Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 128 (März 2012)

Adolf Strümpell und seine deutsche Erstbeschreibung
der Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew)

von Kathleen Rahn, Historikerin an der Universität Leipzig

Wenn man die Universitätsklinik Leipzig durchquert und die Sinne für die Erkrankung Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew) geschärft sind, begegnet man unweigerlich der Marmor-Büste des bedeutenden Internisten und Neurologen Adolf STRÜMPELL (1853-1925), geschaffen von dem Bildhauer A. LEISTNER im Auftrag der Schüler des allseits beliebten Lehrers der Leipziger Medizinischen Fakultät zu seinem 70. Geburtstag. Andernorts durchstreift man das Leipziger Stadtviertel Probstheida auf der Strümpellstraße; erreicht wenige Minuten später das auf dem Leipziger Südfriedhof gelegene Grab Adolf Strümpells und wird gewahr, welch bedeutende Rolle jener präsente Mann für die Stadt und die Medizin gespielt haben muss. Adolf STRÜMPELL wurde am 28. Juni 1853 als eines von drei Kindern auf dem Pastorat (Pfarrhof) Neu-Autz in der Nähe von Dorpat in Estland geboren. Durch seinen am Dorpater Lehrstuhl für Philosophie und Pädagogik als Professor tätigen Vater Ludwig wurde der Sohn intensiv im Bereich der Mathematik und Physiologie ausgebildet. Ab 1870 studierte Adolf Strümpell dann Medizin in Dorpat und siedelte 1872 mit seinen Eltern nach Leipzig über, wo er 1875 über „Die Urämie und deren Einfluss auf die Körpertemperatur beim akuten und chronischen Morbus Brightii“ promovierte. Im Zuge seiner Habilitation im Bereich der Inneren Medizin wurde Strümpell 1878 Privatdozent und 1883 außerordentlicher Professor an der Medizinischen Fakultät in Leipzig. 1886 erhielt er einen Ruf als Medizinischer Direktor und späterer Prorektor an die Erlanger Universität und verblieb dort bis 1903. Zur 150-Jahrfeier der dortigen Universität 1893 wurde dem stets bescheidenen Internisten gar die Nobilitierung zuteil: „Mir hatte die Feier den bayerischen Kronorden und damit den persönlichen Adel eingetragen, eine Auszeichnung, auf die ich selbst aber niemals Wert gelegt habe.“ Während seiner Erlanger Jahre lernte Strümpell auch den Pfarrer Sebastian KNEIPP kennen, der jedem durch seine berühmten Wasserkuren bekannt sein dürfte. Interessanterweise bezeichnete Strümpell ihn als „Naturheilkünstler und Kurpfuscher“, gar als „Schwindler“, da er befürchtete, dass bei manchem Kneipp-Anhänger die notwendige ärztliche Hilfe zu spät zum Zuge komme. Die Geringschätzung von Naturheilverfahren durch Ärzte gab es also auch schon vor 100 Jahren. Nach einem kurzen Intermezzo in Breslau und Wien kehrte Strümpell als ordentlicher Professor 1910 nach Leipzig zurück und wurde 1915 sogar Rektor der Universität Leipzig. Auch wenn man wenig über seine politische Gesinnung weiß, kann konstatiert werden, dass er in einer von deutschnationalen und monarchistischen Stimmungen durchtränkten Zeit der Gruppe der „linksgerichteten“ Professoren der Leipziger Universität angehörte. Ein Ereignis im Leben des bereits 70jährigen Strümpell erregte großes Aufsehen und schlug sich mehrfach in der Leipziger Presse des Jahres 1923 nieder: „Leipziger Professoren nach Moskau“. Strümpell wurde als einer von mehreren herausragenden Ärzten von der Sowjetregierung ans Krankenbett von Lenin gebeten und verblieb eine Woche in Moskau. Strümpell selbst äußerte sich über den Kranken nicht öffentlich, sondern betonte in einem Zeitungsartikel lediglich „die große Liebenswürdigkeit und Gastlichkeit … mit der wir deutschen Ärzte während unserer Reise … bedacht worden sind.“ In Strümpells Leipziger Jahre fällt auch die Veröffentlichung des unter Medizinstudenten des 19. Jahrhunderts als „der Strümpell“ bekannten „Lehrbuchs der speziellen Pathologie und Therapie der Inneren Krankheiten“, welches 24 deutsche Auflagen und zahlreiche fremdsprachige Übersetzungen erlebte. Bereits 1884 erfolgte in diesem Lebenswerk Strümpells die deutsche Erstbeschreibung der „Erkrankungsform …, bei welcher es ganz allmählich und ohne Schmerzen (!) zu einer vollständigen Ankylose der ganzen Wirbelsäule und der Hüftgelenke kommt“ : der Spondylitis ankylosans.

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