Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 127 (Dezember 2011)

Wer entdeckte die Blutsenkungsgeschwindigkeit als Entzündungsmaß?

Von Prof. Dr. med. Andrzej Grzybowski, Posen, und Dr. med. Jaroslaw J. Sak, Universität Lublin, Polen

Edmund Faustyn BIERNACKI (1866–1911). Nach Biernacki E: Drukarnia Granowskiego i Sikorskiego, 1899
Edmund Faustyn BIERNACKI (1866–1911). Nach Biernacki E: Drukarnia Granowskiego i Sikorskiego, 1899

Zur Bestimmung der Entzündungsaktivität wird bei Patienten mit Morbus Bechterew und anderen entzündlichen Krankheiten regelmäßig die Blutsenkungsgeschwindigkeit bestimmt. Dabei wird eine Blutprobe zusammen mit einer gerinnungshemmenden Natriumzitratlösung in ein genormtes senkrecht stehendes Glasröhrchen gegeben und es wird beobachtet, um wieviel mm sich die festen Bestandteile (Zellen) innerhalb der Flüssigkeit absenken (Bild 1).

Die Methode wurde Ende des 19. Jahrhunderts von einem polnischen Arzt entdeckt, von Edmund Faustyn BIERNACKI (1866-1911), der die Entdeckung 1897 gleichzeitig in zwei Veröffentlichungen bekanntgab: einer in polnischer Sprache in der Gazeta Lekarska und einer zweiten in deutsch in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift. Kurz vor dem Erscheinen dieser Veröffentlichungen trug Biernacki am 22. Juni 1897 bei einer Veranstaltung der Warschauer Medizinischen Gesellschaft die wichtigsten Schlussfolgerungen aus seinen Beobachtungen vor:

  1. Die Blutsenkungsgeschwindigkeit ist nicht bei allen Menschen gleich,
  2. in Blut mit einer geringeren Menge Blutzellen setzen sich diese schneller ab,
  3. die Blutsenkungsgeschwindigkeit hängt von der Fibrinogen-Menge (Menge eines gerinnungsfördernden löslichen Eiweißstoffs) im Blutplasma ab,
  4. bei einer mit Fieber verbundenen Erkrankung mit einer hohen Fibrinogen-Menge im Blutplasma ist die Senkungsgeschwindigkeit erhöht.
Blutsenkung heute:

Die Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) ist bei einer Reihe von Erkrankungen erhöht, z.B. bei Infektionen, bei anderen Entzündungen und bei einigen Tumoren. Dies liegt daran, dass bei diesen Erkrankungen der Anteil der festen Bestandteile des Bluts oft erhöht ist. Die Blutsenkung ist bei entzündlichen Krankheiten ein wichtiger Laborwert für die Verlaufskontrolle und Therapiekontrolle. So erkennt man z.B. die Wirkung einer antirheumatischen Therapie an einer Abnahme der BSG. Umgekehrt deutet eine unverändert hohe BSG auf eine unzureichende Wirksamkeit hin.
Normal ist für Unter-50-Jährige eine Blutsenkung von höchstens

  • 15 mm/h (erster angegebener Wert) bei Männern,
  • 20 mm/h (erster angegebener Wert) bei Frauen, für Über-50-Jährige eine Blutsenkung von höchstens
  • 20 mm/h (erster angegebener Wert) bei Männern,
  • 30 mm/h (erster angegebener Wert) bei Frauen.

Bei der Kontrolle der Krankheitsaktivität und der Therapiewirkung kommt es weniger auf die absolute Höhe der BSG an als vielmehr auf Änderungen im Verlauf. Wichtig ist, ob unter einer Therapie die BSG auf Werte unter 20 mm/h abfällt und niedrig bleibt oder ob es im weiteren Verlauf wieder zu einem Anstieg kommt.
Jeder Patient mit einer chronischen entzündlichrheumatischen  Erkrankung sollte sich deshalb im Rahmen der eigenen Krankheitsdokumentation selber eine Verlaufsdarstellung seiner BSG-Werte anlegen, entweder als Graphik oder als Tabelle *).    Quelle: www.rheuma-online.de
*) Z.B. im Morbus-Bechterew-Langzeitprotokoll, DVMB-Schriftenreihe Heft 6, siehe Seite 39 in diesem Heft.

Laboreinrichtung zur Bestimmung der Blutsenkungsgeschwindigkeit
Laboreinrichtung zur Bestimmung der Blutsenkungsgeschwindigkeit

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