Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 126 (September 2011)

Nordic Walking für Morbus Bechterew

Ein Seminar für Patiententrainer

von Dagmar Kern, Sprecherin der Gruppe Wetzlar

Mit reger Beteiligung von Mitgliedern der DVMB aus ganz Deutschland fand vom 22. - 24. Oktober 2010 das Seminar
„Nordic-Walking-Patiententrainer für Morbus Bechterew“ in Nürnberg statt.

Nachdem alle Teilnehmer am Freitagnachmittag in den Räumen des Rheuma-Therapie-Zentrums (RTZ) Nürnberg eingetroffen waren, wurden sie ab 17 Uhr mit einem kleinen Snack begrüßt. Nach dieser Stärkung hieß uns der Geschäftsführer der DVMB, Ludwig Hammel, herzlich willkommen und übergab das Wort der Physiotherapeutin Ute Donhauser-Gruber. Sie bat die Teilnehmer, sich kurz der Reihe nach vorzustellen und zu erzählen, warum sie an dem Seminar teilnehmen.

Nach der Vorstellung hielt sie einen Vortrag mit dem Thema „Einführung in die Methode des Nordic Walking unter Berücksichtigung des Morbus Bechterew“. Daraus ging schon hervor, dass nicht nur der Bewegungsablauf, sondern auch das Sportgerät für einen Morbus-Bechterew-Patienten anders sein muss, als es u.a. in Sportvereinen vermittelt wird.

Danach forderte Frau Donhauser-Gruber die Teilnehmer zu einigen „Trockenübungen“ auf, um schon einmal einen ersten Eindruck vom Bewegungsablauf des Nordic Walking zu geben, erst ohne, dann mit Walkingstöcken. Gegen 19 Uhr endete der erste Seminartag mit der Fahrt ins Hotel und der Entlassung der Mitglieder in einen frei verfügbaren Abend. Am nächsten Morgen begann der Seminartag mit einem Vortrag von Dr. Alfred Gruber mit dem Thema „Einführung in die Deformitäten bei Morbus Bechterew (Ursache, Entstehung und Therapie)“. Es wurde u.a. sehr anschaulich dargestellt, dass die Form der Wirbelsäule
des Erwachsenen schon im Säuglingsalter angelegt ist. Dr. Gruber hat seinen Vortrag sehr verständlich und interessant gestaltet. Im Anschluss konnten die Teilnehmer Fragen stellen. Diese Möglichkeit wurde rege genutzt und es entstand eine lebhafte Diskussion.

Im Anschluss gab Frau Donhauser-Gruber eine theoretische Einführung mit dem Thema „Anpassung und Modifizierung des Nordic Walking bei Morbus-Bechterew-Patienten unter Berücksichtigung des Gelenkschutzes“. Sie demonstrierte anhand von mitgebrachten Walkingstöcken, worauf der Bechterewler auf Grund seiner eingeschränkten Beweglichkeit beim Nordic Walking achten muss. Einer der grundsätzlichen Unterschiede zum Nordic Walking eines gesunden Menschen liegt schon in den Stöcken. Sie sollten teleskopierbar sein. Am Beginn der Walkingstrecke sollte die Stocklänge auf 0,65 x Körpergröße aingestellt werden. Da der Walker während des Laufens durch den Bewegungsablauf in eine leichte Aufrichtung kommt, ist es ratsam, dann die Stocklänge zu erhöhen. Ein weiterer Unterschied liegt in der intensiveren Armbewegung nach hinten bei jedem Schritt. Dadurch wird die Beweglichkeit der Wirbelsäule (Drehung und Aufrichtung) gefördert. Für manche Bechterewler sind andere Stockgriffe zusätzlich nötig.

Gruppe beim Nordic Walking

Dann wurden Stöcke und Gelenkpads verteilt. Die GelenkGelenkpads sind Moosgummi-Scheiben, die mit Pflasterstreifen unter den Vorderfußballen fixiert werden. Sie unterstützen den Walker beim Abrollen des Fußes und in der Vorwärtsbewegung ( erhältlich z.B. bei „Fuß und Schuh, Ietec“, Bahnhofstr. 23, Fulda). Für das „Trockentraining“ wurden die Räumlichkeiten des RTZ genutzt, um Bewegungsabläufe zu üben und sich ein wenig warm zu machen. Unter dem antreibenden Gebell des Haushunds walkten die Teilnehmer durch die Gänge in den angesagten Gangarten. Danach ging es gemeinsam zu Fuß zur Umsetzung in die Praxis Nordic Walking zu einem nahegelegenen, breiten Fußweg. Dort wurde von den Seminarteilnehmern unter den strengen Augen von Ute Donhauser- Gruber und Ludwig Hammel die Umsetzung der Technik des Nordic Walking bei Morbus Bechterew von der Theorie in die Praxis geübt. Das sonnige Herbstwetter und die für manche ungewohnten Bewegungsabläufe brachten uns schnell ins Schwitzen, sodass eine Bank bald als Jackenständer herhalten musste.

Nach dem gemeinsamen, gemütlichen Mittagessen begab sich die Gruppe wieder in das RTZ. Von dort aus fuhren wir im Konvoi zum „Faber-Park“. Dort wurden die Walkingstöcke angeschnallt und unter der Anleitung von Frau Donhauser- Gruber einige Dehnübungen gemacht, bevor es auf die Strecke ging. Bei herrlichem Sonnenschein wurde die neu erworbene Nordic-Walking-Technik von den Teilnehmern auf der ca. 1½-stündigen Runde ausgiebig trainiert. Wieder korrigierten Ute Donhauser-Gruber und Ludwig Hammel sehr wachsam und geduldig die Bewegungsabläufe. Zwischendurch wurden bei kurzen Stopps ein paar Lockerungsübungen gemacht. Zurück auf dem Parkplatz dehnten wir uns nochmals nach der Anstrengung. Dann fuhren wir wieder zurück zum RTZ.

Anschließend verfolgten alle einen sehr interessanten Vortrag von Ludwig Hammel mit dem Thema „Morbus Bechterew und Sport“. In seiner unnachahmlichen Art erklärte er, dass der Bechterewler durchaus Sport treiben kann und auch sollte. Und warum unbedingt auf die gezwungenermaßen unterschiedlichen Bewegungsabläufe bei Gesunden und Morbus-Bechterew-Journal Nr. 126 (September 2011) 45 Aus dem Bundesverband Bechterewlern geachtet werden muss. Im Anschluss an diesen heiteren und lebendigen Vortrag wurde noch rege diskutiert. Danach ging es zurück ins Hotel.

Zum Ausklang des ereignisreichen Tages führte Ludwig Hammel die Gruppe in die Nürnberger Altstadt. Dort war ein Tisch in der ältesten Bratwurstküche der Welt „Zum Gulden Stern“ für uns bestellt. Nach einem rustikalen Abendessen in heiterer Runde machten die Teilnehmer noch einen Verdauungsspaziergang durch die Altstadt. Der Weg führte u.a. zu einem auffälligen Bauwerk* namens „Ehekarussell (Ehebrunnen)“, der von uns interessiert bestaunt wurde.

Am nächsten Morgen mussten wir feststellen, dass uns das Wetterglück verlassen hatte. Während der Fahrt zum Park am Tiergarten wurde klar, dass die Walkingrunde nicht trockenen Hauptes stattfinden wird. Als die Teilnehmer am Ziel die Autos verließen, regnete es schon. Entschlossen und mit der richtigen Kleidung trotzten wir dem Wetter und machten uns, nach kurzen Dehnübungen, auf den Weg, um unsere erlernten Bewegungsabläufe zu festigen. Dies wurde wieder durch die regengeschützten scharfen Augen von Ute Donhauser-Gruber und Ludwig Hammel kontrolliert. Nach dem anstrengenden ca. 1¼-stündigen Marsch durch den Regen waren alle Seminarteilnehmer froh, in die trockenen Autos einsteigen zu können. Wieder zurück im RTZ, legten wir uns erst einmal trocken. Danach erklärte uns Frau Donhauser-Gruber noch einmal genau, welche Stöcke man für Nordic Walking als Morbus-Bechterew-Patient benutzen soll. Auch kann man sich durch spezielle Griffe für die Stöcke und spezielle Pads, welche man sich an der Fußsohle befestigt, Erleichterung verschaffen. Auf jeden Fall ist jedem Bechterewler zu raten, der Nordic Walking intensiver betreiben will, z.B. in einem Sportverein einen Nordic-Walking-Kurs zu machen, um die grundlegenden Bewegungsabläufe zu erlernen. Danach fand unter den Seminarteilnehmern nochmals ein reger Gedankenaustausch statt.

Zum Abschluss des Seminars verteilte der Geschäftsführer Ludwig Hammel die Teilnahmebestätigungen und bedankte sich für die lebhafte Teilnahme. Er wünschte den Teilnehmern eine gute Heimfahrt und brachte die Hoffnung zum Ausdruck, dass wir unsere erworbenen Kenntnisse in den Gruppen weitergeben können.

Alles in allem war es ein sehr interessantes, informatives, abwechslungsreiches und lehrreiches Seminar. Alle Seminarteilnehmer waren einstimmig der Meinung, sehr viele Erkenntnisse aus diesem Wochenende mitgenommen zu haben. Vielen Dank an die Organisation und die Referenten!

* Gemeint ist der von Prof. Jürgen Weber geschaffene Brunnen nach Hans Sachs „Das bittersüße ehlich Leben“

Anschrift der Verfasserin: Jäcksburg 31, 35578 Wetzlar