Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 127 (Dezember 2011)

Diagnostik und Verlaufsvorhersage bei der Spondylitis ankylosans
in den Rheumatologiezeitschriften des Jahres 2010

von DVMB-Forschungspreisträger Prof. Dr. med. Martin Rudwaleit, Berlin, Ärztlicher Berater der DVMB

Häufigkeit von Begleit-Erkrankungen beim Morbus Bechterew

In einer großen Datenbankanalyse eines nationalen Krankenversicherungsforschungsprojekts in Taiwan wurden 11.701 Morbus-Bechterew-Patienten im Hinblick auf Begleit-Erkrankungen untersucht und mit 58.505 in der Datenbank registrierten Menschen ohne Morbus Bechterew verglichen. Die häufigsten Begleit-Erkrankungen waren Bluthochdruck (16,4% im Vergleich zu 10,6%), Magengeschwüre (14% im Vergleich zu 4,4%) und Kopfschmerzen (10% im Vergleich zu 9%). Bluthochdruck und Magengeschwüre, aber auch andere Erkrankungen wie Psychosen, Depressionen, koronare Herzkrankheiten, Herzinsuffizienz, chronische Atembeschwerden, Schilddrüsenunterfunktion und Lebererkrankungen einschließlich Virus-Hepatitis (Gelbsucht) waren bei Morbus-Bechterew-Patienten signifikant häufiger als in der Vergleichsgruppe. Interessanterweise gab es keine Unterschiede bezüglich Nierenerkrankungen und Tumoren.

Kommentar: Die Versicherungsdaten aus Taiwan zeigen anhand der großen Patientenzahl belastbare Daten zu Begleiterkrankungen beim Morbus Bechterew. So waren Magengeschwüre und Bluthochdruck signifikant häufiger, nicht jedoch Nierenerkrankungen.

ASAS-Kriterien für die periphere Spondyloarthritis

Nach der Veröffentlichung der ASAS-Kriterien für die axiale (vorwiegend die Wirbelsäule betreffende) Spondyloarthritis im Jahr 2009 wurden kürzlich auch die ASAS-Kriterien für die periphere (vorwiegend Gelenke außerhalb der Körperachse betreffende) Spondyloarthritis publiziert. Die neuen ASAS-Kriterien für die periphere SpA weisen eine Sensitivität von 78 % und eine Spezifität von 83 % auf und schneiden damit besser ab als die ESSG-Kriterien und die Amor-Kriterien , die zwar sehr spezifisch (98 %), jedoch wenig sensitiv (40 %) sind (also viele Spondyloarthritis-Patienten nicht miterfassen).
Die Autoren erklären sich die schlechte Sensitivität der Amor-Kriterien einerseits mit der Erfordernis von mindestens 3 Parametern zur Erfüllung der 6 Punkte, was bei Patienten in frühen Krankheitsstadien mit rein peripherer Symptomatik schwierig sein kann, andererseits mit der strikten Definition einer Oligoarthritis (Entzündung weniger Gelenke) bei Amor, wohingegen in der ASAS-Studie 27% der Spondyloarthritis-Patienten eine Monarthritis (Entzündung eines einzelnen Gelenks) und 19% eine Polyarthritis (Entzündung vieler Gelenke) hatten, beides Arthritis-Formen, für die es bei AMOR keinen Punkt gibt. Deshalb sind die ASAS-Kriterien beim Vorliegen einer peripheren Spondyloarthritis häufiger erfüllt als die ESSG- oder Amor-Kriterien, vor allem im Frühstadium.
In den neuen ASAS-Kriterien ist die Enthesitis (Sehnenansatzentzündung) nicht allein auf die Ferse (Achillessehne und Fußsohlensehnenplatte) begrenzt, da die reine Fersen-Enthesitis zu einem Sensitivitätsverlust der Kriterien von ca. 10%, jedoch zu einem Anstieg der Spezifität von nur 1% geführt und insofern keinen Vorteil gebracht hätte.

Kommentar: Mit den neuen ASAS-Kriterien für die axiale und die periphere Spondyloarthritis verfolgt ASAS das Konzept der vorherrschenden Beschwerden von Spondyloarthritis-Patienten, die einmal mehr axial, ein anderes Mal mehr peripher sein können. Im Vergleich zu den ESSG- und Amor-Kriterien weisen die ASAS-Kriterien eine ausgewogenere Balance zwischen Sensitivität und Spezifität auf. Vor allem bei Patienten in frühen Krankheitsstadien bilden die ASAS-Kriterien die Meinung der Rheumatologen (Vorliegen einer Spondyloarthritis) besser ab als die etablierten ESSG- und Amor-Kriterien.
In einem begleitenden Editorial von H. ZEIDLER und B. AMOR  wird über das Für und Wider der Aufspaltung der Krankheitsgruppe der Spondyloarthritiden in zwei Gruppen (vorwiegend axial oder peripher) philosophiert. Festzuhalten ist, dass die neuen ASAS-Kriterien in erster Linie für Patienten in frühen Krankheitsstadien geschaffen wurden, um einen Standard für Therapie-Studien in diesem Stadium zu schaffen, was mit den bisherigen Kriterien nicht gut möglich war. Darüber hinaus können die neuen Kriterien auch in der Diagnosefindung hilfreich sein. Sie sollten aber nicht als Goldstandard für die Diagnosestellung angesehen werden.

Beobachtung von Patienten mit einer undifferenzierten SpA über 10 Jahre

In Brasilien wurden 111 Patienten mit einer undifferenzierten Spondyloarthritis  über insgesamt 10 Jahre weiterbeobachtet . Zu Beginn hatten 46% eine periphere Arthritis, 29% entzündlichen Rückenschmerz, 15% eine positiv. Alle hatten keine deutlichen Veränderungen im Röntgenbild der Kreuzdarmbeingelenke, also keinen Morbus Bechterew. Im Lauf der 10 Jahre berichteten 67% über entzündliche Rückenschmerzen, 53% über Gesäßschmerzen, 83% über eine periphere Gelenkbeteiligung und 60% über Sehnenansatzentzündungen. Ein definitiver Morbus Bechterew fand sich nach 10 Jahren bei 24% dieser Patienten. Andererseits hatten 22,5% keine Beschwerden mehr.

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