Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 134 (September 2013)

Möglichkeiten der Physio- und Ergotherapie bei Spondylitis ankylosans

von Dr. med. Wolfgang Roth, Dr. med. Volker Waltz, Franziska Deubel und Silke Boland (Physio-therapeutinnen),
Salztal-Klinik Bad Soden-Salmünster

Ein befriedigendes Behandlungsergebnis bei der Therapie der Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew) lässt sich langfristig nur durch die Zusammenarbeit zwischen Internisten, Orthopäden, Physio- und Ergotherapeuten erreichen. Im Folgenden werden die Möglichkeiten der physio- und ergotherapeutischen Behandlungen besprochen.
Die physiotherapeutische Behandlung des Morbus Bechterew ist als Komplextherapie anzusehen. Im Vordergrund steht immer die Übungsbehandlung zur Vermeidung einer ausgeprägten Wirbelsäulen-Fehlhaltung, im Fall der Spondylitis ankylosans insbesondere der Kyphosierung (Krümmung nach vorn) und Versteifung.

Physikalische Therapie im akuten Schub

Als entzündlich-rheumatische Erkrankung begegnet uns die Spondylitis ankylosans in unterschiedlichen Formen.
Im hoch akuten Schub ist eine forcierte aktive beweglichkeitsfördernde Übungsbehandlung nicht zu empfehlen. Wichtig ist in dieser Phase, darauf zu achten, dass durch eine adäquate Lagerung einer fixierten Fehlhaltung entgegengewirkt wird. Wichtig ist es auch, Lagerungshilfen zu vermeiden, die Kontrakturen (dauerhafte Muskelverkürzungen) im Bereich der Knie- und Hüftgelenke begünstigen bzw. einer Kyphosierung der Wirbelsäule zuarbeiten. Wenn der Patient es aushält, sollte er auf einer möglichst harten Matratze flach liegen, um das Durchsinken des Rückens und Beckens und damit eine Beugekontraktur der Hüftgelenke zu verhindern1). In dieser Phase der Erkrankung sind lokal wirksame physio- und balneophysikalische Maßnahmen sinnvoll. Sie dienen der Schmerzlinderung sowie der Minderung der reflektorischen Muskelverspannungen. Hierzu gehören Wärmeanwendungen in Form von Fango- oder Moorpackungen2) , trockene Wärme, leichte entspannungsför-dernde Massagen, Kälteanwendungen, Iontophoresen (Einführung eines Wirkstoffs unter die Haut mit Hilfe von elektrischem Gleichstrom) sowie besondere Formen der Elektrotherapie.
Besonders bewährt haben sich Anwendungen der „Heißen Rolle“, wobei zu beachten ist, dass diese nicht auf die entzündeten Strukturen angewandt wird. Bezüglich der Massagetechniken haben sich Quermassagen, Funktionsmassagen sowie „myofasziale“ Techniken im Bereich des Rumpfs (z.B. in den Zwischenrippenräumen) bewährt. Elektrotherapeutisch wenden wir in diesem Stadium die „biologische Zellregulation“ an. Unterstützend eingesetzt werden können vorsichtige Bewegungsübungen im warmen Wasser sowie eine gezielte Schlingentischtherapie unter Aufhebung der Schwerkraft. Um ein weitgehend natürliches Gangbild zu erhalten, ist außerdem eine konsequente Gangschulung wichtig, eventuell vorübergehend sogar mit Hilfsmittelversorgung (siehe Seite 19). Im Zusammenhang mit der medikamentösen Therapie, aber insbesondere auch durch die schmerzhaften Muskelverspannungen, kommt es bei Patienten mit Spondylitis ankylosans nicht selten zu einer eingeschränkten Darmtätigkeit. Hier bietet sich der Einsatz osteopathischer Techniken3)  an, gegebenenfalls auch von Darmmassagen.

Kontinuierliche Physiotherapie

Außerhalb akuter Entzündungsschübe ist die kontinuierliche und konsequente physiotherapeutische Behandlung wichtig. Wenn durch diese Behandlung eine knöcherne Versteifung auch nicht immer verhindert werden kann, so sollte zumindest versucht werden, die Versteifung in eine günstige Haltung zu lenken. Um kyphotischen Fehlstellungen entgegenzuwirken, muss das oberste Ziel der Krankengymnastik die Erarbeitung eines Heimübungsprogramms sein, das der Patient täglich durchführen kann. Dazu gehören das Erlernen von Entlastungsstellungen und Lagerungen zur Selbsthilfe im akuten Schub sowie zur generellen Schmerzlinderung. Weiterhin wichtig sind Übungen zur Verbesserung der Beweglichkeit und zur Kräftigung, die sich möglichst leicht in Alltagsaktivitäten integrieren lassen. Hierzu gehören auch sportliche Aktivitäten, z. B. Nordic-Walking, Aqua-Jogging, Rückenschwimmen und unter bestimmten Voraussetzungen das Erlernen von Pilates-Übungen4) .
Verknöcherungsfreie Gelenke müssen beweglich erhalten werden. Dazu dienen auch Behandlungstechniken aus der manuellen Therapie, Massagen und Dehnübungen.
Ganz wichtig ist die Verbesserung der Atmung und der Ausdauerfähigkeit. Dazu gehören die Wahrnehmungsschulung und Dehnlagerungen zum gezielten Training der Brustatmung, sowie Ausdauertraining, das auch im Wasser und als Intervalltraining erfolgen kann.
Die aktive Übungsbehandlung muss sorgfältig dem Kräftezustand des Patienten angepasst werden. Auf Grund des systemischen (das ganze Körpersystem betreffenden) Charakters des Morbus Bechterew neigen Morbus-Bechterew-Patienten leicht zur Ermüdbarkeit. Interessanterweise hat sich die Gruppentherapie der Einzelbehandlung gegenüber als überlegen erwiesen, da Patienten in der Gruppe besser entspannen und ihre Kräfte besser einteilen können.

1) Diese und weitere Empfehlungen zum eigenen Verhalten von Morbus-Bechterew-Patienten finden Sie in einem Faltblatt, das Sie unter www.bechterew.de/link/mb-verhalten herunterladen können und das Rheumatologen ihren Morbus-Bechterew-Patienten aushändigen können, siehe MBJ Nr. 129 S. 4–5.
2) In diesem Zusammenhang ist auch die Radon-Therapie zu erwähnen, die sich bei Morbus Bechterew besonders bewährt hat und in manchen Reha-Einrichtungen möglich ist, siehe Bechterew-Brief Nr. 88 S. 3–10, MBJ Nr. 98 S. 25–26, Nr. 99 S. 23–24, Nr. 107 S. 5–6, S. 10–16 und S. 26, Nr. 133 S. 51, Anmerkung der Redaktion.
3) MBJ Nr. 116 S. 13–16, Nr. 127 S. 29–32
4) MBJ Nr. 118 S. 10–11, Nr. 131 S. 22–24

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