Interview mit Prof. Dr. Hanns-Martin Lorenz

Erstellt von Evelin Schulz |

Leiter der Sektion Rheumatologie in der Universität Heidelberg und Medizinisch-wissenschaftlicher Leiter des Rheumazentrums Baden-Baden
 

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Lorenz, Sie haben mit einem Bündnis die Kampagne #rheuma2025 gestartet. Worum geht es Ihnen konkret?

Das Bündnis für Rheumatologie tritt für eine bessere rheumatologische Versorgung von Millionen Patienten/Patientinnen heute und in Zukunft ein. Der Zugang zum Facharzt ist für viele Patien-ten schwierig. Aktuell ist Rheumatologie ein Fach der inneren Medizin, das viel zu wenige Fachärzte und Weiterbildungsstellen anbieten kann. 
Rheumatologie gehört – und das sehe ich äußerst positiv – zur sogenannten sprechenden Medizin. Der Typus „sprechende Medizin“ bedeutet, dass sie mit weniger technischer Hilfestellung und mehr mit der Hinwendung zum Patienten arbeitet. In Bezug auf die Wirtschaftlichkeit von Krankenhäusern sind jedoch die medizinischen Fachrichtungen, die technisch aufwändige Prozeduren einsetzen, bedeutsamer für die Finanzierung des Systems Krankenhaus. Mit viel technischen Leistungen ist somit viel Geld im System, das wiederum eine hohe Zahl von Weiterbildungsstellen finanziert. So richtet sich die Anzahl der Weiterbildungsstellen, die den jungen Kollegen/Kolleginnen nach dem Studium zur Verfügung steht, viel mehr nach dem Finanzierungssystem und nicht nach dem Bedarf der Bevölkerung, wie es eigentlich sein sollte. 
Ein Krankenhaus errechnet aufgrund des wirtschaftlichen Umsatzes der jeweiligen Fachrichtun-gen, wie viele Weiterbildungsstellen für Rheumatologie, Pathologie, Hämatologie, Chirurgie usw. zur Verfügung gestellt werden können. Die Anzahl der Weiterbildungsstellen richtet sich somit an der finanziellen Schlagkraft der Fachdisziplin, und nicht am Bedarf der Bevölkerung. Die Gesundheitspolitik hat diese Entkoppelung erlaubt und damit eine wichtige Stellschraube aus der Hand gegeben, mit der sie für eine adäquate Versorgung der Bevölkerung sorgen könnte. 
Die Kampagne #rheuma2025 hat u.a. zum Ziel, diese Situation der Öffentlichkeit – vor allem auch den Gesundheitspolitikern – klar zu machen. Die Rheumakranken leiden unter dieser Mangelversorgung. Ähnlich wie in der Allgemeinmedizin kann sich jetzt etwas ändern, indem z.B. die Anzahl der Weiterbildungsstellen für Rheumatologen/Rheumatologinnen durch eine eigene Förderung gehoben wird. 
Eine weitere Zielsetzung der Kampagne richtet sich an die jungen Studierenden, die aufgezeigt bekommen, wie spannend eigentlich Rheumatologie ist. 

Die Kampagne richtet sich somit nicht nur an die Studierenden selbst, sondern auch an die Universitäten, Weiterbildungskliniken und die Politik? Die nächste spannende Frage ist: Wie könnte Politik künftig nach Ihrer Ansicht besser Einfluss nehmen? Haben Sie Beispiele, wo es gut läuft?
Ich schaue gerne auf das französische System. Frankreich hat ja ein sehr zentralistisches Gesundheitssystem. Unser föderales System in Deutschland ist in vielerlei Hinsicht gut, erschwert aber an manchen Stellen wie z.B. in der Gesundheitsversorgung einiges. In Frankreich wird genau ermittelt, wie viel Kardiologen/Kardiologinnen, Gastrologen/Gastrologinnen, Rheumatologen/Rheumatologinnen usw. benötigt werden. Der Bedarf wird z.B. anhand der Altersstruktur der Ärzte ermittelt. Der Staat beteiligt sich an der Finanzierung der Weiterbildung. Kliniken können sich für diese Weiterbildungsförderung bewerben und bekommen einen Teil des Gehalts eines Weiterzubildenden finanziell bezuschusst. Somit wird gewährleistet, dass erstens das Weiterbildungsprogramm gut ist, denn nur gute Kliniken werden den Zuschlag bekommen, und zum zweiten wird zielgenau die Anzahl der benötigten Fachärzte/Fachärztinnen weitergebildet. Anders als in Deutschland gibt es somit eine klare Trennung zwischen der allgemeinen Krankenhausfinanzierung und der Weiterbildungsfinanzierung.
Ich werde nicht müde zu vermitteln, dass es ein politisches Umdenken geben muss und dass die Weiterbildungskosten nicht in die Krankenhausfinanzierung eingebettet sein dürfen. Hierfür sollte es künftig zwei ganz unterschiedliche Finanzierungstöpfe geben, die auf die unterschiedlichen Ziele ausgerichtet sind: Der eine zielt darauf ab, dass das Krankenhaus finanziell überleben kann, und der andere darauf, dass die Bevölkerung gut mit Fachärzten versorgt ist. Gemeinsam und mit starker Stimme müssen wir das der Politik vermit-teln. 
Es kann nicht sein, dass die Wirtschaftlichkeit der Krankenhäuser ausschlaggebend für die medizinische Versorgung der Bevölkerung ist. Eine Krankenhausleitung muss sich momentan für die Förderung der Abteilungen entscheiden, die mehr Einnahmen versprechen. Meistens sind die technischen Prozeduren hier finanziell wertvoller als ein einstündiges Aufarbeiten eines neuen Falls mit Gespräch und körperlicher Untersuchung, Beratung und Aufklärung. 
Da spreche ich im Übrigen auch für die vielen Kollegen/Kolleginnen der gesamten sprechenden Medizin, z.B. auch für Psychiater/innen, Diabeto-logen/Diabetologinnen u.s.w. Die Allgemeinmediziner/innen haben es uns vorgemacht. Sie hatten einen großen Mangel an Nachwuchs. Nun gibt es einen eigenen Topf für ihre Weiterbildung.  

Heißt das, dass Betroffene lange auf einen Termin bei einem Rheumatologen / einer Rheumato-login warten müssen?
Leider ja. Die Zahlen belegen, dass ein Patient / eine Patientin mit einer neuen Arthritis im Schnitt 9 Monate wartet, bis er/sie einen Termin beim Facharzt bekommt, bei einer Spondylitis ankylosans  sind es nach Daten der Deutschen Rheumaliga sogar über 2,7 Jahre. 
Wie ist der aktuelle Wissensstand in Bezug auf die entzündlich-rheumatische Erkrankung Spondylitis ankylosans in der Bevölkerung nach Ihrer Ansicht einzuschätzen?
Ich glaube, dass der Wissensstand sehr gering ist. Viele Menschen meinen, dass die Betroffenen in der Regel Männer sind, die nicht mehr ganz grade gehen und sich komisch bewegen, weil die Wirbelsäule ein bisschen eingesteift ist. 
Über die rheumatischen Erkrankungen im Allgemeinen weiß die Allgemeinheit wenig. Wir wollen vermitteln, dass es viele rheumatische Erkrankungen gibt und dass die Erkrankungen auch bereits junge Menschen treffen können.  

Und was kann die Kampagne speziell für die an Spondylitis ankylosans Erkrankten bewirken?
Ich denke: viel. Die Kampagne zielt zwar nicht allein auf die Spondylitis ankylosans ab, sondern auf alle rheumatischen Erkrankungen. Wenn wir es schaffen, auf mehreren Ebenen für die rheumatologische Versorgung etwas zu bewegen, dann ist dies natürlich auch für Spondylitis-ankylosans-Patienten gut, genauso wie für Patienten mit einer chronischen Polyarthritis, einem Lupus etc. 
Wir wollen Studierende dazu bringen, sich für die Rheumatologie zu interessieren. Wenn wir also für mehr ausgebildete Rheumatologen/Rheumatologinnen sorgen, wenn wir es schaffen die Gesundheitspolitiker zu überzeugen, dass jetzt gehandelt werden muss, dann ist auch für die Spondylitis-ankylosans-Patienten ganz viel gewonnen, weil die Erkrankung früher diagnostiziert werden und insgesamt schneller und besser versorgt werden kann. 

Wie können wir als DVMB Ihre Kampagne unterstützen?
Die DVMB kann mit ihren lokalen Strukturen diese Kampagne sehr gut unterstützen. Ich würde mir z.B. wünschen, dass es Betroffenen-Vertreter gibt, die mit den ortsansässigen Universitäten in den Kontakt treten und mit ihnen gemeinsam überlegen, wie Patienten/Patientinnen den Unterricht für die Studierenden mitgestalten können. Das haben wir in Heidelberg erfolgreich eingeführt im Rahmen des Patient-Partner-Programms. 
Der Kontakt zu politischen Meinungsträgern wird ebenfalls wichtig sein: als bundesweit tätiger Patienten-Verband hat die DVMB – zusammen mit der Deutschen Rheuma-Liga und anderen Patientenvertretern – oft einen leichteren Zugang zu den politischen Entscheidungsträgern als wir Ärzte/ Ärztinnen. 

Eine kurze Nachfrage. Gibt es Zahlen, die darstellen, wie hoch der Bedarf an Rheumatologen/Rheumatologinnen in Deutschland wäre und was tatsächlich aktuell geleistet werden kann?
Wir haben ermittelt, dass es eine Mindestanzahl von 1350, besser 2100 internistischen und ambulant tätigen Rheumatologen/Rheumatologinnen geben müsste. Aktuell gibt es in Deutschland nur ca. 680. Der Zuwachs müsste also bei mindestens 700–800 liegen. Dabei ist noch nicht der zusätzliche Bedarf eingerechnet, der entsteht, wenn Kollegen/Kolleginnen aus Altersgründen in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen. Um den jetzigen Stand zu halten, benötigen wir also nochmal mindestens 500 neue Kollegen/Kolleginnen. Um das eigentliche Ziel von 1350 zu erreichen, müssten wir also in den nächsten 6 Jahren etwa 1200 neue Kollegen/Kolleginnen ausbilden. Das wird nicht ohne ein neues Weiterbildungsprogramm gelingen!

Sehr geehrter Herr Prof. Lorenz, wir danken Ihnen für das Interview und wüschen Ihnen bei Ihren Bemühungen viel Erfolg.

Das Gespräch führte am 26. August 2021 Evelin SCHULZ, stellvertretende Geschäftsführerin der DVMB.
 

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