Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 129 (Juni 2012)

Geschlechtsspezifische Unterschiede im Krankheitsverlauf beim Morbus Bechterew

von Dr. med. Uta Kiltz und DVMB-Forschungspreisträger Prof. Dr. med. Jürgen Braun, Herne

Einleitung

Innerhalb der Krankheitsgruppe der Spondyloarthritiden (entzündlichen Wirbelsäulenerkrankungen) gibt es relevante Daten für geschlechtsspezifische Unterschiede im Krankheitsverlauf vor allem für Patienten mit Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew). Dabei beziehen sich die Unterschiede nicht nur auf Veränderungen, die auf das biologische Geschlecht zurückgeführt werden könnten, sondern auch auf Veränderungen in der sozialen Geschlechtsrolle.

Häufigkeit

Die Spondylitis ankylosans galt lange als vorwiegend männliche Erkrankung. Im 20. Jahrhundert ging man noch von einem Geschlechtsverhältnis von 9 Männern zu 1 Frau aus. Zwar fehlen große Untersuchungen zu Häufigkeitsunterschieden, aber heute geht man eher von einem Geschlechtsverhältnis in der Größenordnung von 2:1 bis 3:1 aus. In der rheumatologischen Kerndokumentation, welche seit Anfang der 1990er Jahre viele Patienten erfasst, die von internistischen Rheumatologen betreut werden, wurde für das Jahr 2007 eine Verteilung von 62 % Männern zu 38 % Frauen angegeben.

Diagnose

Während bei männlichen Morbus-Bechterew-Patienten eine Diagnoseverzögerung von 5 bis 7 Jahren ermittelt wurde, müssen Frauen mit einer Verzögerung von bis zu 14 Jahren rechnen1). Dies kann zum Teil durch die unterschiedliche Ausprägung des Krankheitsbilds bei Männern und Frauen bedingt sein (in der deutschen Inzeptions-Kohorte mit Spondyloarthritis-Patienten im Frühstadium2) hatte ein signifikant größerer Anteil der Männer als der Frauen deutliche Veränderungen im Röntgenbild der Kreuzdarmbeingelenke, so dass sie die modifizierten New-York-Kriterien für die Spondylitis ankylosans erfüllten), aber auch durch die historisch bedingte Sichtweise des Morbus Bechterew als „Männerkrankheit“.

Krankheitsverlauf

Das Hauptcharakteristikum von Patienten mit axialer (vorwiegend die Körperachse betreffender) Spondyloarthritis sind chronische Rückenschmerzen, insbesondere im unteren Wirbelsäulenabschnitt. Bei Patienten mit vorwiegend peripheren Symptomen (außerhalb der Körperachse) stehen dagegen Entzündungen großer Gelenke und Sehnenansatzentzündungen im Vordergrund.
In einer großen US-amerikanischen Studie zeigte sich, dass weibliche Morbus-Bechterew-Patienten häufiger über Schmerzen in der Halswirbelsäule klagen und häufiger unter peripheren Gelenkentzündungen leiden. Zudem erhielten in dieser Studie weibliche im Vergleich zu männlichen Patienten häufiger eine Therapie mit Methotrexat, Sulfasalazin oder Prednisolon, was ebenfalls darauf hindeutet, dass Frauen häufiger eine periphere Gelenkbeteiligung haben und/oder dass bei ihnen häufiger die Diagnose einer seronegativen rheumatoiden Arthritis (Polyarthritis ohne Rheumafaktor) gestellt wurde.
In einer britischen Studie hatten Frauen häufiger Nackenschmerzen und Männer häufiger Fußschmerzen als Erstbeschwerden.
Patientinnen mit juveniler Spondyloarthritis (Krankheitsbeginn im 6.–16. Lebensjahr) entwickeln Einschränkungen in der Funktionsfähigkeit schneller als männliche Patienten – trotz identischem Erkrankungsalter: Patientinnen entwickeln eine schwerwiegende Funktionseinschränkung (BASFI größer als 5) im Mittel nach 12-jähriger Erkrankungsdauer, wogegen männliche Patienten einen BASFI größer als 5 im Mittel nach 19-jähriger Erkrankungsdauer entwickeln3). Bei vergleichbarer Wirbelsäulenveränderung geben Frauen eine größere Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit an als Männer.
In einer Studie mit 130 Patienten mit einer mittleren Krankheitsdauer von 6 Jahren hatten trotz der kurzen Krankheitsdauer bereits 9% eine manifeste Osteoporose (Mineralstoffarmut der Knochen) und 38% eine Osteopenie (nur wenig unter den Normbereich verringerte Knochendichte), wobei eine niedrige Knochendichte bei Männern häufiger war als bei Frauen.

1) Bei der DVMB-Patientenbefragung im Dezember 2008 betrug die mittlere Diagnoseverzögerung für männliche Morbus-Bechterew-Patienten 7,8 Jahre, für weibliche Patienten 9,7 Jahre, MBJ Nr. 119 S. 4.
2) MBJ Nr. 96 S. 20–21, Nr. 98 S. 13–14, Nr. 100 S. 7, Nr. 117 S. 4–6, Nr. 122 S. 14–15
3) Nicht zu verwechseln mit knöchernen Wirbelsäulenveränderungen im Röntgenbild: Nach der DVMB-Befragung im Jahr 1996 entwickeln männliche MB-Patienten knöcherne Wirbelsäulenveränderungen im Mittel schneller und vollständiger als weibliche Patienten, siehe Bechterew-Brief Nr. 74 S. 3–7.

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