Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 134 (September 2013)

Bindegewebsmassage bei Morbus Bechterew

Von Annika Hack, Physiotherapeutin in Ausbildung an der Physiotherapieschule
der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Oggersheim

Was genau ist eigentlich die Bindegewebsmassage?

Im Jahre 1929 entdeckte die Krankengymnastin Elisabeth DICKE die Bindegewebsmassage durch Eigenversuche. Sie litt an schweren Durchblutungsstörungen des rechten Beins, ihre Zehen standen kurz vor einer Nekrose und die Ärzte rieten ihr zur Amputation. Durch die lange Immobilität während der Krankheit hatte Frau Dicke zudem Rückenschmerzen. Sie tastete an ihrem Kreuzbein und stellte fest, dass das Gewebe auf der rechten Seite nur schwer verschieblich war. Sie zog immer wieder langsame Striche über diese Stelle, wodurch sich die Durchblutung verbesserte und die Rückenschmerzen nachließen. Nach mehreren Wiederholungen spürte sie ein Kribbeln im kranken Bein und nach 3 Monaten Behandlung bildete sich das schwere Krankheitsbild komplett zurück. Frau Dicke entdeckte auch, dass es einen Zusammenhang zwischen der Haut, der Unterhaut und den inneren Organen gibt. Auch durch Versuche am Patienten bestätigte sich dies. Durch Striche in den jeweiligen Organzonen, welche festgelegt sind und in der Fachliteratur nachgeschlagen werden können, konnten Organe in ihrer Funktionsfähigkeit positiv beeinflusst werden.
Die Bindegewebsmassage ist eine altbewährte (aber leider bei vielen Verordnern in Vergessenheit geratene) Massagetechnik, bei der der Patient passiv auf einem Hocker sitzt. Dabei werden Striche in einer bestimmten Abfolge in den jeweiligen Zonen gezogen, welche für viele Patienten zunächst als eher unangenehm ziehend und schneidend empfunden werden. Mit diesem Strich, welcher mit den Fingerkuppen gezogen wird, setzt man einen mechanischen Reiz, wodurch es zu einer Fernwirkung im Körper kommt. Der Körper reagiert meist mit einer deutlichen Hautrötung und damit verbundener verbesserter Durchblutung. Die Bindegewebsmassage aktiviert das vegetative Nervensystem, was häufig ein allgemeines Wohlbefinden hervorruft. Des Weiteren werden Schmerzreize blockiert, was zu einer deutlichen Schmerzlinderung führen kann.
Diese Wirkungsweise lässt sich dadurch erklären, dass in der Unterhaut viele vegetative Nervenfasern verlaufen, welche durch Reizung eine vegetativ reflektorische Wirkung erzeugen. Zu einem solchen Effekt kommt es aber nur, wenn der Reiz stark genug ist, also während der Behandlung ein schneidendes Gefühl in der Haut zu spüren ist. Nur dann kann er reflektorisch auf Organe, fernere Gewebsabschnitte oder auch lokal auf Gelenke wirken. Die allgemeine Wirkung zeigt sich im gesamten Organismus, wie z.B. in Blutdruck-, Puls-, Atemfrequenz- und Stoffwechselveränderungen. Verantwortlich für die Allgemeinreaktionen sind vor allem Sympathikus und Parasympathikus. Sie gehören zum vegetativen Nervensystem und sind für die Stoffwechselregulierung, für Spannung/Entspannung und für die Aktivierung des Herz-Kreislaufsystems zuständig.

Bindegewebsmassage bei Morbus Bechterew

Im Rahmen meiner Semesterarbeit, welche im 5. Semester an unserer Schule geschrieben wird, bin ich auf die Anwendung von Bindegewebsmassage bei Morbus-Bechterew-Patienten eingegangen und habe dabei Erstaunliches feststellen können. Bei dem Krankheitsbild kommt es bekanntermaßen in bestimmten Bereichen des Körpers zu Veränderungen der Gewebeverschieblichkeit und zu einer Muskeltonuserhöhung z.B. rund um den Brustkorb und zwischen den Rippen. Gelingt es, das Gewebe im Brustkorbbereich durch Bindegewebsmassage zu lösen, werden die Rippengelenke freier und der Patient kann vertieft atmen. Wird Gewebe entlang der Wirbelsäule gelöst, kann zudem damit gerechnet werden, dass sich die Wirbelsäulenbeweglichkeit verbessert.  Des Weiteren kommt es auch beim Morbus Bechterew während der Behandlung oft zu einer Schmerzlinderung und einer Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens.

Bild 1: Lateralflexion nach links, im linken Bild vor der Behandlung und im rechten Bild nach der Behandlung. Man erkennt eine deutliche Rötung des Rück-ens sowie eine Beweglichkeitsverbesserung.

  • Bild 1: Lateralflexion nach links, im linken Bild vor der Behandlung und im rechten Bild nach der Behandlung. Man erkennt eine deutliche Rötung des Rück-ens sowie eine Beweglichkeitsverbesserung.

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