Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 124 (März 2011)

Het Pand, einem ehemaliges Dominikaner-Kloster, das heute der Universität Gent gehört
Het Pand, einem ehemaliges Dominikaner-Kloster, das heute der Universität Gent gehört

Bericht vom 7. Internationalen Spondyloarthritis-Kongress 2010 in Gent

von Prof. Dr. rer. nat. Ernst Feldtkeller, wissenschaftliche Redaktion Morbus-Bechterew-Journal, München

Seit 1998 findet in Gent, der ehemals reichen Handelsstadt in Flandern, alle zwei Jahre der „International Congress on Spondyloarthropathies“ statt. Von Anfang an wurde darüber in dieser Zeitschrift berichtet . Der 7. Kongress in dieser Reihe fand vom 7. bis zum 9. Oktober 2010 statt, wie alle vorhergehenden Kongresse in Het Pand, einem ehemaligen Dominikaner-Kloster, das heute der Universität Gent gehört.
In früheren Jahren saßen wir bei den Vorträgen an Tischen im ehemaligen Refektorium (dem klösterlichen Speisesaal) und konnten bequem Notizen machen. Diesmal waren es mehr als 500 Teilnehmer, die in dicht gedrängten Stuhlreihen den Vortragenden zuhörten. Die intensive Beschäftigung mit unserer Krankheit wird also von Rheumatologen zunehmend als wichtig angesehen. Von den 36 Vorträgen und 94 „ePos-ters“ (an 24 Touch-screen-Bildschirmen zu besichtigende Präsentationen) werden hier einige für Patienten besonders interessante besprochen. Da im Programmheft keine Verfasser-Titel angegeben sind, werden sie auch hier weggelassen.

Klassifikations- und Diagnose-Kriterien

Unser Ärztlicher Berater, DVMB-Forschungspreisträger Martin RUDWALEIT fasste seinen Vortrag über die neuen ASAS-Klassifikationskriterien für die axiale Spondyloarthritis (hauptsächlich die Wirbelsäule betreffende Spondylo¬arthritis) folgendermaßen zusammen:

  • Die ASAS-Kriterien für die axiale Spondyloarthritis beschreiben besser als andere Kriterien auch die (frühe) „nicht-radiologische axiale Spondyloarthritis“ (ohne deutliche Veränderungen im Röntgenbild)
  • Sie können bei der Diagnose als Richtschnur hilfreich sein, dürfen aber nicht als Diagnosekriterien missbraucht werden und auch nicht als Prognose-Kriterien.
  • Sie erleichtern die Auswahl der Patienten für medizinische Studien und stellen dafür eine internationale Norm dar.
  • Auf Grund solcher Studien werden TNF-alpha-Blocker bald auch für die nicht-radiologische axiale Spondyloarthritis zugelassen werden.
  • Die ASAS-Empfehlungen für den Einsatz von TNF-alpha-Blockern  basieren schon jetzt auf den ASAS-Kriterien für die axiale Spondyloarthritis.

Weiterentwicklung zum Morbus Bechterew

Sibel Zehra AYDIN und 4 weitere Forscher aus England stellten fest, dass von 25 Patienten mit einer axialen Spondyloarthritis nach den ASAS-Kriterien, die noch keine Spondylitis ankylosans nach den modifizierten New-York-Kriterien hatten, nach 8 Jahren die Krankheit sich nur bei 4 Patienten zur Spondylitis ankylosans weiterentwickelt hatte. Die Diagnose einer nicht-radiologischen axialen Spondyloarthritis bedeutet also noch lange nicht, dass daraus später ein Morbus Bechterew wird.

ASDAS als Maß für die Krankheitsaktivität

Désirée VAN DER HEIJDE aus Leiden (Niederlande) stellte den neuen Ankylosing Spondylitis Disease Activity Score (ASDAS)  als Maß für die Krankheitsaktivität vor. Im Gegensatz zum BASDAI setzt sich der ASDAS aus objektiven Befunden und Patienteneinschätzungen zusammen, wie verfügbar ist, kann eine ähnliche Formel verwendet werden, in der die Blutsenkungsgeschwindigkeit als objektives Maß verwendet wird.
Pedro MACHADO und 6 weitere Verfasser aus 5 Ländern ergänzten, dass man von einer inaktiven Krankheit sprechen kann, wenn der ASDAS kleiner als 1,3 ist. Bei einem ASDAS von mehr als 2,1 ist die Krankheitsaktivität hoch und bei einem ASDAS von mehr als 3,5 sehr hoch.

DVMB-Forschungspreisträger Prof. Dr. Jürgen BRAUN aus Herne (links) im Gespräch mit Prof. Dr. Henning ZEIDLER aus Hannover und Dr. Jan BRANDT aus Berlin
DVMB-Forschungspreisträger Prof. Dr. Jürgen BRAUN aus Herne (links) im Gespräch mit Prof. Dr. Henning ZEIDLER aus Hannover und Dr. Jan BRANDT aus Berlin

Beurteilung der Behinderung

Salima VAN WEELY und weitere Forscher aus Amsterdam (Niederlande) und Glasgow (Schottland) finden es unbefriedigend, dass die Behinderung bei Alltagsaktivitäten als wichtiges Maß für die Beeinträchtigung von Morbus-Bechterew-Patienten nur mit dem vom Patienten ausgefüllten BASFI-Fragebogen beurteilt wird. Sie empfehlen, zusätzlich die Zeit zu messen, die ein Patient für die im Fragebogen aufgeführten Tätigkeiten (Treppensteigen, Socken anziehen usw.) benötigt.

Aktivitätsverlust

Thijs SWINNEN und 3 Mitverfasser von den Universitäten in Leuven (Belgien) und Maastricht (Niederlande) fanden heraus, dass es nicht die Beweglichkeitseinschränkungen sind, die Morbus-Bechterew-Patienten hauptsächlich in ihrer Aktivität behindern, sondern die Furcht vor Bewegungen, die ihnen schaden könnten. Die Verfasser finden es bemerkenswert, dass diese Furcht unabhängig vom Geschlecht ist.

Ultraschall zur Untersuchung von Sehnenansatzentzündungen

Maria Antonietta D‘ AGOSTINO aus Paris betonte in ihrem Vortrag den Wert von Ultraschalluntersuchungen bei der Untersuchung von Sehnenansatzentzündungen. Insbesondere kann man damit die Bildung neuer Blutgefäße als Zeichen einer Sehnenansatzentzündung nachweisen. Ob dieser Nachweis zur Früherkennung einer Spondyloarthritis beitragen kann, muss noch geklärt werden.

Herzbeteiligung beim Morbus Bechterew

S. M. SZABO und 5 weitere Forscher aus Kanada und den USA stellten fest, dass das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung bei Menschen mit Morbus Bechterew um 34% höher ist als in der Allgemeinbevölkerung. Das Risiko einer Herzklappenerkrankung ist sogar um 58% höher. Der Faktor ist für junge Morbus-Bechterew-Patient besonders hoch (da bei jungen Menschen ohne Morbus Bechterew eine Herzerkrankung besonders selten ist, Anmerkung der Redaktion).

Wirbelkörper-Frakturen

S. ARENDS und 7 weitere Forscher aus Groningen und Leeuwarden (Niederlande) suchten vergeblich nach Vorhersage-Faktoren für Wirbelbrüche beim Morbus Bechterew. Wirbelbrüche sind bei Morbus-Bechterew-Patienten viel häufiger als in der Allgemeinbevölkerung, im Gegensatz zu anderen Knochenbrüchen. Die Forscher fanden bei Patienten mit einem BASDAI von mindestens 4 keinen signifikanten Unterschied zwischen Morbus-Bechterew-Patienten mit und ohne Wirbelfraktur bezüglich Alter, Geschlecht, Krankheitsdauer und Krankheitsaktivität. Eine solche Fraktur kann also jeden treffen, ob jung oder alt, ob männlich oder weiblich.

Wahrscheinlichkeit einer „partiellen Remission“ (Krankheitsaktivität und Behinderung unter 2/10 der jeweili-gen Skalenlänge) unter einer Anti-TNF-alpha-Therapie in Abhängigkeit vom Alter, vom HLA-B27-Status,vom CRP und vom BASFI vor Therapiebeginn,
Wahrscheinlichkeit einer „partiellen Remission“ (Krankheitsaktivität und Behinderung unter 2/10 der jeweili-gen Skalenlänge) unter einer Anti-TNF-alpha-Therapie in Abhängigkeit vom Alter, vom HLA-B27-Status,vom CRP und vom BASFI vor Therapiebeginn, nach N. VASTESAEGER u.a.

Anti-TNF-alpha-Therapie

DVMB-Forschungspreisträger Joachim SIEPER aus Berlin eröffnete die Tagung mit einem Übersichtsvortrag über die Anti-TNF-alpha-Therapie. Von einer solchen Therapie profitieren diejenigen Patienten am meisten, bei denen folgende Kriterien erfüllt sind:

  • kurze Krankheitsdauer,
  • geringes Alter,
  • hoher CRP-Entzündungs-Laborwert,
  • positives HLA-B27,
  • ausgeprägte Entzündungszeichen im Magnetresonanzbild,
  • niedriger BASFI (geringe Behinderung).

Darauf, um wieviel der BASDAI (Maß für die Krankheitsaktivität) den Wert 4 übersteigt, kommt es nicht an.
Patienten mit einer frühen („nicht-radiologischen“) axialen Spondyloarthritis können von der Therapie ebenso profitieren wie Patienten, bei denen sich die Krankheit zur Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew) weiterentwickelt hat.
Prof. Sieper berief sich in seinem Vortrag auf eine Studie unter Federführung von Nathan VASTESAEGER aus Brüssel, an der er und viele weitere Rheumatologen beteiligt waren.

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