Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 129 (Juni 2012)

Empfehlungen für die Physikalische Therapie und Rehabilitation bei Morbus Bechterew

von Prof. Dr. Salih Özgöçmen, Dr. Özgür Akgül, Prof. Dr. Zuhal Altay, Prof. Dr. Özlem Altindag,
Prof. Dr. Ozlem Baysal, Prof. Dr. Mustafa Çalis, Prof. Dr. Erhan Çapkin, Prof. Dr. Remzi Çevik,
Prof. Dr. Bekir Durmus, Prof. Dr. Ali Gür, Prof. Dr. Ayhan Kamanli, Prof. Dr. Murat Karkucak,
Prof. Dr. Ercan Madenci, Prof. Dr. Meltem Alkan Melikoglu, Prof. Dr. Kemal Nas, Prof. Dr. Kazim Senel
und Prof. Dr. Mahir Ugur aus 7 Universitäten in der Türkei

Primäres Ziel der Morbus-Bechterew-Therapie ist die Linderung der mit der Krankheit verbundenen Beschwerden. Dazu gehören die Bekämpfung der Entzündung und die bestmögliche Erhaltung der Beweglichkeit und Lebensqualität. Wie in den ASAS/ EULAR-Empfehlungen zur Behandlung des Morbus Bechterew1) ausgeführt, besteht die Behandlung in einer Kombination aus Medikamenten und nichtmedikamentöser Therapie (einschließlich Physiotherapie, Patientenschulung und Bewegungsübungen). Leider werden in den ASAS/ EULAR-Empfehlungen keine detaillierten Empfehlungen für die nichtmedikamentöse Therapie gegeben.
Die Krankengymnastik ist zwar kein Ersatz für entzündungshemmende Medikamente. Ihre Wirksamkeit auf die Atemkapazität, die Beweglichkeit und die Lebensqualität wird aber durch eine wachsende Zahl von Studienergebnissen belegt2). Für andere Formen der physikalischen Therapie (Massage, Bäder, Wärme- und Kältetherapie, Elektrotherapie, Ultraschall usw.) ist die Datenlage spärlicher.

Wissenschaftliche Basis der Empfehlungen

In der Anatolian Group for the Assessment in Rheumatic Diseases (ANGARD, Anatolische Gruppe zur Beurteilung rheumatischer Krankheiten) haben sich Ärzte für Physikalische Medizin und Rheumatologen aus Universitätskliniken in der Türkei zusammengeschlossen, um auf dem Gebiet rheumatischer Krankheiten (insbesondere auch des Morbus Bechterew) Studien durchzuführen und Kenntnisse zu verbreiten. Die Gruppe besteht aus 21 Ärzten für Physikalische Medizin und 6 Rheumatologen mit mindestens fünfjähriger Erfahrung auf dem Gebiet der Morbus-Bechterew-Therapie. Ein Mitglied der Gruppe hat selbst Morbus Bechterew.
In einem ersten Schritt haben zwei Mitglieder der Gruppe (Salih Özgöçmen und Özgür Akgül) die Literatur nach Studienergebnissen zur Physiotherapie und Rehabilitation bei Morbus Bechterew durchsucht.
Bei einem zweitägigen Treffen der Gruppe (Bild 1) wurden die Ergebnisse der Literatursuche präsentiert. Darauf aufbauend wurden zentrale Empfehlungen erarbeitet, denen alle anwesenden Experten zustimmten. Nach dem Treffen wurde per eMail eine Befragung zur Dringlichkeit jeder Empfehlungen durchgeführt.

Therapie-Prinzipien

Bild 1: Die Gruppe türkischer Morbus Bechterew-Experten aus 7 Universitätskliniken bei ihrem Arbeitstreffen im Oktober 2010 in Gaziantep.
Bild 1: Die Gruppe türkischer Morbus Bechterew-Experten aus 7 Universitätskliniken bei ihrem Arbeitstreffen im Oktober 2010 in Gaziantep.

Die Rehabilitation von Patienten mit Morbus Bechterew erfordert eine interdisziplinäre Zusammenarbeit. Erforderlich sind außer Ärzten für Physikalische Medizin auch Rheumatologen, Orthopäden, Neurochirurgen, evtl. auch Augenärzte, Magen-Darm-Fachärzte und Hautärzte. Jeder dieser Fachärzte untersucht den Patienten separat und bespricht das Untersuchungsergebnis sowohl mit anderen Mitgliedern des Teams als auch mit dem Patienten. Außer den genannten Fachärzten und Physiotherapeuten können zum Behandlungsteam auch Ergotherapeuten, Psychologen, Sozialarbeiter, Ernährungsberater usw. gehören.

Empfehlung 1: Rechtzeitige Behandlung

Weil die Versteifung beim Morbus Bechterew schleichend fortschreitet und die Beweglichkeit des Patienten zunehmend einschränkt, sollte die Therapie nach der Diagnose sofort beginnen. Auch im Frühstadium ohne jegliche Einschränkungen sollte alles getan werden, um die Auswirkungen der Krankheit zu verringern. Physiotherapie und Rehabilitation als nichtmedikamentöse Anwendungen sollten zusätzlich und nicht an Stelle entzündungshemmender Medikamente eingesetzt werden.

Kommentar: Entzündungszeichen können im Magnetresonanzbild erkannt werden, viele Jahre bevor knöcherne Veränderungen im Röntgenbild erkennbar sind. Die Entzündungsvorgänge können zu knöchernen Veränderungen bis hin zur Wirbelsäulenversteifung führen und damit verbunden zu Behinderung und verminderter Lebensqualität. Physiotherapie und Bewegungsübungen wirken sich positiv auf die Wirbelsäulenbeweglichkeit und die Atemkapazität aus. Jüngere Patienten im Frühstadium profitieren mehr von stationären Rehabilitationsprogrammen als ältere.
Die Patienten sollten dabei angeregt werden, auf ihre Haltung zu achten, auf einer festen Matratze mit wenig Kopfkissen zu schlafen, längeres Bücken und Nachvorneneigen zu vermeiden und regelmäßig Bewegungsübungen durchzuführen.3)

1) MBJ Nr. 103 S. 24, Nr. 113 S. 36–37, Nr. 123 S. 8–9.
2) MBJ Nr. 117 S. 16–17.
3) Ein Kernsatz von Empfehlungen zum Patientenverhalten und zur Umgebungsanpassung wird zur Zeit von einem deutschen und einem türkischen Team erarbeitet. Die Ergebnisse des deutschen Teams finden Sie auf Seite 4–5 in diesem Heft. Ausführliche Empfehlungen enthält das Heft 1 der DVMB-Schriftenreihe (Leitfaden für Patienten), siehe Seite 31.

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