Aus dem Bechterew-Brief Nr. 88 (März 2002)

Wirkung der Radontherapie bei der Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew)

Bericht von zwei wissenschaftlichen Tagungen im Erzgebirge

von Prof. Dr. rer. nat. Ernst Feldtkeller, Redaktion Bechterew-Brief, München

Bis 1946 besaß Oberschlema im Erzgebirge die radonhaltigsten Quellen der Welt, und Sonderzüge fuhren von Berlin direkt zum Bahnhof des damals fünftgrößten Badeorts in Deutschland. Das Kaiser-Wilhelm-Institut (heute Max-Planck-Institut) für Biophysik hatte dort eine Außenstelle zur Erforschung der radontherapie und veranstaltete 1941 in Schlema die „1. Biophysikalische Arbeitstagung“. 1946 begann die sowjetische Besatzungsmacht dort mit dem Abbau von Uran für ihre Atombomben. 60 Schächte wurden in Tiefen bis 1800 m in den Untergrund getrieben. Wegen der gewaltigen Hohlräume im Untergrund sackte die ehemalige Ortsmitte um 6 m ab, und die wenigen nicht abgerissenen Häuser waren eingekeilt zwischen Fördertürmen und riesigen Abraumhalden.

Bild 1: Der Kurpark von Schlema im Erzgebirge über dem Deformationsgebiet des ehemaligen Uranbergbaus, mit dem segelförmigen Blickfang. Rechts dahinter das neue Kurmittelhaus mit Gesundheitsbad „Actinon“.<br /> Quelle: Fremdenverkehrsamt Schlema
Bild 1: Der Kurpark von Schlema im Erzgebirge über dem Deformationsgebiet des ehemaligen Uranbergbaus, mit dem segelförmigen Blickfang. Rechts dahinter das neue Kurmittelhaus mit Gesundheitsbad „Actinon“.
Quelle: Fremdenverkehrsamt Schlema

Seit der „Wende“ von 1990 finanziert die Bundesregierung in den ehemaligen Uranabbaugebieten Sachsens und Thüringens mit 13 Milliarden DM das größte Umweltschutzprogramm Europas. Die Halden werden abgeflacht, wo nötig mit nicht radioaktivem Gestein bedeckt und begrünt. Die Gemeinde erbohrte am Ortsrand eine neue Radonquelle und erbaute ein neues Kurmittelhaus, in dem heute wieder ambulante Badekuren durchgeführt werden können (Bechterew-Brief Nr. 81 S. 74–75 und Bild 1).

Derzeitiger Stand der Radon-Forschung

Genau 60 Jahre nach der ersten Tagung fand vom 7. bis 9. September 2001 die „3. Biophysikalische Arbeitstagung“ in Schlema statt, um den derzeitigen Stand der radon-Forschung zu diskutieren. Veranstalter war das radon-Dokumentations- und Informationszentrum Schlema e.V. (abgekürzt RADIZ). Die Tagung trug den Untertitel „Medizinische und biologische Wirkungen der radonbalneologie und niedriger Strahlendosen – Rückblick und Ausblick“.

Wirkungsnachweis beim Morbus Bechterew

Dr. Hans JÖCKEL aus Bad Kreuznach gab zunächst einen Überblick über die Anwendungsformen der radontherapie und über die Krankheiten, bei denen sie sich bewährt hat. In Vordergrund stehen heute Stollenaufenthalte und Wannenbäder, während die Trinkkur in Deutschland keine Rolle spielt, weil sie zu wenig wirksam ist.
Auf dem Programm stand vor allem die medizinische Wirksamkeit der radontherapie, die zwar durch jahrhundertealte Erfahrungen belegt ist, aber erst in den vergangenen 10 Jahren wissenschaftlich nachgewiesen wurde. Vorreiter war auch hier das radonbad Schlema, das gleich nach der politischen „Wende“ mit der neu erbohrten radonquelle in Zusammenarbeit mit der Universität München einen Doppelblindversuch durchführte (Bechterew-Brief Nr. 52 S. 26–30). Für den Morbus Bechterew wurde die Wirksamkeit in den radonstollen von Bad Kreuznach und Bad Gastein nachgewiesen (Bechterew-Brief Nr. 72 S. 26–31 und Nr. 81 S. 17–23). Dr. Albrecht FALKENBACH vom Gasteiner Heilstollen konnte nun über eine neue Studie berichten, die der Morbus-Bechterew-Experte Prof. Dr. Sjef VAN DER LINDEN von der Universität Maastricht (Niederlande) und seine Mitarbeiterin Astrid VAN TUBERGEN durchführten (siehe Bechterew-Brief Nr. 88 S. 3–10). Damit wurde erstmals von externer Seite in einer prospektiven (vorausgeplanten) randomisierten (die Teilnehmer wurden per Zufall auf die Gruppen verteilt) Studie die Wirksamkeit der radontherapie beim Morbus Bechterew zweifelsfrei festgestellt. Insbesondere zeigte sich, dass die Wirkung der radontherapie viel länger anhält als die einer Behandlung ohne Radon.
Umso unverständlicher ist es, dass die Therapie mit radon nicht in den Heilmittelkatalog aufgenommen wurde. Da viele Patienten nach der radontherapie monatelang auf entzündungshemmende Medikamente mit ihren z.T. gefährlichen Nebenwirkungen verzichten können, könnten Krankenkassen durch die Zulassung von radon als kostengünstiges entzündungshemmendes Heilmittel jährlich Millionenbeträge einsparen, die sie für die Behandlung von Nebenwirkungen nichtsteroidaler Antirheumatika aufwenden müssen, ganz abgesehen von den vermeidbaren Todesfällen: Die Zahl der NSAR-bedingten Todesfälle wird in Deutschland auf 2000 pro Jahr geschätzt.

Wirkungsweise der Radontherapie

Die zweite Gruppe von Vorträgen befasste sich mit der Wirkungsweise der radontherapie und anderer Behandlungen mit geringer Strahlendosis.
Als Beiträge zur gesundheitsfördernden Wirkung der niedrigdosierten Strahlentherapie wurden vorgestellt:

  • Eine Verminderung der Produktion entzündungsfördernder Sauerstoffradikale in den Makrophagen (Fresszellen) des Immunsystems,
  • weitere Wirkungen auf die Zellen des Immunsystems,
  • ein antiallergischer Effekt durch Stabilisierung von Mastzellen, und
  • eine Wirkung auf die Tätigkeit innerer Drüsen, z.B. der Cortison bildenden Zellen der Nebennierenrinde.

Prof. Dr. K.-R. TROTT, der in London die Wirkung niedrig-dosierter Röntgenstrahlen untersucht hatte, erwähnte, dass die Produktion entzündungsfördernder oxydierender Radikale durch Makrophagen am geringsten ist, wenn diese mit einer Dosis von 0,6 Gray1) bestrahlt wurden, also etwa dem 200-fachen der durchschnittlichen natürlichen Jahresdosis in Deutschland.

1) Mit der Einheit Gray wird die Dichte der absorbierten Strahlungsenergie gemessen, ohne Rücksicht auf die biologische Wirkung.

Besonders aufschlussreich in Bezug auf den Morbus Bechterew war der Vortrag des Rheumatologen Prof. Dr. Peter KERN aus Bad Brückenau, der in Zusammenarbeit mit dem Rheumatologen und Immunologen Prof. Dr. Joachim Robert KALDEN von der Universität Erlangen das Verhalten der Leukozyten (weißen Blutkörperchen) im Blut und im Gewebe untersucht hatte. Diese Entzündungszellen können nur dann aus dem Blut durch die Gefäßwand ins Gewebe übertreten, wenn die Zellen der Gefäßwand durch entzündungsfördernde Zytokine (Botenstoffe, z.B. TNF-alpha, siehe Bechterew-Brief Nr. 81 S. 7) aktiviert werden. Bei den Versuchen an Zellkulturen zeigte sich, dass die TNF-alpha-Produktion bei Bestrahlung ebenfalls ein Minimum besitzt, und zwar bei 0,3 Gray. Während also die entzündungshemmenden Medikamente (nichtsteroidale Antirheumatika, NSAR) die Anlagerung der Leukozyten an den aktivierten Zellen der Gefäßwand behindern und die neuen teuren Medikamente Infliximab und Etanercept das entzündungsfördernde TNF-alpha blockieren, greift die radontherapie noch weiter vorn in der Wirkungskette ein und lässt das TNF-alpha gar nicht erst in dem Umfang entstehen.

Bild 2: Prof. Dr. Peter DEETJEN von der Universität Innsbruck (links) im Gespräch mit Prof. Dr. Ludwig FEINENDEGEN aus Lindau am Bodensee
Bild 2: Prof. Dr. Peter DEETJEN von der Universität Innsbruck (links) im Gespräch mit Prof. Dr. Ludwig FEINENDEGEN aus Lindau am Bodensee

Prof. Dr. Ludwig FEINENDEGEN, der lange in den USA gearbeitet hat, gab einen Überblick über die Strahlenwirkungen in den Körperzellen. Er wies darauf hin, dass Stoffwechselvorgänge in jeder Zelle Sauerstoffradikale produzieren, die das Erbgut schädigen, während von der natürlichen Strahlenbelastung jede Zelle durchschnittlich nur einmal im Jahr getroffen wird, viel zu selten, um zu dauerhaften Schäden zu führen. Andererseits wirkt aber bei der radon-Therapie gerade die Alpha-Strahlung örtlich sehr konzentriert und regt dadurch Schutzmechanismen und Immunreaktionen an. Dazu gehören das Einfangen und Neutralisieren von oxydierenden Radikalen, die Anregung von DNA-Reparaturmechanismen2) , die Entfernung geschädigter oder entarteter Zellen und anderes. Erst wenn die Strahlendosis deutlich über 1 Gray liegt, können die Anpassungsmechanismen der Zellen und Organe nicht mehr mithalten, und es kommt zu nachhaltigen Schädigungen proportional zur Strahlendosis.

2) DNA = Desoxyribonukleinsäure: das genetische Material in den Chromosomen, in dem die Erbinformation gespeichert ist. Siehe DVMB-Schriftenreihe Heft 3.

Risiko-Bewertung und Strahlenschutz

Der Strahlenschutz legt Grenzwerte fest, die eingehalten werden müssen, wenn Mitarbeiter beruflich Strahlungen ausgesetzt sind, z.B. in Röntgenlabors. Es werden aber auch Grenzwerte festgelegt, die z.B. in der Umgebung von kerntechnischen Anlagen nicht überschritten werden dürfen, um die Gesamtbevölkerung vor Schäden zu bewahren. Wissenschaftler bemühen sich deshalb, herauszufinden, ob es eine Dosisgrenze gibt, unterhalb derer ionisierende Strahlung unschädlich ist, oder ob selbst kleinste Strahlenmengen mit einer entsprechend geringen Wahrscheinlichkeit eine Krebserkrankung auslösen können. Während wir bei den Vorträgen zur Wirkungsweise das „Hexen-Einmaleins“ der Molekularbiologie vorgesetzt bekamen, mussten wir uns jetzt mit den fast ebenso geheimnisvollen Ausdrücken der Statistiker und Epidemiologen befassen. In der Epidemiologie (Lehre von den Krankheitshäufigkeiten) der Strahlenschäden geht es darum, unterschiedlich strahlenbelastete Bevölkerungsgruppen zu erfassen, nach Unterschieden in der Krebshäufigkeit zu fahnden und dann auszurechnen, mit welcher Wahrscheinlichkeit diese Unterschiede auf der Strahlung beruhen und mit welcher Wahrscheinlichkeit sie zufällig zustande gekommen sein können (oder durch falsche Angaben zu den Rauchgewohnheiten, die 85% der Lungenkrebsfälle verursachen).

Bild 3: Die Lungenkrebshäufigkeit bei 56 000 Patientinnen, die sich wegen eines Brustkrebs einer Strahlentherapie unterzogen hatten, und bei 38 000 Patienten, die wegen einer Tuberkulose durchleuchtet worden waren, im Vergleich zu einer ebenso großen Za

Bild 3: Die Lungenkrebshäufigkeit bei 56 000 Patientinnen, die sich wegen eines Brustkrebs einer Strahlentherapie unterzogen hatten, und bei 38 000 Patienten, die wegen einer Tuberkulose durchleuchtet worden waren, im Vergleich zu einer ebenso großen Zahl unbestrahlter Patienten (Risiko = 1). Die Kreuze an den Messwerten geben die Streuung der Einzelwerte an. Die geringste Lungenkrebshäufigkeit trat bei etwa 1 Gray auf, dem 400-fachen der durchschnittlichen natürlichen Strahlenbelastung in Deutschland.

Quelle: Rossi und Zaider, Radiat. Environ Biophys. 36 (1997) 85–88

Zwei Gruppen standen sich hier gegenüber: Diejenigen, die darauf hinwiesen, dass in sehr vielen Studien ein Minimum in der Dosisabhängigkeit der Krebshäufigkeit beobachtet wurde (dass also im Bereich geringer Strahlenbelastung die Krebshäufigkeit mit zunehmender Dosis abnimmt, Bild 3), und die Gruppe derjenigen, die immer noch darauf bestanden, dass diese Ergebnisse auch durch Zufall entstanden sein könnten.
Dr. Jürgen CONRADY vom PreCura-Institut für Präventive Medizin in Berlin wies darauf hin, dass verlässliche Studien zur radonbedingten Lungenkrebshäufigkeit nur mit Personen zu machen sind, bei denen einwandfrei feststeht, dass sie nie geraucht haben. Er untersuchte die Lungenkrebshäufigkeit unter nichtrauchenden Frauen in Abhängigkeit von der häuslichen radonkonzentration in der Gemeinde Schneeberg im Erzgebirge mit ihren z.T. beträchtlichen radonkonzentrationen, um den radon-Beitrag zur Lungenkrebshäufigkeit vom Raucher-Beitrag zu trennen. Dabei war ein radonbedingter Anstieg der Lungenkrebshäufigkeit erst oberhalb von etwa 1000 Bq/m3) nachweisbar (Bild 4).

Bild 4: Lungenkrebshäufigkeit unter nichtrauchenden Frauen in verschieden stark radonbelasteten Häusergruppen in Schneeberg im Erzgebirge im Vergleich zu den am geringsten belasteten Häusern, nach einer von der EG finanzierten Studie.<br />Quelle: K. B

Bild 4: Lungenkrebshäufigkeit unter nichtrauchenden Frauen in verschieden stark radonbelasteten Häusergruppen in Schneeberg im Erzgebirge im Vergleich zu den am geringsten belasteten Häusern, nach einer von der EG finanzierten Studie.
Quelle: K. Becker, atw 46 (2001) 54–58

Prof. Dr. Alexander KAUL, bis 1999 Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz, stellte in der Diskussion die Frage, wie der Gesetzgeber auf diese Erkenntnisse reagieren sollte. Einigkeit herrschte darüber, dass es vernünftig ist, vorsichtshalber und aus Gründen der Praktikabilität das lineare Modell im Strahlenschutz beizubehalten. Wichtig ist dabei, sich im Klaren darüber zu sein, dass es sich nur um ein vereinfachtes Modell handelt, und daraus nicht den Schluss zu ziehen, jede noch so geringe Strahlendosis sei schädlich.
Prof. FEINENDEGEN antwortete auf eine Diskussionsfrage, dass es sinnvoll ist, Gebäude zu sanieren, in denen eine radonaktivität von mehr als 1000 Becquerel pro Kubikmeter gemessen wurde, während bei geringerer Aktivität das Geld rausgeschmissen ist (Bild 4).

Herbsttagung Europäischer Radonbäder in Bad Brambach

Der Arbeitstagung in Schlema vorangegangen war die diesjährige Herbsttagung der Arbeitsgemeinschaft Europäischer radonbäder am 5./6. September 2001 in Bad Brambach. Auch dort standen wissenschaftliche Vorträge zur radontherapie auf dem Programm. Dr. Ulrich KOCH von der Sächsischen Akademie der Wissenschaften in Leipzig erklärte uns an Hand des geologischen Aufbaus des Untergrunds, warum es gerade dort im sächsisch-bayerisch-böhmischen Grenzgebiet zu einer Anhäufung von radonbädern kommt.

Bild 5: Der Kurpark im Bad Brambach mit Blick zum Badehaus, in dem Patienten ihre Therapie bekommen, die nicht in der Klinik wohnen.(Aufnahme: E. Feldtkeller)
Bild 5: Der Kurpark im Bad Brambach mit Blick zum Badehaus, in dem Patienten ihre Therapie bekommen, die nicht in der Klinik wohnen. (Aufnahme: E. Feldtkeller)

Einen Abstecher über diese Grenze machten die Teilnehmer der Tagung am nächsten Vormittag mit einer Exkursion nach Franzensbad. Wir bewunderten die in den vergangenen 10 Jahren bestens renovierten Gebäude dieses mondän angelegten Moor- und Glaubersalz-Bads. Ich hatte sogar das Glück, zusammen mit einem weiteren Teilnehmer vom Chefarzt einer Kurklinik persönlich durch die Behandlungsräume geführt zu werden.

Herrn Prof. Dr. Peter DEETJEN von der Universität Innsbruck danke ich für seine Mithilfe bei der Abfassung dieses Berichts.