Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 130 (September 2012)

„Glück“ gehabt?!

von Hans-Peter Halbritter, Hainburg, Hessen

Mit meinem Erfahrungsbericht möchte ich Mitbetroffenen ein bisschen Hoffnung machen, denn manchmal kommt es besser, als es einem vorhergesagt wird. Mein Morbus Bechterew war selten schmerzhaft und die Wirbelsäule versteifte nahezu senkrecht.

Ich bin 69 Jahre alt und seit 2003 Rentner. Im Alter von 26 Jahren – ich hatte gerade eine neue Tätigkeit in einem Prüfinstitut mit leichter körperlicher Arbeit begonnen – wurde mir von einem Orthopäden bestätigt, dass ich mich mit der Krankheit Morbus Bechterew auseinandersetzen muss. Der Orthopäde sagte damals, dass ich mich umschulen lassen sollte, um einer ausschließlich sitzenden Tätigkeit nachgehen zu können. Ich sollte auf keinen Fall eine Tätigkeit ausführen, die die Wirbelsäule belasten könnte, und ich sollte außerdem meinen Hals mit einem dicken Schal schützen. Von einer Familiengründung sollte ich Abstand nehmen.

Wir bekamen trotzdem 2 Kinder, die mittlerweile 34 und 39 Jahre alt sind und bis jetzt keine Anzeichen für einen Morbus Bechterew zeigen.

Die Aussagen des Arztes waren nicht einfach zu verkraften. Für mich als Sportler sowieso nicht. Aber erst einmal der Reihe nach.

Radfahrer während einer Alpentour
2011 während einer Alpentour. Ich bin der vordere Fahrer im weiß-grünen Trikot

Seit meinem 10ten Lebensjahr treibe ich regelmäßig Sport. Über Leichtathletik, Fußball, Handball und Boxen kam ich 1960 zum Radrennsport, den ich auf der Straße und im Winter in der Halle betrieb. Während der Bundeswehrzeit 1963 bis 1965 konnte ich den Radrennsport weiter betreiben. Dort bekam ich während der Manöver, als wir bei Kälte und Feuchtigkeit in Zelten wohnten, die ersten Probleme im Lendenwirbelbereich. Ich konnte mich nur mit Mühe und unter Schmerzen aufrichten. Als junger Mensch wird man dann schnell als Simulant abgestempelt, zumal ich auf dem Rad dann wieder fit war. Die Schmerzen wurden auch nicht weiter untersucht, und ob das damals schon etwas mit dem Morbus Bechterew zu tun hatte, weiß ich bis heute nicht.

Nach der Bundeswehrzeit hatte dann wieder der Radsport oberste Priorität. Die ersten Probleme begannen dann etwa 1966, als ich nach mehreren Stunden auf dem Rad nach dem Absteigen  Probleme hatte, gerade zu stehen. Ich musste das „Kreuz“ sozusagen erst einmal durchdrücken. Dann ging’s wieder. Schmerzen hatte ich dabei und auch bei der Ausübung des Sports keine.

Als ich dann 1967 den Arbeitgeber wechselte und für den Radsport nicht mehr die Zeit hatte, begannen die Schmerzen. Wieder, wie damals bei der Bundeswehr, im Lendenwirbelbereich. Es war das Jahr 1969. Ich war 26 Jahre alt. Morbus Bechterew wurde zweifelsfrei durch eine Blutuntersuchung festgestellt. Ich habe mir keinen dicken Schal um den Hals gewickelt und habe mich auch nicht umschulen lassen. Ich besuchte im selben Jahr eine Morbus-Bechterew-Selbsthilfegruppe in Frankfurt am Main und bekam den nächsten Schock. Da war ein betroffener Mann, und soweit ich mich erinnern kann, hatte er eine Eisenstange im Rücken oder die Operation war geplant. Ich weiß es nicht mehr so genau. Das kann es doch nicht gewesen sein, habe ich mir gedacht, und habe wieder mit dem Radsport angefangen. Jetzt erst recht, so lange es noch geht!

Rennradfahrer während eines Rennens in der Frankfurter Festhalle
1966, als ich noch nichts vom Morbus Bechterew wusste, während eines Rennens in der Frankfurter Festhalle

Trotz Krankengymnastik, Feldenkrais-Übungen, zwei Kuraufenthalten (die brachten überhaupt nichts, weil die Kliniken mit Morbus-Bechterew-Patienten gar keine Erfahrungen hatten), nahm die Versteifung der Wirbelsäule von unten nach oben ihren Lauf. Das war auch irgendwann nicht mehr zu verheimlichen, obwohl ich mir große Mühe gab. Öfters wurde ich aufgefordert, gerade zu stehen und nicht so komisch zu gehen. Damit hatte ich dann schon ein Problem. Ich versuchte jeden Morgen, bevor ich zur Arbeit fuhr, die Wirbelsäule gerade zu biegen, indem ich mich auf den Fußboden legte, die Arme nach hinten unter den Schrank und mit den Händen abgestützt, um dann den Oberkörper langsam von der senkrechten in die waagrechte über die Wirbelsäule abzurollen.

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