahezu unmöglich
5. macht meine sexuelle Aktivität unmöglich.

Der 15D-Fragebogen hat sich bei anderen Krankheiten gut bewährt.

Untersuchungsergebnisse

Von den 389 Studienteilnehmern beant-worteten 10 Patienten die Frage 15 nach dem Einfluss des Gesundheitszustands auf die Sexualität nicht. Diese Patienten waren im Mittel älter als die antwortenden Patienten (52 gegenüber 46 Jahre, Unterschied nicht signifikant). Die Antworten der übrigen 379 Patienten verteilten sich folgendermaßen:
36% kein Einfluss auf die Sexualität,
46% nur geringer Einfluss,
16% erheblicher Einfluss,
1% Sexualität fast unmöglich,
1% unmöglich.

Tabelle 1 zeigt die Ergebnisse für alle 379 antwortenden Patienten und getrennt für die 312 Patienten (82%) mit keinem oder nur geringem Einfluss und für die 67 Patienten (18%) mit starkem Einfluss des GesundheitsGesundheitszustands auf die sexuelle Aktivität. Das Alter der Antwortenden reichte von 18 bis 81 Jahren. 67% der Antwortenden waren männlich. 87% der Antwortenden waren HLA-B27-positiv. 81% gaben an, einen Partner zu haben, mit dem sie gegenwärtig Sex hatten. 76% waren verheiratet oder lebten mit ihrem Partner zusammen. 44% wurden mit nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) behandelt, 5% mit konventionellen Langzeit-Medikamenten (DMARDs) und 22% mit Biologika.

Tabelle 1: Charakteristiken aller antwortenden Patienten und der Patienten mit keiner/ geringer bzw. großer Einschränkung der sexuellen Aktivität durch den Gesundheitszustand

 

 

alle Antwortenden

keine/geringe
Einschränkung

starke
Einschränkung

p

 

Mittleres Alter

46 Jahre

45 Jahre

48 Jahre

n.s.

 

Weiblicher Anteil

33%

31%

45%

0,03

 

Mittlerer Body Mass Index

27 kg/m2

26 kg/m2

28 kg/m2

0,01

 

Raucher-Anteil

27%

25%

38%

0,03

 

Erwerbstätig

71%

78%

53%

0,001

 

Übungen > 1 h/Woche

85%

88%

72%

0,001

 

Mittlerer CRP-Laborwert

8,6 mg/dL

8,5 mg/dL

9,0 mg/dL

n.s.

 

Mittlerer BASDAI

3,2

2,9

4,7

0,001

 

Mittlerer BASFI

2,7

2,3

4,5

0,001

 

Mittlerer BASMI

2,4

2,3

3,0

0,01

 

Anteil der Patienten, die derzeit behandelt werden mit

 

NSAR

44%

82%

18%

n.s.

 

Biologika

22%

21%

27%

n.s.

 

p = Wahrscheinlichkeit, dass der Unterschied auf einem Zufall beruht, n.s. = nicht signifikant

Patienten, die über einen starken Einfluss des Gesundheitszustands auf die sexuelle Aktivität berichteten, hatten im Mittel einen signifikant höheren BMI (Body Mass Index)4 , waren zu einem größeren Anteil Rau-cher, tranken im Mittel mehr Alkohol, waren zu einem größeren Anteil nicht erwerbstätig, führten weniger Bewegungsübungen durch, hatten mehr Begleiterkrankungen, eine höhere Krankheitsaktivität (BASDAI)5, eine stärkere Behinderung bei Alltagsverrichtungen (BASFI)4 und stärkere Beweglichkeits-Einschränkungen (BASMI)4.
Statistisch signifikante Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Studienteilnehmern sind in der Tabelle 2 zusammengestellt.

Bei der statistischen Untersuchung, wie die in Tabelle 1 aufgeführten Charakteristiken zusammenhängen, stellte sich heraus, dass nur das Geschlecht, erhöhtes Körpergewicht und Rauchen unabhängig voneinander einen starken negativen Einfluss auf die sexuelle Aktivität haben, während die Krankheitsschwere und die Art der Therapie keinen unabhängigen Einfluss haben.
Dass Lebensstil-Faktoren (Übergewicht, Rauchen) einen stärkeren unabhängigen Einfluss haben als die Krankheitsschwere (BASDAI, BASFI, BASMI), war so nicht erwartet worden. Ein starker Einfluss des Body Mass Index auf die sexuelle Aktivität war allerdings auch in anderen Studien schon festgestellt worden.
Für Morbus-Bechterew-Patienten ist es also wichtig, zu wissen, dass ein gesunder Lebensstil eine wesentliche Voraussetzung für ein aktives Sexualleben darstellt.

Tabelle 2: Statistisch signifikante Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Studienteilnehmern

 

 

männlich

weiblich

p

 

Mittlerer Body Mass Index (BMI)3

28 kg/m2

26 kg/m2

0,001

 

Mehr als 7 Gläser alkoholische Getränke pro Woche

12%

7%

0,01

 

Erwerbstätig

77%

67%

0,05

 

Mittlere Krankheitsaktivität (BASDAI)

3,0

3,5

0,05

 

Mittlere Behinderung (BASFI)

2,7

2,8

n.s.

 

Mittlere Beweglichkeitseinschränkung (BASMI)

2,6

2,0

0,01

 

Starke Beeinträchtigung der sexuellen Aktivität

15%

24%

0,02

 

 

1) Weitere Artikel zur Sexualität bei Morbus Bechterew erschienen in Bechterew-Brief Nr. 18 S. 26–37, Nr. 51 S. 19–21, Nr. 63 S. 11–14, Nr. 64 S. 90, Nr. 68 S. 79, MBJ Nr. 106 S. 22–26, Nr. 124 S. 6–7 und Nr. 125 S. 48–49
2) Morbus Bechterew und nicht-röntgenologische axiale Spondyloarthritis, siehe MBJ Nr. 129 S. 36–37, Nr. 132 S. 5–6, Nr. 139 S. 23, Nr. 140 S. 6–8
3) MBJ Nr. 117 S. 39–40, Nr. 146 S. 4–5, DVMB-Schriftenreihe Heft 13
4) BMI = Körpergewicht dividiert durch Körperlänge im Quadrat.
5) MBJ Nr. 121 S. 9–12, DVMB-Schriftenreihe Heft 13

Anschrift der erstgenannten Verfasserin:
Faculty of Health and Sport Sciences, University of Agder, Postbox 422, 4604 Kristiansand, Norwegen

Quelle: Gekürzte patientengemäße Übersetzung des in der Zeitschrift Scandinavian Journal of Rheumatology Band 46 (2017) S. 461–467 erschienenen Artikels „Exploring the relationship between demographic and disease-related variables and perceived effect of health status on sexual activity in patients with axial spondyloarthritis (dort mit ausführlichem Literaturverzeichnis)

 

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