Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 135 (Dezember 2013)

Auf meinem Rezept steht auch ein Hund

von Sönke Rehder, Hannover

Die Physiotherapeutin lächelte. „Lassen Sie mich raten“, sagte sie, „Sie wollen zur Bechterewgruppe!“

Bild 1: der etwas misslungene Versuch eines Portraits.
Der etwas misslungene Versuch eines Portraits.

Woher wusste sie das? Mediziner mehrerer Fachrichtungen hatten jahrelang gerätselt, alles Mögliche gemutmaßt, gemessen, geröntgt und verabreicht, aber nichts gefunden. Und sie sagte mir genau dasselbe auf den Kopf zu, was mir eine Stunde zuvor ein Rheumatologe als Diagnose offenbart hatte?
„Ich sehe, dass Sie ein wenig aus der Balance geraten sind. Ihr Becken steht nicht richtig und Sie vermeiden bestimmte Bewegungen, typisch MB (Morbus Bechterew)! Ich beobachte all meine Patienten voller Empathie und in allen Stadien der Krankheit, und so entsteht zusammen mit meinem Wissen um den Bewegungsapparat ein Bild, das ja bekanntlich mehr sagt als tausend Worte. “
Mir war klar, dass der MB mein Leben von Grund auf verändern würde. Ich war gerade 27 Jahre alt. Vor der Diagnose hatte ich noch gerätselt, warum meine Leistungen im Studium so unbeständig gewesen waren. Phasen, in denen mir alles leicht fiel, wechselten mit Phasen, in denen ich mich schlecht konzentrieren konnte, unruhig war und wegen ständiger Erschöpfung und Antriebsarmut nur wenig zustande brachte; ganz zu schweigen von einer sehr schmerzhaften Entzündung des Kniegelenks, einer Iritis und latenten Schmerzen im Rücken und der Achillessehne.
Nun war ich also ein „Bechti“. Auf Anregung meiner tüchtigen Physiotherapeutin setzte ich ab sofort regelmäßige, gymnastische Übungen auf den Tagesplan. Ich entwickelte neue Routinen: Treppen statt Aufzug, Fahrrad statt Auto, kein Nikotin, gesundes Essen und eine erwachsenere Lebenseinstellung. Statt studentischem Chaos jetzt ein regelmäßiger Tageslauf, weniger Ablenkung durch stickige Kinos und nächtliche Feiern, stattdessen Disziplin und Acht geben auf einen guten Allgemeinzustand. Nicht, dass es für mich nun keine Parties, keine Ausgelassenheit mehr gab. Im Gegenteil:

Gymnastik mit drei Hunden
Gymnastik mit drei Hunden

Ich musste meine eigene Rezeptur finden, mit meiner chronischen Krankheit umzugehen und dabei die Lebensfreude nicht zu vergessen!
Mein Grundrezept hat momentan zwei Ingredienzen: Einen quirligen Hund, mit dem ich die Lebensfreude teile, und kompetenten medizinischen Rat, der mir über Jahre hinweg im Umgang mit der Krankheit hilft.
Seinerzeit hatte ich mir viel Mühe gegeben, einen medizinisch kompetenten Hausarzt zu finden, einen, der zu meinem nüchternen Wesen passt und dem ich vertraue. Von anderen Seiten habe ich immer wieder gehört, man könne die Krankheit mit fortschrittlichen oder alternativen Therapien und (immer wieder neuen) modernen Medikamenten oder traumatischen, spirituellen Erlebnissen zwar nicht heilen, aber doch im Zaume halten und ein ganz unbeschwertes Leben ohne Schübe führen. Wenn der MB dennoch fortschreite, dann sei das letztlich ein Zeichen für inkompetente Mediziner oder für nachlässiges Verhalten …, was absolut übertrieben ist! Viele Leidensgenossen plagt deshalb das schlechte Gewissen, nie genug für ihre Gesundung zu tun, oder sie sind ständig auf der Suche, werden immer wieder enttäuscht und reden von nichts anderem als von den mit viel Getöse publizierten anekdotischen Erfolgsmeldungen. Damit gewinnt die Krankheit die Oberhand in ihrem Leben, ohne dass es ihnen dadurch besser ginge.

Wie sieht also mein idealer Arzt aus? Zunächst möchte ich, dass er mich bei meiner chronischen Krankheit begleitet und mir keine falschen Heilsversprechungen macht. Seine  Aufgabe, die viel Erfahrung und Einfühlungsvermögen erfordert, besteht darin, aus den diagnostischen Einzelbefunden ein ganzheitliches Bild zu formen und mit mir gemeinsam die angemessenen Schritte zu besprechen. Nicht immer ist der MB die Ursache für erhöhte Entzündungswerte, Schmerzen oder Erschöpfung. Weiterhin entstehen im Laufe der Zeit durch den Knochenumbau eine veränderte Statik und neue muskuläre und neuronale Beschwerden. Die Einnahme der Medikamente bleibt nicht ohne Folgen für den Magen, und die chronischen Schmerzen hinterlassen ihre Spuren in der Psyche. Jeder Arztbesuch beginnt also mit der Frage: Was liegt vor? eine akute MB-Entzündung, Beschwerden bzw. Schmerzen als Folgeerscheinung des MB, oder eine weitere, ganz andere Krankheit? Als mündiger Patient bereite ich mich intensiv auf die Arztbesuche vor, mache mir auch Notizen, was beispielsweise den Beschwerden vorausging und überlege nicht erst im Wartezimmer, was ich ansprechen will. Alle zwei Jahre habe ich mich bei einem Rheumatologen vorgestellt und erfahren, dass mein Hausarzt bisher alles richtig gemacht hat.

Mein Hausarzt ist vom alten Schlag mit einem genauen Blick, Empathie und guter Menschen- sprich Patientenkenntnis. Ein Beispiel: ich hatte wieder einmal eine hartnäckige Iritis und es ging mir trotz der vom Augenarzt verordneten Tropfen insgesamt nicht gut. „Bei Ihnen ist nicht nur ein Auge entzündet“, erkannte mein Hausarzt schon bei der Begrüßung und verordnete nach der Blutanalyse eine entsprechend durchschlagende Cortisontherapie. Zwei Tage später war das Auge wieder völlig in Ordnung und es ging mir deutlich besser. Da wir uns lange kennen und gegenseitig respektieren, kann er mich richtig einschätzen und ich kann alles, auch sehr Persönliches vertrauensvoll mit ihm besprechen. Ein typischer Rat: „Herr Rehder, Sie sehen antriebslos aus, gönnen Sie sich mal wieder etwas, was Ihr Herz hüpfen lässt! Das macht die Schmerztabletten nicht überflüssig, aber es wird Ihnen gut tun“.
Der zweite Teil meines Rezepts – und etwas, was mein Herz hüpfen lässt – ist ein Hund. Seit meinem zehnten Lebensjahr habe ich immer wieder einen Hund gehabt. Als mir damals jene Physiotherapeutin den MB ansah, war es Yuri, ein Beagle. Jetzt, als Rentner, ist es Yashar, ein „Flatcoated Retriever“. Yashar möchte immer gefallen, er ist extrem lebenslustig, furchtlos, lerneifrig, wenn auch noch recht ungestüm und respektlos. Wir verbringen täglich mehrere Stunden im Freien, auch wenn es Überwindung kostet, bei Wind und Regen das bequeme Zuhause zu verlassen. Wir trainieren mit dem Dummy, gehen spazieren oder tollen mit anderen Hunden herum. Die Ablenkung von Erschöpfung und Schmerzen gelingt mir nur bei Aktivitäten, die volle Konzentration erfordern und Spaß machen. Und außer dem Laufen, dem Bücken und dem Balancieren auf dem Fahrrad ist da noch etwas Zusätzliches, was mir hilft.
Yashar lässt sich weder durch Lautstärke noch durch Drohungen beeindrucken. Was er fordert, sind ruhige, unaufgeregte aber energische Ansagen durch knappe Kommandos und eine eindeutige Körpersprache. Wenn ich vor mich hin trotte und ihm gegenüber müde und unbestimmt auftrete, kann ich keine Aufmerksamkeit von ihm erwarten. Er zwingt mich also zu einer aufrechten, dominanten Haltung, wie man sie auch von Fußballschiedsrichtern, Polizisten und Dirigenten kennt – und er belohnt mich mit Gehorsam und Respekt
Ja, die Arbeit mit Yashar ist manchmal anstrengend – zum Glück, weil er mich diszipliniert und in Bewegung hält. Ein Motto für jeden MB-Patienten heißt „geschmeidig bleiben“. Hervorzuheben ist hier auch eine charismatische Physiotherapeutin, durch die ich vor vielen Jahren in einem 10-tägigen Intensivkurs der „Atem- und Lösungstherapie“ ein längst verloren geglaubtes Körpergefühl zurückgewann. Oberflächlich, technisch gesehen handelt es sich um gewöhnliche MB-spezifische Dehnübungen. Der Clou ist aber, dass ich gelernt habe, meinen Körper dabei Schritt für Schritt, Abschnitt für Abschnitt in einen psychophysisch gelösten, entspannten Zustand zu bringen. Dehnung wird hier nicht erzwungen, weder von außen durch einen Therapeuten, noch durch Anspannung anderer Muskeln. Sondern der Patient lernt – vielleicht sogar unter Schmerzen – loszulassen und Dehnung unter der bloßen Einwirkung der Schwerkraft herbeizuführen. Das ist besonders wichtig bei den tiefliegenden Muskeln der Wirbelsäule, die „ertastet“ und „überredet“ werden wollen.
Heute, 36 Jahre nach der Diagnosestellung, sind akute Entzündungen nicht mehr das primäre Problem, wenn auch die Entzündungswerte immer wieder erhöht sind. Stattdessen sind die Versteifung der Wirbelsäule und die Verkürzungen einiger Muskeln fortgeschritten, und jünger bin ich ja auch nicht geworden. So ist es jede Nacht mühsam, im Bett eine dauerhaft bequeme Position ohne die quälenden Schmerzen und Missempfindungen zu finden. Doch bereits beim Morgenspaziergang mit einem vor Energie strotzenden Hund verfliegt der Kummer und der MB ist fast vergessen. Wenn ich Yashar anschließend allerdings bei seinem Nickerchen zusehe, ist sie wieder präsent, die alte Sehnsucht, auch selbst wieder einmal absolut entspannt auf den Kissen herum zu lümmeln, ohne dass es überall klemmt und schmerzt.

Entspannung pur – beneidenswert!
Entspannung pur – beneidenswert!

Quelle: überarbeitete Fassung eines Wettbewerbsbeitrags für den Edgar-Stene-Preis 2013