Aus dem Bechterew-Brief Nr. 86 (September 2001)

von Prof. Dr. med. Edward Senn, Luzern, Schweiz

Entzündungshemmende Medikamente können das Fortschreiten der Versteifung der Wirbelsäule und weiterer stammnaher Gelenke meist nicht genügend verhindern. Deshalb besteht die Notwendigkeit, nach anderen therapeutischen Möglichkeiten zur Behandlung des Morbus Bechterew zu suchen. Dabei steht die lebenslang fortzusetzende spezielle Bewegungstherapie im Mittelpunkt des Interesses. Auch wenn die Erkrankung in ihrem Verlauf eine Eigendynamik aufweist, besteht bei allen Menschen mit Morbus Bechterew doch ein unterschiedlich großer Spielraum, der genutzt werden kann, um zumindest einen Teil der Versteifungen zu verzögern und sogar zu verhindern.

Ziele der Bewegungstherapie

Wer als Morbus-Bechterew-Patient die notwendige Bewegungstherapie durchführt, aber auch wer eine derartige Bewegungstherapie vermittelt, muss sich stets die notwendigen und realisierbaren Ziele vor Augen halten.
In erster Linie geht es darum, die Versteifung der Bewegungselemente der Wirbelsäule und der evtl. mitbetroffenen großen Arm- und Beingelenke zu verhindern oder zu verzögern. Dabei ist zu berücksichtigen, dass der Grad der Behinderung im Alltag weniger durch die Versteifung an sich als durch die sich daraus ergebende, gefürchtete Kyphose (Rundrückenbildung) bestimmt wird. Wenigstens diese Wirbelsäulenverkrümmung sollte möglichst klein gehalten werden, wenn sich schon die Versteifung nicht ganz verhindern lässt.
Als nächstes ist es entscheidend, die Abnahme des Trainingszustands der Rumpfmuskulatur und der Kniestrecker mittels eines täglichen Bewegungstrainings möglichst zu verhindern. Zwischen dem Prozess der Versteifung und der Abnahme der Muskelleistungen besteht nämlich ein Teufelskreis: schwache Rumpfmuskeln vermögen die Wirbelsäule nicht mehr genügend ausdauernd aufzurichten.

DVMB-Therapiegruppe Hagen
DVMB-Therapiegruppe Hagen

Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt als drittes auch die Fitness, denn von ihr hängen die körperlichen, aber auch die willentlichen Möglichkeiten zur Durchführung des täglichen Bewegungs- und Trainingsprogramms ab. Darüber hinaus verfügen fitte Patienten über mehr Leistungsreserven zur Bewältigung des Alltags.
Die Bewegungsaktivität als Gesamtleistung des Nervensystems dämpft die Schmerzempfindung, und die Auswirkungen der häufigen Bewegungen auf die Gewebe der Wirbelsäule und der Gelenke reduzieren die Schmerzursachen. Dies wirkt sich wiederum positiv auf die Therapie selbst und darüber hinaus auf die Lebensqualität aus.
Die Betrachtung der aufgeführten Ziele zeigt, dass diese voneinander abhängen und nicht isoliert betrachtet werden sollten.

Einflüsse der Bewegung auf das Krankheitsgeschehen

Die gefürchtete Verknöcherung steht in Zusammenhang mit der Bewegungsaktivität der Patienten. Die Umwandlung einer bindegewebigen Struktur über ein knorpeliges Vorstadium zum eigentlichen Knochen wird von den einwirkenden oder eben fehlenden mechanischen Kräften gesteuert. Das Bindegewebe kann nur dann verknöchern, wenn es unter einem gleichmäßigen Druck steht und nicht mehr ständig durch wechselnde Zug- und Druckkräfte verformt und beansprucht wird. Die durch Bewegung andauernde Verformung des Bindegewebes bildet somit einen gewissen Schutz vor der Verknöcherung, und gerade darin liegt eine Chance der täglichen Bewegungsaktivität.

DVMB-Therapiegruppe Pinneberg (Pressephoto)
DVMB-Therapiegruppe Pinneberg (Pressephoto)

Es sind nicht nur mechanische Faktoren, die über Dehnbarkeit, Geschmeidigkeit, Schmerzlosigkeit und Belastbarkeit der Strukturen des Bewegungsapparats entscheiden. Der Gesamtzustand des Nervensystems beeinflusst ebenfalls die Erhaltung, den Aufbau oder den negativen Ab- und Umbau der Gewebe. Die allgemeine Bewegungstätigkeit des Menschen, vor allem wenn sie von positiven Gefühlen, Stimmungen und Zukunftsperspektiven begleitet wird, wirkt sich über die Tätigkeit des Nervensystems vorteilhaft auf die Struktur des aktiven und passiven Bewegungsapparats aus (siehe Bechterew-Brief Nr. 67 S. 7–14).

Messbare Auswirkungen einer regelmäßigen Gruppentherapie

Die Auswirkungen einer regelmäßigen Bewegungstherapie – als Einzeltherapie, ergänzt durch wöchentliche Gruppentherapien – sind vielfältig und jederzeit dokumentierbar. Dies zeigen Vergleiche zu Kontrollgruppen, deren Mitglieder sich kaum aktivtherapeutisch bewegt haben. Es existiert eine ganze Reihe gesundheitsrelevanter Messgrößen, die den Wert und die Wirkungen einer solchen Bewegungstherapie belegen.
Es konnte insbesondere gezeigt werden, dass die Rundrückenbildung nicht nur verzögert, sondern teilweise sogar rückgängig gemacht werden kann. Auf Grund der besseren Aufrichtung der Wirbelsäule können körperlich aktive Menschen mit Morbus Bechterew ihre Körpergröße besser als die inaktiven erhalten.

DVMB-Therapiegruppe Augsburg. Photo: Ernst Schlotter
DVMB-Therapiegruppe Augsburg. Photo: Ernst Schlotter

Ein für die Lebensqualität wichtiger Erfolgsfaktor ist die verbesserte Atemkapazität. Sie geht auch mit einer erhöhten Sauerstoff-Aufnahmekapazität einher, welche die wichtigste Grundvoraussetzung für das Erbringen von Ausdauerleistungen darstellt.
Die regelmäßige Belastung der Wirbelsäule in aufrechter Haltung mittels Bewegungsübungen (Gehen, Tanzen oder weiches Hüpfen) vermindert messbar das Ausmaß der alters- und krankheitsbedingten Knochenverarmung innerhalb der Wirbelkörper, die Wirbelsäulen-Osteoporose.
Wirbelkörper-Kompressionsfrakturen (auf Drucküberlastung beruhendes Zusammenbrechen von Wirbelkörpern, insbesondere an der Vorderkante unter der Last der Krümmung, siehe Bechterew-Brief Nr. 58 S. 3–10), die eine Folge der Osteoporose und des Rundrückens sind, treten bei aktiven Morbus-Bechterew-Patienten weniger häufig auf als bei inaktiven. Jeder verhinderte Einbruch eines Wirbelkörpers stellt einen positiven Baustein für die Möglichkeit dar, eine aufrechte Wirbelsäule zu behalten.
Aktive Patienten vermögen auf Grund ihres allgemeinen Fitnesszustands die Schmerzschwelle derart zu erhöhen, dass sie im Alltag bei gleicher Belastung schmerzärmer leben können oder bei gleichem Schmerzzustand leistungsfähiger bleiben. Die tägliche Aktivität fördert auch einen gesunden und erholsamen Schlaf, der die Gewebe des Bewegungsapparats regenerieren hilft.

Drei Trainingsebenen

Die spezifische Bewegungstherapie muss drei Hauptebenen berücksichtigen:

  • Das Dehnen der Weichteilstrukturen einschließlich der Muskulatur und der Gelenkkapseln, um die Beweglichkeit in Bezug auf die Wirbelsäulenaufrichtung zu erhalten. Diese Dehnarbeit hat mehrmals am Tag zu erfolgen. Sie besteht in einer Längenbeanspruchung der zur Verkürzung neigenden Strukturen. Die richtige Dehnungstechnik muss unbedingt beherrscht werden.
  • Das Erlernen und Trainieren der korrekten aufrechten Haltung. Dabei geht es nicht nur um die Aufrichtung der Brustwirbelsäule, sondern auch um das Zurücknehmen der beiden Schultern und des Kopfs.

Die Ausdauerleistungsfähigkeit insbesondere der Rumpf-, aber auch der Gesamtkörpermuskulatur, um Haltungsbeanspruchungen und immer wiederkehrende Bewegungen  im Alltag über längere Zeit garantieren zu können. Der Aufbau eines Ausdauertrainings setzt eine Mindest-Kraftentwicklung voraus.

DVMB-Therapiegruppe Hemer. Photo: Armin Bastisch
DVMB-Therapiegruppe Hemer. Photo: Armin Bastisch
Wert der Gruppentherapie als Ergänzung zur täglichen Bewegungstherapie

Aus dem bisher Gesagten wird klar, dass die grundlegenden Ziele der Bewegungstherapie nur erreicht werden können, wenn die Betroffenen täglich im Sinne des Übens, des Dehnens und des Trainings am eigenen Körper arbeiten. Als Anleitung, Stütze und Hilfe nehmen die von den DVMB-Therapiegruppen durchgeführten Gruppentherapiestunden eine zentrale Bedeutung ein. Dort kann das spezielle Bewegungstraining einmal pro Woche unter der Aufsicht einer Fachkraft, die spezifische Weiterbildungskurse absolviert hat, in der Gruppe durchgeführt werden.
Es gilt zu bedenken, dass Menschen mit Morbus Bechterew ihr ganzes Leben lang möglichst aktiv sein müssen. Wird ein Trainingsprogramm über Jahre ohne fachgerechte Kontrollen durchgeführt, können sich negative Verhaltensweisen einschleichen. Deshalb ist die professionelle Beobachtung und die Möglichkeit für die Physiotherapeuten, korrigierend einzugreifen, als Ergänzung zum täglichen Heimprogramm unabdingbar. Gleichzeitig wird in der Gruppe die Motivation für das tägliche Heimtraining verstärkt.

Das Training in der Gruppe weist noch weitere positive Aspekte auf: Im Gespräch nach der Gruppentherapie können eigene Probleme, Ängste und Zukunftssorgen formuliert und an den Meinungen und Reaktionen der Gruppenmitglieder gespiegelt werden. Der Einzelne gewinnt dadurch eine gewisse innere Sicherheit seines eigenen Standpunkts im nicht immer einfachen und oftmals schmerzhaften Leben.
Der Erfahrungsaustausch innerhalb der sich regelmäßig zu Trainingszwecken treffenden Gruppe dient auch dem Austausch über die reichhaltigen Angebote konkreter Hilfeleistungen für die Bewältigung der so zahlreichen gesundheitlichen und persönlichen Probleme.
Die Lebensqualität und Zufriedenheit hängt vom Eingebundensein in eine tragfähige Gemeinschaft ab. Dieses notwendige soziale Netzwerk darf sich nicht auf die Familie allein beschränken. Es soll auch Menschen umfassen, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Die Gruppe, in der sich die Betroffenen regelmäßig treffen, vermag jedes einzelne Mitglied auch durch schwerere gesundheitliche und psychische Phasen hindurch mitzutragen.
Die Dynamik der Gemeinschaft und die ganzheitlichen Auswirkungen der Gruppentherapie auf die Gesundheit machen diese zu einem unabdingbaren Bestandteil der Bewegungstherapie bei Morbus Bechterew.

Anschrift des Verfassers: Stadthofstr. 3, CH-6004 Luzern, Schweiz

Quelle: Vertical (Schweizerische Vereinigung Morbus Bechterew) Nr. 8 (April 2001)

Die Bilder wurden von der Bechterew-Brief-Redaktion eingefügt.