Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 132 (März 2013)

„Morbus Bechterew“ ade? Ein Krankheitsbegriff in Bewegung!

von Dr. Wolfgang Ebner, Rheumatologe in Wien, und Prof. Dr. Ernst Feldtkeller, Redaktion MBJ, München

Morbus Bechterew, Spondylitis ankylosans, Spondylopathia ankylopoetica, ankylosierende Spondylitis, Morbus Strümpell-Marie-Bechterew, Pelvispondylitis ossificans – viele Namen für eine Krankheit!
Im deutschen Sprachraum sowie in Nord- und Ost-Europa hat sich die Bezeichnung Morbus Bechterew (MB) für diese Wirbelsäulenerkrankung durchgesetzt, benannt nach dem russischen Neurologen und Psychiater Wladimir Michailowitsch BECHTEREW (1857–1927), obwohl die Krankheit bereits 1884 von dem deutschen Mediziner Adolf von STRÜMPELL (1853–1925) in seinem „Lehrbuch der speziellen Pathologie und Therapie der Inneren Krankheiten“ beschrieben wurde.1
Prof. BECHTEREW beschrieb 1893 im Neurologischen Centralblatt unter dem Titel „Steifigkeit der Wirbelsäule und ihre Verkrümmung als besondere Erkrankungsform“ fünf Fälle, von denen nicht alle, aber doch drei dem Bild der heute nach ihm benannten Erkrankung entsprachen.2
1897 veröffentlichte der französische Arzt Pierre MARIE3  eine grundlegende Beschreibung des Krankheitsbilds.
Heute ist die internationale Sprache der Medizin unangefochten Englisch, und daher wird auch bei uns in der Fachliteratur fast ausschließlich die Bezeichnung ankylosierende Spondylitis (AS) für den Morbus Bechterew verwendet, in Anlehnung an das englische „ankylosing spondylitis“.

ASAS-Klassifikationskriterien erfassen auch Frühformen

Der Grund, warum für den Morbus Bechterew die Luft auch im deutschen Sprachraum immer dünner wird, ist weniger in den ausgezeichneten Behandlungserfolgen der letzten Jahre und einer möglicherweise dadurch gelingenden Zurückdrängung der Krankheit zu suchen. Der Grund liegt vielmehr in den neuen Klassifikationskriterien der ASAS (Assessment of SpondyloArthritis international Society). 4 Die ASAS, eine 1995 gegründete internationale Expertengruppe auf dem Gebiet der Spondyloarthritiden (entzündlichen Wirbelsäulenkrankheiten), hat sich zum Ziel gesetzt, das Wissen zu dieser Krankheitsgruppe voranzutreiben. Vor allem durch die Bemühungen um eine frühe Diagnose war es notwendig geworden, den Krankheitsbegriff der ankylosierenden Spondylitis differenzierter zu betrachten, da dieser Name schon die typische Ankylosierung (aus altgriechisch ανκυλος – gebogen, gebeugt) in sich trägt und daher ein relativ spätes Krankheitsstadium bezeichnet.

Spondyloarthritiden (SpA) umfassen eine Reihe entzündlich-rheumatischer Erkrankungen

In den Spondyloarthritiden5  werden entzündliche Erkrankungen des Skeletts zusammengefasst6, die durch bestimmte Gemeinsamkeiten gekennzeichnet sind wie Regenbogenhautentzündungen, Sehnenansatzentzündungen, entzündliche Darmerkrankungen, Kreuzdarmbeingelenkentzündungen (Sakroiliitis) und ein positives HLA-B27 (Erbmerkmal, das mit Hilfe einer Blutprobe bestimmt werden kann). Die ankylosierende Spondylitis ist sozusagen der Prototyp dieser Krankheitsgruppe (Bild 1).

 

Das Konzept der Spondyloarthritiden (SpA) als Gruppe verwandter Krankheiten
Bild 1: Das Konzept der Spondyloarthritiden (SpA) als Gruppe verwandter Krankheiten(6)

1) Bechterew-Brief Nr. 84 S. 16–20, MBJ  Nr. 128 S. 24–26
2) Bechterew-Brief Nr. 40 S. 52, Nr. 41 S. 22–31 und 32–35, MBJ Nr. 125 S. 32–33
3) Bechterew-Brief Nr. 87 S. 28–32
4) MBJ Nr. 117 S. 39–40, Nr. 123 S. 5– 6, DVMB-Schriftenreihe Heft 13
5) MBJ Nr. 109 S. 9–13, MBJ Nr. 123 S. 5–10
6) In Arthritis & Rheumatism 2013;65 S.12–20 neigen die Forscher neuerdings dazu, in der SpA eine Krankheit mit verschiedenen Ausprägungsformen zu sehen.

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