Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 110 (September 2007)

Stellenwert sportlicher Aktivität zur Osteoporose-Vorbeugung und Behandlung

von Prof. Dr. med. Uwe Lange, Kerckhoff-Klinik der Universität Gießen in Bad Nauheim, und Prof. Dr. med. Christine Uhlemann, Kompetenzzentrum für Naturheilverfahren der Universität Jena

Die Osteoporose (Knochenporosität) befällt nicht nur ältere Frauen. Sie ist auch eine gefürchtete Begleiterkrankung des Morbus Bechterew, die das Knochenbruch-Risiko erheblich heraufsetzt. Jeder Morbus-Bechterew-Patient sollte alles daransetzen, um sie zu vermeiden.  Über die Folgen der Osteoporose haben wir in dieser Zeitschrift schon oft berichtet (Bechterew-Brief Nr. 54 S. 3–8, Nr. 58 S. 3–10, Nr. 86 S. 12–24, Nr. 93 S. 3–7, Morbus-Bechterew-Journal Nr. 97 S. 14–18, Nr. 108 S. 47–48). Hier folgen wertvolle Hinweise, wie man sie vermeiden kann.

Auswirkung der Lebensweise auf den Knochen

Infolge der steigenden Lebenserwartung und der veränderten Lebensweise wird in näherer Zukunft ein zunehmender Teil der Bevölkerung mit der Problematik einer Osteoporose (Knochenbrüchigkeit) konfrontiert sein. Es besteht ein zunehmender Trend zur „Bewegungsmangel-Erkrankung“: 50% bis 85% der Bevölkerung sind körperlich inaktiv, jedes fünfte Schulkind ist übergewichtig und eine Fettsucht (Gewicht dividiert durch Länge im Quadrat größer als 30 kg/m²) findet sich in Deutschland bei 18% der Männer und bei 25% der Frauen.

Durch die Kombination aus ungesunden Lebensgewohnheiten wie Rauchen, überwiegendem Verzehr tierischer statt pflanzlicher Nahrung, mangelnder Bewegung und technischen Erleichterungen (welche die Notwendigkeit der Bewegung im Beruf und im Haushalt reduzieren) wird sowohl das Risiko für Herzerkrankungen, Schlaganfälle, Bluthochdruck, nicht insulinpflichtige Zuckerkrankheit und bestimmte Krebsarten als auch das der Osteoporose erhöht. Zudem führt ständiger Bewegungsmangel zu einer deutlichen Destabilisierung des Gesundheitszustands. Insbesondere beim älteren Menschen bedingt dies einen Verlust an körperlicher Unabhängigkeit und damit eine Minderung der Lebensqualität.

Entgegen der früher postulierten Hypothese, nur sportliche Bewegung mit hoher Intensität über mindestens 20 Minuten habe einen gesundheitlichen Nutzen, belegen neuere Studien, dass sich bereits alltagsnahe Bewegungen (Treppensteigen, zügiges Gehen und Radfahren) vor allem bei körperlich Inaktiven gesundheitlich positiv auswirken. Dadurch werden nicht nur inaktivitätsbedingte Risikofaktoren abgemildert, sondern auch gesundheitliche Ressourcen (körperliches und psychisch-seelisches Wohlbefinden und körperliche Leistungsfähigkeit) gestärkt.

Einflüsse auf die Knochenstruktur und den Knochenstoffwechsel

Auch heute noch gilt das Anfang des 19. Jahrhunderts formulierte Gesetz: „Die Knochenform folgt der Funktion.“ Fehlende mechanische Belastung oder ein Mangel an Schwerkraft-Reizen führt zum Knochenmasseverlust. Dies wird besonders deutlich bei einer Ruhigstellung (z.B. durch einen Gipsverband oder Bettlägerigkeit) wie auch beim schwerelosen Aufenthalt im Weltraum. Die „neuromuskuloskelettale Einheit“ (Einheit aus Nerven, Muskeln und Knochen) passt sich im Sinne eines biologischen Systems an bestehende Anforderungen an: Fehlen der Erdanziehungskraft wie auch längere Ruhigstellung bewirkt einen Rückgang der Knochendichte, wobei die Ruhigstellung mit einem monatlichen Verlust von 4–5% der Knochenmasse zu Buche schlagen kann. Ein dreimonatiger Aufenthalt in der Schwerelosigkeit kann mit einer 30–35%igen Abnahme der Knochendichte einhergehen, im Vergleich zum altersbedingten Knochenmasseverlust von 1–2% jährlich. Sportliches Training führt hingegen je nach Größe, Richtung und Angriffspunkt der auftretenden Kräfte zu einer Zunahme der Knochendichte durch Verstärkung der Knochenbälkchenstruktur und Verbreiterung des Knochens durch Verdickung der Kortikalis (Knochenrinde).

Die Form und Feinstruktur des Knochens wird außer durch mechanische Faktoren (Muskelkraft, Erdanziehung) auch durch biologische Faktoren (knochenaufbau- und –abbaufördernde Hormone, erbliche Faktoren) beeinflusst. Sportliche Belastungen bewirken eine Zunahme der Knochenstoffwechsel-Hormone Östradiol und Testosteron sowie des knochenabbauenden Kortisols. Zu intensiver (Leistungs-) Sport kann mit einer verminderten Konzentrationen an Geschlechtshormonen einhergehen.

Komplex und nicht bis ins Detail bekannt ist das Verhalten weiterer „osteotroper Hormone“ (Parathormon, Schilddrüsenhormone, Vitamin D und Kalzitonin) unter unterschiedli-chen Trainingsbelastungen. Letztendlich ist das Zusammenspiel aller mechanischer und hormoneller Einflussfaktoren sowie die individuelle erbliche Veranlagung entscheidend für die aktuelle Knochenstruktur und den Knochenstoffwechsel. Unter den vielen Einflussgrößen, die bei der Entwicklung der Knochenmasse von zentraler Bedeutung sind, konzentrieren wir uns im Folgenden auf den Einfluss sportlicher Betätigung auf das Bewegungssystem.

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