Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 134 (September 2013)

Das Auge bei Spondyloarthritis-Patienten

von Dr. Frauke Seibel, Prof. Dr. Hanns-Martin Lorenz, Privatdozentin Dr. Friederike Mackensen und Dr. Regina Max, Interdisziplinäres Uveitis-Zentrum der Universität Heidelberg

Eine Augenbeteiligung stellt bei einer Spondyloarthritis (entzündlichen Wirbelsäu-lenerkrankung) die häufigste Begleiterkrankung außerhalb des Bewegungsapparats dar.
Benjamin BRODIE erwähnte 1818 erstmals das Auftreten einer Uveitis (Entzündung der Regenbogenhaut und angrenzender Teile des Auges) bei einem Morbus-Bechterew-Patienten. Bereits in den ersten für die ankylosierende Spondylitis (Morbus Bechterew) aufgestellten Klassifikationskriterien (den Rom-Kriterien von 1961)1 wird die Iritis (Regenbogenhautentzündung) oder deren Folgeerscheinungen als separater Punkt aufgeführt. 1973 wurde erstmals eine Verknüpfung mit dem Erbmerkmal HLA-B27 sowohl für die ankylosierenden Spondylitis als auch für die Uveitis beschrieben. Auch die aktuellen ASAS-Kriterien2 führen die Uveitis als ein Klassifikationsmerkmal für die Gesamtgruppe der Spondyloarthritiden auf.
Meist tritt die Augenbeteiligung erst im Verlauf der Erkrankung auf. Sie kann der Diagnose eine Spondyloarthritis aber auch vorausgehen oder als „Minimalvariante“ isoliert bestehen.

Bild 1: Iritis = anteriore Uveitis (Entzündung der Iris = Regenbogenhaut im Auge), mit freundlicher Erlaubnis von Prof. Zierhut. Die roten Punkte sind Entzündungszellen, die mit der Spaltlampe gesehen werden können.
Bild 1: Iritis = anteriore Uveitis (Entzündung der Iris = Regenbogenhaut im Auge), mit freundlicher Erlaubnis von Prof. Zierhut. Die roten Punkte sind Entzündungszellen, die mit der Spaltlampe gesehen werden können.
Uveitis-Häufigkeit und Merkmale

30–50% der Patienten mit einer HLA-B27-assoziierten Spondyloarthritis berichten bei Befragungen von einer Uveitis in der Vergangenheit3. Patienten mit ankylosierender Spondylitis (der größten Untergruppe der Spondyloarthritiden) haben das höchste Risiko, eine Uveitis zu entwickeln. Eine Mit-beteiligung der Augen ist aber auch bei den übrigen Untergruppen (Psoriasis-Arthritis, Spondyloarthritis bei entzündlicher Darmerkrankung, reaktive Arthritis und undifferenzierte Spondyloarthritis) möglich. Das Risiko eines ersten Uveitis-Schubs besteht auch nach langer Krankheitsdauer.
Die Iritis äußert sich als einseitige Entzündung im vorderen Augenabschnitt (Bild 1). Die Patienten berichten zunächst nur über ein Organgefühl, das sie schwer beschreiben können. Dieses „Prodromalstadium“ kann wenige Stunden bis zu einem Tag andauern. Daraufhin – oder auch ohne diesen „Vorboten“ – treten plötzlich ziehende Schmerzen, Lichtempfindlichkeit und die Rötung eines Auges auf (siehe Kasten). Die Minderung der Sehkraft kann milde bis stark ausfallen.
Die Iritis klingt zwar meist relativ schnell innerhalb weniger Wochen ab, die Entzündung kann aber nach unterschiedlich langer Zeit wieder aufflammen. Prinzipiell wird eine akute von einer chronischen Form unterschieden. Als chronisch bezeichnet man eine Entzündung, die länger als drei Monate andauert.
Bei wiederholten Anfällen kann mal das eine, mal das andere Auge betroffen sein, oft ein Auge häufiger als das andere. Eine gleichzeitige beidseitige Entzündung kommt bei der klassischen Iritis nicht vor.
Während bei einer reaktiven Arthritis überwiegend ebenfalls die typische akute einseitige Iritis auftritt, ist der Verlauf bei Patienten mit einer Psoriasis-Arthritis oder einer Spondyloarthritis im Zusammenhang mit einer entzündlichen Darmerkrankung meist eher schleichend, die Entzündung kann beidseitig auftreten und betrifft überwiegend Frauen. Meist tritt bei Patienten mit Colitis ulcerosa eine wiederkehrende Iritis auf, bei Patienten mit Morbus Crohn dagegen auch eine (Epi-)Skleritis (Lederhautentzündung im Auge), eine Konjunktivitis (Bin-dehautentzündung) oder auch eine Opticusneuritis (Sehnerventzündung). Bei Patienten mit diesen Diagnosen ist häufiger der mittlere oder hintere Augenabschnitt betroffen als bei Patienten mit Morbus Bechterew oder reaktiver Arthritis.

1) MBJ Nr. 100 S. 7, Nr. 106 S. 6, DVMB-Schriftenreihe Heft 13
2) MBJ Nr. 117 S. 39–40, Nr. 123 S. 5–6
3)Bei den DVMB-Patientenbefragungen betrug die Häufigkeit 40%.

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