Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 131 (Dezember 2012)

Wahrzeichen von Bochum der 71 m hohe Förderturm (ein „Doppelstreben-Fördergerüst“), der von 1944 bis 1973 über der Schachtanlage Germania in Dortmund-Marten stand

Bericht vom Rheumatologenkongress 2012 in Bochum

Von Prof. Dr. Ernst Feldtkeller, München, Redaktion Morbus-Bechterew-Journal

Bei der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie ist es Usus, dass der jeweilige Präsident der Gesellschaft während seiner Amtszeit einen DGRh-Kongress in seiner Region organisiert. Zur Zeit ist der Morbus-Bechterew-Forscher und DVMB-Forschungspreisträger Prof. Dr. Jürgen BRAUN (Bild 1) Präsident der DGRh. Er ist Chefarzt des Rheumazentrums Ruhrgebiet in Herne  und Professor an der Ruhr-Universität in Bochum. „Sein“ Rheumatologenkongress fand vom 19. bis zum 22. September 2012 in Bochum statt.

Wahrzeichen dieser Stadt ist der 71 m hohe Förderturm (ein „Doppelstreben-Fördergerüst“), der von 1944 bis 1973 über der Schachtanlage Germania in Dortmund-Marten eine der leistungsstärksten Fördereinrichtungen des deutschen Steinkohlebergbaus war und 1973 über dem Deutschen Bergbau-Museum in Bochum wiedererrichtet wurde. Das Bild oben zeigt ihn von der Aussichtsplattform des Bismarckturms auf der höchsten Stelle des Bochumer Stadtparks aus gesehen.

Bild 1: Prof. Dr. Jürgen BRAUN (Herne, DVMB-Forschungspreisträger 1996 und z.Zt. Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie, links) am DVMB-Stand mit den DVMB-Vorstandsmitgliedern Karl STUTZKI und Peter KONCET sowie Ludwig HAMMEL als Stand
Bild 1: Prof. Dr. Jürgen BRAUN (Herne, DVMB-Forschungspreisträger 1996 und z.Zt. Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie, links) am DVMB-Stand mit den DVMB-Vorstandsmitgliedern Karl STUTZKI und Peter KONCET sowie Ludwig HAMMEL als Standbesatzung.

Bei der Eröffnungsveranstaltung hielt Prof. Dr. Heiner RASPE aus Lübeck einen Vortrag zum Thema „Priorisierung in der medizinischen Versorgung“. Bei immer teurer werdenden medizinischen Möglichkeiten und dem Versuch, die Versicherungsbeiträge trotzdem niedrig zu halten, stellt sich die Frage, welcher Patient in den Genuss einer (von vielen anderen Versicherten mitfinanzierten) Behandlung kommen soll: Derjenige mit der höchsten Dringlichkeit (geringsten Lebensqualität), derjenige mit den besten Erfolgsaussichten (Wirksamkeit, Kosten-Effizienz) oder derjenige mit dem geringsten Behandlungsrisiko? Selbst wenn all diese Gesichtspunkte berücksichtigt werden, bleibt ein schlechtes Gewissen gegenüber denjenigen, die zurückgestellt werden müssen.

Diagnose der axialen Spondyloarthritis

Auch bei diesem Kongress befassten sich wieder eine ganze Reihe von Vorträgen und Posters mit der axialen Spondyloarthritis und insbesondere mit der Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew).

DVMB-Forschungspreisträger Dr. Xenofon BARALIAKOS aus Herne befasste sich mit der Frage, welche bildgebenden Verfahren beim Morbus Bechterew in welchem Fall sinnvoll sind. Die Röntgen-Computertomographie (CT) hat gegenüber dem einfachen Röntgenbild den Vorteil, dass Knochenveränderungen auch in komplizierten Fällen (Kreuzdarmbein-Gelenke, Wirbelfrakturen) erkennbar sind, und gegenüber der Magnetresonanztomographie (MRT) den Nachteil, dass die Entzündung nicht miterfasst wird. Wenn bei einem Patienten mit entzündlichen Rückenschmerzen1  keine deutlichen Veränderungen im Röntgenbild der Kreuzdarmbeingelenke erkennbar sind, sind die modifizierten New-York-Kriterien für den Morbus Bechterew nicht erfüllt. Wenn aber im Magnetresonanzbild der Kreuzdarmbeingelenke Entzündungszeichen vorhanden sind, handelt es sich um eine nichtröntgenologische axiale Spondyloarthritis2

Bild 2: Auch nach einer Krankheitsdauer von mehr als 12 Jahren haben noch 28,6% der Patienten mit einer axialen (vorwiegend die Wirbelsäule betreffenden) Spondyloarthritis keinen Morbus Bechterew, sondern eine nicht-röntgeno-logische axiale SpA (ohne de
Bild 2: Auch nach einer Krankheitsdauer von mehr als 12 Jahren haben noch 28,6% der Patienten mit einer axialen (vorwiegend die Wirbelsäule betreffenden) Spondyloarthritis keinen Morbus Bechterew, sondern eine nicht-röntgeno-logische axiale SpA (ohne deutliche Veränderungen im Röntgenbild der Kreuzdarmbeingelenke). Nach PODDUBNYY u.a.
Krankheitsverlauf

Mit dem Übergang von der nicht-röntgenologischen axialen Spondyloarthritis2 zum Morbus Bechterew befasste sich DVMB-Forschungspreisträger Prof. Dr. Joachim SIEPER aus Berlin in einem seiner Vorträge. Von 95 Patienten mit der Diagnose „nicht-röntgenologische axiale Spondyloarthritis“ zeigten sich nach 2 Jahren bei 12% knöcherne Veränderungen der Kreuzdarmbeingelenke als Zeichen für einen Morbus Bechterew. Bei Patienten mit einem anfänglichen Entzündungs-Laborwert CRP unter 6 mg/l waren es nur 7%, bei den Patienten mit einem CRP über 6 mg/l dagegen 24%. Ein erhöhtes CRP ist also ein signifikanter Vorhersagefaktor für eine Fortentwicklung der Krankheit zum Morbus Bechterew.
Bild 2: Auch nach einer Krankheitsdauer von mehr als 12 Jahren haben noch 28,6% der Patienten mit einer axialen (vorwiegend die Wirbelsäule betreffenden) Spondyloarthritis keinen Morbus Bechterew, sondern eine nicht-röntgenologische axiale SpA (ohne deutliche Veränderungen im Röntgenbild der Kreuzdarmbeingelenke). Nach PODDUBNYY u.a. DVMB-Forschungspreisträger Dr. Denis PODDUBNYY aus Berlin berichtete, dass von 228 Patienten mit einer axialen Spondyloarthritis auch nach mehr als 12 Jahren Krankheitsdauer noch 28,6% keinen Morbus Bechterew hatten, sondern immer noch eine nicht-röntgenologische axiale Spondyloarthritis (Bild 2)3.

DVMB-Forschungspreisträgerin Dr. Uta KILTZ aus Herne entwickelte im Rahmen eines ASAS-Projekts einen Gesund-heitsindex. Mit 66 Fragen kann die gesamte Bandbreite möglicher Funktionseinschränkungen von Patienten mit Morbus Bechterew erfasst werden. Die vorläufige Version wird zur Zeit in einer internationalen Studie getestet. Frau Kiltz erhielt dafür einen Posterpreis für ein besonders interessantes beim Kongress gezeigtes Poster.

Bild 3: Dörte HUSCHER aus Berlin an ihrem Poster zur sportlichen Aktivität von Patienten mit entzündlich-rheumatischer Erkrankungen.
Bild 3: Dörte HUSCHER aus Berlin an ihrem Poster zur sportlichen Aktivität von Patienten mit entzündlich-rheumatischer Erkrankungen.

Physikalische Therapie und Sport

Die Doktorandin Maria BIERSACK von der Charité in Berlin-Mitte berichtete, dass sich mit einer milden Ganzkörperbestrahlung mit sonnenähnlichem UV-Licht, die nicht zur Hautrötung führt, bei Gesunden mit Vitamin-D-Mangel nicht nur der Vitamin-D-Spiegel nachhaltig anheben ließ, sondern sich auch die Stimmungslage verbesserte.

Prof. Dr. Uwe LANGE aus Bad Nauheim berichtete über eine Studie, bei der Morbus-Bechterew-Patienten im Rahmen eines stationären Aufenthalts zusätzlich zur Physiotherapie 6 mal manuelle Therapie erhielten, um die Wirbelsäule zu mobilisieren. Der Vergleich mit einer Gruppe ohne manuelle Therapie zeigte, dass sich die manuelle Therapie positiv auf die Wirbelsäulenbeweglichkeit, die Lungenfunktion und die Krankheitsaktivität auswirkt. Die Wirkung hielt bis zu 3 Monate nach der Behandlung an und nahm erst danach wieder ab. Durch eine Fortführung der manuellen Therapie kann die positive Wirkung erhalten werden.

 

Bild 4: Anteil sportlich Aktiver unter Morbus-Bechterew-Patienten und in der Normalbevölkerung, nach D. Huscher u.a., Berlin. Dauer der sportlichen Aktivität (grün Markiert)  mehr als 2 Stunden pro Woche, (blau Markiert)   höchstens 2 Stunden pro Woch
Bild 4: Anteil sportlich Aktiver unter Morbus-Bechterew-Patienten und in der Normalbevölkerung, nach D. Huscher u.a., Berlin. Dauer der sportlichen Aktivität (grün Markiert) mehr als 2 Stunden pro Woche, (blau Markiert) höchstens 2 Stunden pro Woche

Dörte HUSCHER vom Deutschen Rheuma-Forschungszentrum in Berlin (Bild 3) stellte an Hand der Kerndokumentation fest, dass von den mindestens 30 Jahre alten Morbus-Bechterew-Patienten ein größerer Anteil sportlich aktiv ist als von Gleichaltrigen in der Normalbevölkerung (Bild 4). Allerdings ist der Anteil derjenigen, die mindestens 2 Stunden pro Woche Sport treiben, kleiner als in der Normalbevölkerung. Ein weiteres Ergebnis ist, dass sportlich aktive Patienten seltener Einschränkungen in Bezug auf Beweglichkeit und Selbstversorgung haben und eine bessere Lebensqualität angeben als sportlich weniger Aktive.

1) MBJ Nr. 110 S. 11, Nr. 122 S. 13
2) MBJ Nr. 117 S. 4–6 , Nr. 129 S. 36–37
3)Siehe dazu auch Seite 4–6 in diesem Heft.

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