Telefonaktion Mai/September 2020 Corona-Virus und Morbus Bechterew - Fragen und Antworten

Es sind Zeiten der Sorgen und Ängste, Zeiten, in denen das Leben auf den Kopf gestellt wird, das Alltägliche stillsteht und die Not an vielen Stellen wächst. Wohl kaum einer hätte zu Beginn des Jahres auch nur erahnen können, dass eine Viruserkrankung die Welt lahmlegen würde. Und genau in diesen Zeiten ist es von großer Bedeutung, eine Konstante im Leben zu haben. Eine Möglichkeit, sich zu informieren. Ein Ort, an dem die Fragen auf Antworten und Beruhigung treffen. Und genau dafür sind wir nun auch in diesen Tagen für Sie da!

Die DVMB steht Ihnen zur Seite!

Die Telefonaktion am 5. Mai 2020 mit den Experten RAin Meike Schoeler, Prof. Martin Rudwaleit, Prof. Herbert Kellner und Physiotherapeut Peter Lommer wurde mit großem Interesse angenommen. Wir konnten 39 Anrufer mit unterschiedlichen Anfragen an die Experten weiterleiten. Die Anfragen wurden von den Experten ausführlich und zur vollen Zufriedenheit der Patienten beantwortet. Die am häufigsten gestellten Anfragen, und wie wir meinen, von allgemeinem Interesse sind, möchten wir Ihnen bekanntgeben.

Inwieweit muss ich meinen Arbeitgeber über vorliegende Erkrankungen/Schwerbe-hinderung informieren? Anspruch auf Home-Office? Kann der Arbeitgeber mich zwingen, mich krankschreiben zu lassen? Wie sieht es mit Dienstreisen aus?

Grundsätzlich muss der Arbeitgeber weder über Erkrankungen noch über das Vorliegen einer Schwerbehinderung informiert werden. Wenn es allerdings um die Prüfung geht, inwieweit eine Rückkehr an den Arbeitsplatz zumutbar ist, sollte man im eigenen Interesse überlegen, ob es nicht sinnvoll ist, Informationen preiszugeben, um dem Arbeitgeber eine realistische Risikoeinschätzung zu ermöglichen.

Es besteht auch für chronisch kranke Menschen kein Anspruch darauf, von zu Hause aus zu arbeiten. Wenn jemand aber ein besonderes Risiko hat, könnte eine Rückkehr an den Arbeitsplatz unzumutbar und daher die Vereinbarung von Home-Office die einzige Lösung sein.

Auf keinen Fall kann man sich krankschreiben lassen. Denn das Risiko an Covid 19 zu erkranken, stellt an sich noch keine Erkrankung dar, die zu Arbeitsunfähigkeit führt.

Ebenso ist bei der Anordnung von Dienstreisen zu prüfen, inwieweit hierdurch im konkreten Fall die Gesundheit des Arbeitnehmers bedroht und damit die Dienstreise unzumutbar ist.

Erzieherin, Einnahme von Immunsuppressiva. Momentane Freistellung von der Arbeit. Soll eine „Freiwilligkeitserklärung“ unterschreiben um auf eigenes Risiko an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren.

Erzieher/innen oder Lehrer/innen mit Vorerkrankungen dürfen weder im Unterricht noch bei Prüfungen oder in der Notbetreuung eingesetzt werden – auch nicht auf freiwilliger Basis. Dies gilt auch für Arbeitnehmer, die in häuslicher Gemeinschaft mit einer Person aus der Risikogruppe leben. „Freiwilligkeitserklärung“ auf keinen Fall unterzeichnen, weil bisher nicht geklärt ist, ob für diesen Fall Versicherungsschutz besteht.

Maskenpflicht: Wer aus gesundheitlichen Gründen (z. B. schweres Asthma, COPD) Probleme hat 8 Stunden täglich eine Maske zu tragen, sollte mit dem Betriebsarzt und dem Arbeitgeber das Gespräch suchen und klären, inwieweit z. B. eine andere Art von Maske getragen werden kann. (Näheres hierzu finden Sie unter: https://www.aktion-mensch.de/corona-infoseite/regelungen-fuer-menschen-mit-behinderung-zur-maskenpflicht.html)

Ich habe Morbus Bechterew und bin auf TNF-alpha-Blocker, habe pausiert und jetzt wieder mehr Symptome. Was tun?

Auf jeden Fall mit TNF-alpha-Blocker wieder anfangen, in der Dosierung, die vorher nötig war, um die Symptome zu kontrollieren. Es gibt bisher keine Hinweise, dass Patienten unter einer immunmodullierenden Therapie (TNF-Blocker, IL-17-Blocker) ein höheres Risiko haben, einen schweren Verlauf bei einer Covid-19 Erkrankung zu erleiden. Es gibt eine offizielle Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie zum Thema Covid-19 (www.dgrh.de). Empfehlung ist, die rheumatologisch notwendige Therapie fortzuführen und erst bei gesicherter Covid-19 Erkrankung vorübergehend für 2 Wochen, bzw. so lange bis die Erkrankung überstanden ist, zu pausieren.

Patient mit Morbus Bechterew und Morbus Crohn und steht unter einer immunsuppressiven Therapie. Auf seiner Arbeit wird wieder in der Montage gearbeitet, mit Mundschutz, aber ohne Abstand. Wie geht es weiter?

Wichtig ist momentan tatsächlich das Einhalten der Hygieneempfehlungen wie Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes, Abstand halten von 1,5 Metern und häufiges Händewaschen um das Risiko einer Ansteckung zu minimieren. Im Gespräch mit dem Arbeitgeber sollte sondiert werden, ob sich Abstandsregelungen nicht doch umsetzen lassen.

Wann und wie kann das Funktionstraining oder Rehabilitationssport wieder stattfinden?

Auf Grund der momentanen Situation rund um Covid-19 und der damit verbundenen Schließung der Sportstätten ist momentan kein Funktionstraining oder Rehabilitationssport freigegeben. Wann die Gruppen wieder starten dürfen ist noch unklar. Die Gruppen sollten sich aber nach den Entscheidungen der einzelnen Landesverbände richten. Momentan wird an einem Konzept gearbeitet mit konkreten Hinweisen zu Hygiene- und Verhaltensregeln für die Übungsleiter/innen und Teilnehmer/innen.

Morbus Bechterew, Covid 19 und mehr… 

Die Telefonaktion am 15. September 2020 mit den Experten RAin Meike Schoeler, Prof. Martin Rudwaleit, Prof. Herbert Kellner und Physiotherapeut Peter Lommer wurden wieder mit großem Interesse angenommen. Die Anfragen wurden von den Experten ausführlich beantwortet. Folgende Fragen der Anrufer mit Antworten der Experten möchten wir Ihnen auszugsweise mitteilen.

Frage: Wann bestehen Ansprüche auf Leistungen der Pflegeversicherung?

Im vorliegenden Fall leidet die Fragestellerin unter schweren Schüben, die bis zur Bettlägerigkeit führen. Die Pflegeversicherung hat aber Ansprüche abgelehnt und dies leider zu Recht. Denn nur derjenige, der länger als 6 Monate auf Unterstützung im Alltag angewiesen ist, erhält Leistungen aus der Pflegeversicherung. Sonst gibt es nur die Möglichkeit zu prüfen, inwieweit Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung möglich sind (z.B. beim Anziehen von Kompressionsstrümpfen, oder für die Betreuung von unter 12jährigen Kindern, oder podologische Behandlungen, Physiotherapie oder Ergotherapie…)

Anrufer hatte ambulante Reha in Rehaklinik Anfang März wegen Corona abbrechen müssen und bezieht Krankengeld.

Nun macht ihm die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) Druck, dass er seine ambulante Reha fortsetzen müsse, ansonsten würde die Krankengeldzahlung eingestellt. Er will aber nicht hin, nicht in die Klinik und auch nicht ambulant, da man da zusammengepfercht im Taxi sitzen müsse. Möglichkeiten erörtert: Arbeitsunfähigkeit beenden und Antrag auf ALG I stellen, stationäre Reha beantragen, auf Wunsch- und Wahlrecht hingewiesen.

Anrufer möchte sich gegen die Pflicht zum Tragen von Alltagsmasken wehren und fragt, ob er das kann.

Da dafür medizinische Gründe ausschlaggebend sind, wurde nachgefragt, warum er meint, keine Alltagsmaske tragen zu können. Anrufer meinte, er bekäme Atemnot. Ich habe ihn dann gefragt, ob es dafür medizinische Gründe gibt, z.B. versteifte BWS/versteifter Brustkorb. Er hat aus seinem Reha-Bericht zitiert, ob der reicht zur Begründung. Da stand aber nur Atembreite 4 cm…Habe ihm gesagt, dass das sicher nicht reicht, ob es weitere Probleme gibt. Er bekäme Panik unter der Maske. Das müsste er sich aber ärztlich bestätigen lassen, der Hausarzt würde aber dazu nicht ausreichen. Ein Psychologe müsste es als psychische Erkrankung sehen, ansonsten stehen die Chancen schlecht. 

Anruferin ist als Bibliothekarin im öffentlichen Dienst und derzeit im Büro ohne Kundenkontakt tätig. Kann man die Rückkehr zum alten Arbeitsplatz mit Kundenkontakt verweigern?

Sie ist wegen Immunsuppressiva-Therapie Risikopatientin, hat derzeit einen GdB 30. Der Arbeitgeber hat Gespräch angesetzt, in dem es um die Möglichkeiten zur Rückkehr an den alten Arbeitsplatz geht, Personalrat wird auch dabei sein. Der Arbeitgeber hat eine Fürsorgepflicht und die Pflicht Gesundheitsgefahren am Arbeitsplatz zu minimieren. Die Anruferin soll sich das Hygienekonzept des Arbeitgebers erklären lassen, insbesondere wie besonders gefährdete Mitarbeiter geschützt werden sollen. Dann sollte sie mit ihren behandelnden Ärzten das Risiko abwägen. Arbeit darf nicht einfach verweigert werden, es kann eine Umsetzung des Arbeitsplatzes zur Folge haben.

Anrufer berichtet, dass er auf ein Biosimilar umgestellt wurde und dieses Biosimilar nicht ausreichend hilft.

Bei der Nachfrage stellte sich heraus, dass der Patient wegen Corona weniger gehäuft gespritzt hat. Er sollte wieder regelmäßig nach Vorgabe spritzen und dann sehen, ob das Biosimilar wirklich weniger wirkt.

Frage: Das Indometacin ist vom Markt und derzeit nicht zu bekommen. Welche Alternativen gibt es? Mein Orthopäde konnte mir keine schlüssige Antwort liefern, er spritzt von Zeit zu Zeit Kortison.

Alternativen mit Retardwirkung sind Etoricoxib 90 mg 1x tgl.(Arcoxia) oder Diclofenac-Retard 75 mg (z.B. Voltaren resinat); bei Diclofenac sollte bei Alter>65 Jahre ein Magenschutz eingenommen werden. Wenn diese Medikamente nicht ausreichen, evtl. Vorstellung beim internistischen Rheumatologen ob andere Therapien erforderlich/sinnvoll sind.

Frage: Hängen Morbus Bechterew und Arthrose in den Kniegelenken zusammen?

Wenn es zu immer wieder auftretenden Entzündungen (Arthritiden) in den Kniegelenken im Rahmen des Morbus Bechterew kommt, können diese Entzündungen, wenn nicht gut behandelt, auch zu Arthrosen führen als Folge der Entzündung. Da dies bei dem Patienten aber nicht der Fall war, ist von einer primären Gonarthrose (Arthrose der Kniegelenke) auszugehen, die unabhängig vom Morbus Bechterew entstehen kann.

Frage: Ich hatte früher Iritis aber schon seit Jahren nicht mehr. Soll ich zum Augenarzt gehen?

Die Iritis beim Morbus Bechterew ist in aller Regel symptomatisch, d.h. führt zu Schmerzen, Rötungen und manchmal auch Verschwommen sehen am betroffenen Auge. Von daher ist der Gang zum Augenarzt nicht erforderlich, sollte aber aus anderen Gründen beim älteren Menschen gemacht werden zur Früherkennung eines Cataract (grauer Star) oder mindestens so wichtig wegen eines Glaukoms (grüner Star) – Die Augeninnendruckmessung ist IGEL-Leistung, aber sinnvoll investiert.

Frage: Vor kurzem wurde ich am Prostata-Karzinom operiert, wurde komplett entfernt, keine Metastasen. Kann ich nach Joachimsthal fahren?

Das kurativ behandelte Prostata-Karzinom sollte ausreichend behandelt sein und nicht wieder auftreten. Das Prostata-Karzinom ist auch nicht aufgrund der früheren Aufenthalte in Joachimsthal entstanden, sondern ist bei Männern ein häufiger Tumor (bis zu 50% aller Männer). Aus meiner Sicht spricht daher in dieser Situation nichts gegen eine erneute Kur in Joachimsthal im Radonbad. Auf der Internetseite von Joachimsthal heißt es: „Eine abgeschlossene Behandlung einer bösartigen Krebserkrankung muss 2 Jahre zurückliegen (sofern der Onkologe die Radontherapie nicht befürwortet).“ Am besten ist es den Urologen fragen und das (theoretische und winzige) Restrisiko gegebenenfalls in Kauf nehmen – oder 2 Jahre bis nach der Operation warten.

Frage: Im Sommer konnte ich mich viel an der frischen Luft bewegen. Dies hat sich sehr positiv auf meine Beweglichkeit und mein Wohlbefinden ausgewirkt. Welche Möglichkeiten habe ich in der Herbst- und Winterzeit, um meine Beweglichkeit zu erhalten oder zu verbessern?

Versuchen sie, mit der entsprechenden Kleidung, weiterhin Ihre Bewegung oder Gymnastik an der frischen Luft zu betreiben. Alternativ kann ich für zu Hause den Gymnastik-Kalender oder die Gymnastik-DVD von der DVMB empfehlen.

Frage: Solle man momentan wegen den Aerosolen lieber auf Atemgymnastik verzichten?

Nein, auf keinen Fall. Die Atemgymnastik ist ein wichtiger Bestandteil der Gymnastik für den Morbus-Bechterew-Patienten und in der aktuellen Situation besonders wichtig, um die Lunge und die Beweglichkeit der Brustwirbelsäule zu trainieren. Diese sollte entweder draußen oder in einem gut gelüfteten Raum und ohne weitere Personen durchgeführt werden.

 

Wer waren die Experten:

 

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