Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 125 (Juni 2011)

Der Weg war mein Ziel – mit 63 auf dem Jakobsweg

von Anne Mooren aus Duisburg

Vor 10 Jahren wurde ich von einem 30-Tonnen-LKW angefahren, der bei ROT über die Ampel fuhr. Folgen: Rippenserienfraktur, Jochbein- und Kieferbruch, entstellende Narbe im Gesicht (bestens operiert), Blut floss in die Lunge und den Brustraum. Dass ich lebend aus meinem verbeulten Auto herauskam, grenzt an ein Wunder.
Eine ältere Nonne erzählte mir auf der Intensivstation von ihrer Erfahrung auf dem Jakobsweg –ich hatte als Evangelische nie davon gehört. Da habe ich mir vorgenommen, sollte ich wieder gesund werden, nicht so entstellt aussehen, würde ich diesen Weg nach meiner Pensionierung laufen. Ich habe mich intensiv darauf vorbereitet.

Aufbruch

Die Tour ging am 30. August 2010 mit dem Bus von Köln los. In Köln traf ich eine Mitpilgerin. Nach 16 Stunden Fahrt wurden wir in Bayonne an der Autobahnausfahrt fix und fertig aus dem Bus geworfen. Kein Taxi weit und breit, keine Straßenschilder, keine Französischkenntnisse. Mit der weinenden Ingrid im Schlepptau irrte ich 1½ Stunden durch die Stadt zum Bahnhof, wo weitere Pilger eintrudelten. Mit dem Bummelzug erreichten wir schließlich St.-Jean-Pied-de-Port, das letzte französische Städtchen vor den Pyrenäen. Erste Übernachtung in einer Pilgerherberge, erster Stempel in meinem Pilgerausweis. Am nächsten Morgen um 7.00 Uhr ging’s los – 804 km lagen vor mir.

Es war für mich das schönste Erlebnis und Abenteuer seit Jahren. Ich bin bis ans Ende meiner Kräfte gelaufen, habe geweint, gelacht und geflucht. Saß erschöpft am Straßenrand, glaubte, es ginge nicht mehr weiter – doch es ging immer weiter – wie im richtigen Leben. Die Pyrenäen und auch der 10-kg-Rucksack erforderten schon einen großen Teil meiner Kräfte, aber das war erst der Anfang. Hitze, Blasen an den Füßen, Brechdurchfall – nichts hat mich davon abgehalten, weiter zu gehen (jeden Morgen ein 100-mg-Zäpfchen Diclofenac).
Die wunderbaren Ortschaften, Landschaften, Städte, Weinberge, Flüsse, und Wälder entschädigten mich für alle Strapazen. Ich habe Pilger aus der ganzen Welt kennengelernt, bekomme immer noch viele Anrufe und Mails von meinen neu gewonnenen Freunden.

Freundschaften
Pilgerherberge überbelegt – also weiter zur nächsten?
Pilgerherberge überbelegt – also weiter zur nächsten?

Ja, ich habe wunderbare Mitpilger erleben können: von jungen Studenten bis hoch in die 70. Wir gingen alle einen Weg, es galt nur ein DU. Es waren vor allem ehrliche und aufrichtige Menschen, sehr liebevoll, hilfsbereit, mitfühlend und rücksichtsvoll. Niemand hat seine Emotionen versteckt. Ich bin zwar meist allein, aber bisweilen zu zweit oder zu dritt ein gemeinsames Stück gewandert; es waren erstaunliche und interessante Begegnungen. Und wenn man sich auch aus den Augen verlor, den ein oder anderen traf man irgendwann und irgendwie wieder – vor allem, wenn ich auf der Plaza durchgeschwitzt und müde ankam und einer „ANNA“ rief, da hatte ich das Gefühl, einen guten Freund zu treffen.
Nie hätte ich mir vorstellen können, mit 20 bis 100 Personen in einem Schlafsaal zu liegen – es geht alles und gehört beim Jakobsweg dazu. Ich wachte morgens auf, manchmal über mir, unter mir, neben mir ein fremder Mann, auch in den Klöstern. Man kriecht abends müde in seinen Schlafsack (es gab immer das herrliche Pilgermenü mit gutem Rioja Rotwein) und schläft durch. In kleineren Herbergen, die eine eigene Kapelle hatten, wurde abends Gitarre gespielt und gesungen. Zum Einschlafen wurden oft noch Schlaflieder in 6–8 verschiedenen Sprachen angestimmt – das war authentisch. Morgens marschierten die Ersten schon um 6 Uhr los; ich immer so gegen 7 Uhr mit meiner Lampe – allein und ohne Angst, und im nächsten Ort habe ich dann gefrühstückt.

In Santiago de Compostela

Und als ich am 28. September 2010 vom Monte do Gozo (Berg der Freunde) kommend Santiago de Compostela sah, habe ich den ganzen Weg nur geweint. Der Weg zur Kathedrale nahm kein Ende, zog sich noch ca. 6 km hin, ich wurde immer schneller.

„Camino de Santiago“ –  in Stein gemeißelt
„Camino de Santiago“ – in Stein gemeißelt

Vor der Kathedrale warteten schon 5 Mitpilger auf mich, um mich zu beglückwünschen und mich zu umarmen. Diese Emotionen muss man erleben, man kann es einfach nicht übermitteln. Habe meine Pilgerurkunde abgeholt, den Heiligen Jakobus umarmt und die Pilgermesse mit dem durch das Kirchenschiff schwingenden 54 kg schweren Weihrauchkessel erleben können. Drei Tage in Santiago de Compostela waren für mich wie ein Traum: wir lachten, weinten und tanzten bis nachts auf der Plaza, mit leichtem Schwips.
An einem dieser Tage fuhren wir mit dem Bus ca. 90 km nach Kap Finis-terre (Ende der Welt) und warfen unsere Socken ins Meer.

Total präsent

Ja, die „alte“ Anne ist zurückgekommen, unbeschwerter, gelassener, nicht so angespannt, gefühlsbetonter und vor allem sehr stark. Ich habe ehrliche Freude erfahren dürfen, keine aufgesetzte Fröhlichkeit, liebevolle Umarmungen genossen, Menschen, die ehrlich sagten: „Bleib so wie Du bist, Du bist o.k. und wir mögen Dich“.
Und jetzt schreibe ich „mein Buch über den Camino“ – nur für mich, nahe Verwandte, gute Freunde und einige Mitpilger. Ich muss es nur noch ausarbeiten. Im Traum zeigen mir ständig die gelben Pfeile und die Jakobsmuscheln den richtigen Weg und ich höre ein freundliches „Buen Camino!“. Alles ist total präsent in meinem Kopf. Ich habe mir einen Wunsch erfüllt, den ich 10 Jahre mit mir herumgetragen habe. Sogar das Beten habe ich wieder gelernt.

 

Anschrift der Verfasserin:
Steigerstraße 14
47198 Duisburg

Inzwischen gibt es von der selben Verfasserin ein
illustriertes Buch über ihre Pilgerreise:
Anne Mooren
1,6 Millionen Schritte auf dem Jakobsweg –
Mein Weg zu mir.
Format A5, ca. 100 Seiten
F. Barg Verlag Düsseldorf
ISBN 978-3-9813124-1-6
Preis € 5,95