Internationaler Morbus-Bechterew-Tag 2017 in Göttingen

Bericht von Martina Irrgang, Glockenbrink 66, 32457 Porta Westfalica
2011 wurde von der internationalen Vereinigung der Morbus-Bechterew-Patientenorganisation ASIF ein Internationaler Morbus-Bechterew-Tag ins Leben gerufen, der jedes Jahr am ersten Samstag im Mai stattfindet. Seitdem wird in den nationalen Mitgliedsverbänden mit besonderen Aktionen auf den Morbus Bechterew aufmerksam gemacht.

In Deutschland lädt die DVMB jedes Jahr in einer anderen Stadt zu einer größeren Informationsveranstaltung ein. Nach Hamburg, Leipzig, Frankfurt, München und Lübeck fand die Veranstaltung zum 6. Internationalen Morbus-Bechterew-Tag am 6. Mai in Göttingen statt unter dem Motto „DVMB – nicht nur für Bechtis“.

Nach der Begrüßung der 70 Teilnehmer durch Ludwig Hammel, Geschäftsführer der DVMB, führte der Vorsitzende des DVMB Bundesverbandes Peter Hippe in das Thema ein. Bekanntester Vertreter der Spondyloarthritiden ist zwar der Morbus Bechterew, in der deutschsprachigen Medizin meist als ankylosierende Spondylitis bezeichnet, jedoch gehören zu dieser Krankheitsgruppe auch die Psoriasis-Spondyloarthritis, die reaktive Spondyloarthritis bei oder nach Infekten, die mit einer entzündlichen Darmerkrankung verknüpfte Spondyloarthritis und die juvenile Spondyloarthritis. Alle Formen dieser Krankheitsgruppe haben viele Gemeinsamkeiten und ähneln sich in bestimmten Symptomen und Befunden.

  • Internationaler Morbus Becherew Tag 2017 Göttingen
  • Internationaler Morbus Becherew Tag 2017 Göttingen

„Nicht immer ist es Bechterew“Im Auftaktvortrag „Nicht immer ist es Bechterew…“
beschrieb Dr. med. Joachim-Michael Engel, Epikur Zentrum für Gesundheit, Bad Liebenwerda, die Gemeinsamkeiten der Krankheitsgruppe der Spondyloarthritiden.  Krankheiten dieser Krankheitsgruppe sind seronegativ, das heißt der sogenannte Rheumafaktor ist bei ihnen im Blut nicht nachweisbar. Dafür lässt sich aber häufig ein anderer Marker, das HLA B27 nachweisen.  Neben diesem genetischen Marker führen zahlreiche verschiedene Auslösefaktoren zu Entzündungen an unterschiedlichen Organen:  Wirbelsäule, Haut, Augen, periphere Gelenke, Sehnenansätze und dem Darm. Damit gehören diese verschiedenen Erkrankungen zu einer Krankheitsgruppe, müssen aber nicht linear verlaufen sondern können sich auch beliebig kombinieren.  Symptome und Krankheitszeichen finden sich neben dem typischen Rückenschmerz auch an weiteren charakteristischen Stellen des Körpers: Gelenkentzündungen, die nicht die Wirbelsäule betreffen, treten häufig an den unteren Extremitäten auf (periphere Arthritis), Entzündungen an Stellen, an denen es straffe Bandverbindungen gibt bzw. große Sehnen am Knochen ansetzen (Enthesitis), ein klinischer und röntgenologischer Befall der Iliosakralgelenke (Sakroiliitis) und der Wirbelsäule mit Bildung von Syndesmophyten (Knochenneubildungen), Entzündungen der Gelenke zwischen Wirbelsäule und Rippen (Costovertebral-Gelenke), zwischen Brustbein und Rippen (Sternokostal-Gelenke), Entzündungen großer Gelenke (Knie, Hüften, Schultern), Entzündungen kleinerer Gelenke mit begleitenden Entzündungen eines ganzen Fingers (Wurstfinger) oder einer ganzen Zehe (Daktylitis), Achillessehnenentzündungen und Fersenschmerzen.Bis heute gibt es für keine der Spondyloarthritis-Formen einen spezifischen diagnostischen Test. Die Diagnose ist daher von Rheumatologen anhand von Patientengeschichte, Familienanamnese, klinischer Untersuchung, unterstützenden Laborergebnissen und radiologischen Befunden zu stellen. Die einzelnen Erkrankungen prägen sich mit unterschiedlichen Schwerpunkten aus. Gerade in Frühstadien ist die Differenzierung der Spondyloarthritiden in die einzelnen Krankheitsbilder aufgrund ihrer Gemeinsamkeiten oft schwierig.  Aber egal wie das Kind nun heißt, die miteinander verwandten Spondyloarthritiden schließen den Morbus Bechterew mit ein und die Krankheitslast ist bei allen gleich.   

  • Internationaler Morbus Bechterew Tag Göttingen 2017
  • Internationaler Morbus Bechterew Tag Göttingen 2017
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„Der Bechti braucht Bewegung“
Eine ganz wichtige Therapieform bei der Behandlung des Morbus Bechterew ist die Bewegung. Daher  darf sie natürlich auch bei einer Veranstaltung der DVMB nicht fehlen. Also brachte zwischen den Vorträgen eine Gymnastikeinheit unter der Anleitung von Ulla Schrawen allen Teilnehmern wieder neuen Schwung.

„Morbus Crohn und Colitis ulcerosa“
Wenn der Rücken zwickt und der Darm spinnt sind oftmals Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa im Spiel. Prof. Dr. Herbert Kellner, München, stellte mit seiner Präsentation den Zusammenhang zwischen Gastroenterologie und Rheumatologie her. Es gibt Patienten, die haben sowohl das Vollbild eines Morbus Crohn oder einer Colitis ulcerosa und auch das eines Morbus Bechterew. Dabei kommen primär rheumatische Krankheiten mit sekundär gastrointestinaler Manifestation oder primär gastrointestinale Krankheiten mit sekundär rheumatologischer Manifestation vor. Ebenfalls möglich sind Grundkrankheiten mit sowohl rheumatologischer als auch gastrointestinaler Manifestation und gastrointestinale Nebenwirkungen der rheumatologischen Therapie möglich. Treten gastrointestinale Probleme bei rheumatischen Erkrankungen auf gilt es die verschiedenen Symptome anhand von Leitsymptomen zusammenzubringen. Tritt eine Arthritis in Verbindung mit einer Diarrhö auf ergeben sich beispielsweise folgende Diagnosemöglichkeiten: Morbus Crohn bzw. Colitis ulcerosa, reaktive Arthritis bei gastrointestinaler Infektion oder seronegative Spondylarthropatien. Seltener kommen dabei Morbus Whipple, Zöliakie, das intestinale Bypass-Syndrom oder das Bechet-Syndrom vor. In Verbindung mit abdominellen Schmerzen kann es sich ebenfalls um Morbus Crohn bzw. Colitis ulcerosa, eine intestinale Vaskulitis oder eine Sklerodomie oder selten um familiäres Mittelmeerfieber, das Behcet-Syndrom oder Morbus Whipple handeln. Die dritte Möglichkeit ist das Auftreten einer Arthritis mit einem interstinalen Blutverlust, also einem Blutverlust aus dem Darmtrakt. Hier können die Colitis ulcerosa, eine interstinale Vaskulitis oder selten der Morbus Whipple die Ursachen sein.

Wie diagnostiziert man diese  Krankheiten? Von grundlegender Bedeutung für die Diagnosestellung ist, ob es sich beim Patienten um eine Erstdiagnose, eine Rezidiv-Diagnose oder eine  Kontrolle unter Therapie  (auch mit Blick auf  mögliche  therapiebedingte Nebenwirkung) handelt. Dabei sind die Säulen der Diagnostik auch hier eine ausführliche Anamnese, die körperliche Untersuchung, die Erhebung von Krankheitsindices (CDAI, Mayo) und eine zielgerichtete Labordiagnostik

Der Morbus Crohn ist eine gutartige, chronisch-entzündliche Darmerkrankung, bei der der Befall des gesamten Verdauungsapparates vom Mund bis zum After möglich ist. Meistens ist der Übergang des Dünndarms in den Dickdarm betroffen. Die Entzündung  kann in den betroffenen  Darmabschnitten Abschnitten alle Darmwandschichten betreffen, was zu einer  chronischen Darmwandverdickung mit u.a. Darmverengungen führen kann. Typische Symptome sind chronische Durchfälle, Bauchschmerzen, Blähungen, Übelkeit, Erbrechen, Krämpfe, Mangelerscheinungen, Gewichtsverlust, Wachstumsstörungen, verzögerter Pubertätseintritt, Blutarmut und Analfissuren. Die chronische Entzündung im Darm ist ein komplexer Vorgang, bei dem eine Vielzahl unterschiedlicher Immunzellen sowie Abwehr- und Botenstoffe beteiligt sind.  Bei der Colitis ulcerosa  handelt es sich um eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Dickdarms die in Schüben auftritt. Die Entzündung geht fast ausnahmslos vom Enddarm aus und befällt von dort aus kontinuierlich den Dickdarm nach oben. Zu Beginn der Erkrankung treten meist nur unspezifische Beschwerden auf, die oft wieder vergehen können und zunächst auch an andere Ursachen denken lassen. Die weiteren Symptome werden bestimmt durch das Ausmaß des Dickdarmbefalls, die Schwere und Dauer der Erkrankung, das Vorhandensein von Begleiterkrankungen und der Entwicklung von Komplikationen. Hier kommen chronische, oft blutige Durchfälle, Bauchschmerzen, Fieber, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Gewichtsverlust und Blutarmut in Frage. Auch hier sind unterschiedliche Immunzellen sowie Abwehr- und Botenstoffe beteiligt.  In beiden Fällen handelt es sich um Tumornekrosefaktor alpha (TNF-alpha) –assoziierte chronisch –entzündliche Erkrankungen. Entzündliche Darmerkrankungen sind seltene extraartikuläre Manifestation einer seronegative Spondylarthropathie. Treten spezifische Symptome beim Bechterew Patienten auf, sollte man an diese denken.

„Uveitis – Wenn der Bechterew ins Auge geht“
In einem weiteren Themenblock erläuterte Prof. Dr. med. Kellner, dass zwischen Morbus Bechterew und dem Auftreten einer Uveitis ebenfalls eine Verbindung besteht. Unter dem Begriff „Uvea“ werden die gefäßführenden Strukturen des Augeninneren zusammengefasst. Dazu zählen die Regenbogenhaut (Iris), der Strahlenkörper (Ziliarkörper) und die Aderhaut (Chorioidea). Entzündungen dieser Strukturen werden als Uveitis bezeichnet.  Es findet eine Einteilung de Uveitis nach dem anatomischen Entstehungsort statt. Bei der Uveitis anterior ist der vordere Augenbereich betroffen. Sie tritt entweder unabhängig von anderen Erkrankungen oder im Rahmen einer anderen Erkrankung auf. Bei der Uveitis posterior sind die hinteren Teile der Uvea und bei der Uveitis intermedia die mittleren Bereiche der Uvea betroffen. Sind alle Bereiche gleichermaßen betroffen spricht man von einer Panuveitis.
Die Uveitis gilt als die häufigste Begleiterkrankung des Morbus Bechterew. Der häufigste bei einer Spondyloarthritis assoziierte Uveitistyp ist die Uveitis anterior die vermehrt bei Trägern des Erbmerkmals HLA-B27 auftritt.  Bei der anterioren Form steht die Rötung des Auges im Vordergrund, während bei der posterioren Variante eher eine Beeinträchtigung der Sehschärfe im Mittelpunkt steht. Allen Varianten gemein sind Schmerzen, Lichtempfindlichkeit, Tränenfluss und ein Fremdkörpergefühl.
Die Therapie ist abhängig von der Ursache. In den meisten Fällen wird sie mit Glukokortikoiden, meist in Salben- oder Tropenform behandelt. In schweren Fällen werden auch Tabletten oder intraokuläre Injektionen verabreicht. Desweiteren werden oft entzündungshemmende Salben oder Tropfen verschrieben. Der Verlauf einer Uveitis und die Häufigkeit ihrer Wiederkehr konnten durch den Einsatz von TNF-alpha-Blockern zur Behandlung der Spondyloarthritis wesentlich verbessert werden.
Die Uveitis zählt zu den führenden Ursachen einer Erblindung. Somit ist es wichtig an die Verbindung zum Morbus Bechterew zu denken wenn Probleme und Entzündungen am Auge auftreten.

„Psoriasis-Arthritis – Wenn Haut und Wirbelsäule sich entzünden“
Was war eigentlich zuerst da? Henne oder Ei? Rückenschmerzen oder Schuppenflechte? Auf die Frage lässt sich wohl kaum eine Antwort finden. Weitaus wichtiger ist es, den Symptomen die richtige Diagnose zuzuordnen und damit dem Patienten die richtigen Therapiemaßnahmen zukommen zu lassen, betonte Dr. med. Engel in seinem Abschlussvortrag. Wenn Rückenschmerzen gemeinsam mit einer Schuppenflechte auftreten, kann Ursache dafür eine Psoriasis- (Spopndylo-)Arthritis sein. Dabei werden die pathogenetischen Prozesse in der Haut und in den Gelenken von T-Zellen über eine Vielzahl von Zytokinen gesteuert, insbesondere über die Interleukine 17 und 23 und TNF-alpha.
Die Psoriasis-Arthritis ist eine oft schubweise verlaufende, chronisch-entzündliche Erkrankung des Bewegungsapparates, die mit einer Psoriasis der Haut und/oder den Nägeln verknüpft ist. Sie tritt familiär gehäuft auf. Dabei sind Patienten mit spinalem Befall häufiger HLA-B27 positiv. 20 – 30 Prozent aller Patienten mit Psoriasis-Arthritis erkranken im Verlauf an Gelenkentzündungen, dabei gehen häufig die Hautsymptome den Gelenksymptomen voraus. Die Erkrankung beginnt zwischen dem 30. und 55. Lebensjahr, wobei beide Geschlechter etwa gleich häufig betroffen sind.

Die Psoriasis-Arthritis kann in sehr unterschiedlichen Formen auftreten: Beim peripheren Typ der Psoriasis-Arthritis ist mindestens ein kleines Gelenk schmerzhaft, gerötet und angeschwollen. Oft sind bei diesem Typ die Endgelenke der Finger oder Zehen oderaber  alle Gelenke eines Fingers / einer Zehe befallen (sog. Strahlbefall, "Wurstfinger").  Der axiale Typ der Psoriasis-Arthritis führt zu einer entzündlichen Manifestation an den Sakroiliakalgelenken und der Wirbelsäule. Zusätzlich können die peripheren, zumeist stammnahen großen Gelenke befallen sein. Es fehlen auch bei der Psoriasis-Arthritis typische Laborwerte, jedoch soll eine Erhöhung der Harnsäure mit einem schweren Krankheitsverlauf korrelieren. Fazit: Die Vorträge dieser Veranstaltung haben gezeigt, dass sich ein Blick über den Tellerrand des Morbus Bechterew hinaus durchaus lohnt. Denn der Morbus Bechterew ist nur die stärkste Ausprägung der Spondyloarthritiden, bei denen es zwischen den ihr zugehörigen Erkrankungen viele Gemeinsamkeiten gibt. Diese wurden von den Referenten während ihrer Vorträge sehr anschaulich aufgezeigt. Die Gemeinsamkeiten und Verbindungen der einzelnen Erkrankungen beinhalten auch ein erhebliches Potential für die DVMB, denn: Die DVMB ist die Selbsthilfeorganisation aller Patienten mit einer Spondyloarthritis!

Fazit : Die Vorträge dieser Veranstaltung haben gezeigt, dass sich ein Blick über den Tellerrand des Morbus Bechterew hinaus durchaus lohnt. Denn der Morbus Bechterew ist nur die stärkste Ausprägung der Spondyloarthritiden, bei denen es zwischen den ihr zugehörigen Erkrankungen viele Gemeinsamkeiten gibt. Diese wurden von den Referenten während ihrer Vorträge sehr anschaulich aufgezeigt. Die Gemeinsamkeiten und Verbindungen der einzelnen Erkrankungen beinhalten auch ein erhebliches Potential für die DVMB, denn: Die DVMB ist die Selbsthilfeorganisation aller Patienten mit einer Spondyloarthritis!