Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 127 (Dezember 2011)

Biomechanik der Kreuzdarmbeingelenke
(Sakroiliakal- oder Iliosakralgelenke)

von Prof. Dr. med. Gilbert Versier, Saint-Mandé, Frankreich

Da die Kreuzdarmbeingelenke bei Morbus Bechterew eine entscheidende Rolle spielen und da es für das Krankheitsverständnis sehr hilfreich sein kann, etwas mehr über die Besonderheiten dieser Gelenke zu wissen, haben wir einen sehr aufschlussreichen Beitrag darüber für Sie aus dem Französischen übersetzt.
Die Redaktion

Die Rolle der Sakroiliakal-Gelenke (der Kreuzbein-Darmbein-Gelenke, die zu beiden Seiten des Kreuzbeins am unteren Ende der Wirbelsäule liegen und den Übergang zum Becken herstellen) wird bis in unsere Tage heiß diskutiert. Die Beweglichkeit dieser Gelenke ist minimal, in der zweiten Lebenshälfte sind die Gelenkflächen fast immer verschmolzen. In der ersten Lebenshälfte ermöglicht ihre Beweglichkeit bei der Frau die Passage des Kindes bei der Geburt.
Eine These, die mit sehr großer Wahrscheinlichkeit zutrifft, besagt, dass die Kreuz-Darmbein-Gelenke sich beim Übergang vom Vierbeiner zur aufrechten Haltung des Homo sapiens nicht an die starke mechanische Belastung anpassen konnten.

Anatomische Grundlagen

Der Aufbau (die Anatomie) des Körpers ist die Grundlage für die Biomechanik der Gelenke. Der Beckenring besteht aus dem Kreuzbein (als unterem Teil der Wirbelsäule und zugleich hinterem Teil des Beckenrings) und dem rechten und linken Hüftbein (während der Entwicklung zusammengewachsen aus Darmbein (Beckenschaufel), Schambein und Sitzbein, Bild 1). Das Kreuzbein ist mit dem rechten und linken Darmbein verbunden durch die Kreuzdarmbeingelenke. Die Schambein-Symphyse bildet vorn die Verbindung der beiden Schambeine. Diese für die Biomechanik unverzichtbaren Elemente bilden zusammen eine Art Trichter, dessen oberer Rand die Grenze zwischen Bauch- und Beckenraum bildet.
Die Beckenform zeigt deutliche Geschlechts-Unterschiede (Bild 1), mit einem hohen engen Becken beim Mann und einem weiteren für Schwangerschaften geeigneten Becken bei der Frau. Das Kreuzbein ist der massive, unbewegliche Schlussstein der Wirbelsäule. Die Hüftgelenke übertragen die Kräfte auf die unteren Gliedmaßen und stehen in Wechselwirkung mit den Kreuzdarmbeingelenken.

Entwicklung der Kreuzdarmbeingelenke

Die Entwicklung der Kreuzdarmbeingelenke im Laufe des Heranwachsens ist gut erforscht. Schon vor der Geburt existiert ein knöcherner Kernpunkt des Darmbeins. Weitere  knöcherne Kernpunkte entstehen im Laufe der kindlichen Entwicklung. Erst zum vollendeten 15. Lebensjahr ist der knöcherne Beckenkamm komplett. Jeder Kreuzwirbel entwickelt sich aus seinem Kernanteil und erst beim ausgewachsenen Menschen verschmelzen die einzelnen Kreuzwirbel miteinander und bilden das Kreuzbein. Das Aneinander-Anpassen und Aufeinander-Zuwachsen zwischen Kreuzbein und Darmbein geschieht unter sehr variablen Bedingungen und ist individuell sehr unterschiedlich.

Bild 1: Schematische Darstellung des Beckens von vorne gesehen, mit deutlichen Unterschieden zwischen dem männlichen und dem weiblichen Becken.
Bild 1: Schematische Darstellung des Beckens von vorne gesehen, mit deutlichen Unterschieden zwischen dem männlichen und dem weiblichen Becken.

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