Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 125 (Juni 2011)

Hände

Die Hände waren rissig und rau und es erschreckte mich die Kraft, mit der sie zupackten. Diesen harten derben Griff war ich nicht gewohnt. Dabei war die Person, der diese Hände gehörten, kleiner noch als ich und wesentlich älter. Sicher hatten diese Hände einst schwer gearbeitet. Ich wusste nur wenig über den Menschen da an meiner linken Seite, den der Zufall an diesem Abend zu mir gesellte. Vielleicht konnte er sich auf diese Art nur noch krampfhaft am Leben wie Überleben beteiligen. So fassen nur Ertrinkende zu, schoss es mir durch den Kopf und ich hatte Angst, dass mir diese Hand die meine zerdrücken würde.

An meiner rechten Seite wurde meine rechte Hand von einer anderen weichen mit festem Griff gehalten. Das war mir wesentlich angenehmer. Nicht nur wegen der Hand, auch wegen der Person an dieser Seite, die ich sehr mochte und die im gleichen Alter wie ich war. Mit dieser Hand hätte ich den ganzen Abend tanzen mögen, mich im Wasser wiegen und immerzu in diese zwei lustigen Augen schauen in einem oftmals verschmitzt wirkendem Gesicht, was für mich das Sympathische dieses Menschen ausmachte. Dabei hatte seine Hand viele Jahre unter Tage geschafft und musste jetzt lernen, sich an leichtere Büroarbeit zu gewöhnen.

Als das Spiel wechselte, fasste ich plötzlich zwei knorrige Hände, die ebenfalls zu einer älteren Person gehörten. Dieser Mensch war bereits sehr von seiner Krankheit gezeichnet und ich meinte, das auch in und an seinen Händen zu spüren. Ich wurde mit fast zerbrechlichem leichtem Griff gehalten, so wie es Leute tun, die anderen und sich keinen Schmerz bereiten wollen. Diese Hände zeigten Gefühl und Achtsamkeit sich und anderen gegenüber. Von diesen Händen wusste ich mehr, denn sie hatten schon viel erlebt, vielen Menschen geholfen und Pflege leisten müssen. Sie kochten täglich Mittag für eine über 80jährige Schwiegermutter, während sie für eine verstorbene jüngere Frau Blumen ans Grab legten. Sie behüteten und bekochten kleine Enkelkinder im Alter von 2-4 Jahren, wenn diese zu Besuch kamen und wussten nicht, wohin sie bei den Zwillingsmädchen zuerst anfassen sollten. Zwei Hände für 3 Enkelkinder sind nicht viel. Am meisten hielten sie allerdings eine Zigarette, die nie auszugehen schien. Zigaretten muss man leicht fassen, um sie nicht zu zerdrücken.

Wiederum wechselte das Spiel durch die Ansage des Therapeuten, der am Beckenrand stand. Jetzt erfasste mich auf einer Seite eine wasserwarme weiche Frauenhand und auf der anderen die mir angenehme, die mich jedoch wesentlich fester hielt. Gepflegte Frauenhände sind doch etwas Wunderbares, und dabei wusste ich, dass gerade diese Hand täglich bei der Reinigung in einem Autohaus zu tun hatte, schwere Eimer trug, nasse Lappen erduldete, stets frühzeitig aufstand, um nach verdientem Lohn einem Haushalt mit Mann zu dienen und zusätzlich zu allem mehrere Enkelkinder umsorgte.

Ja, es waren alles sehr fleißige Hände und hier vereint im Spiel, um für die Gesundheit ihrer Men-schen mit zu tun, die alle mehr oder weniger gegen ihren Bechterew oder andere rheumatische Erkrankungen zur gemeinsamen Therapie in Berggießhübel zusammengekommen waren.

Petra Flügel, Robert-Klett-Ring 25, 01796 Pirna

Personen im Wasser bilden einen Kreis