Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 135 (Dezember 2013)

Umgebungseinflüsse auf die Krankheitsaktivität

von Nadine Zeboulon-Ktorza, Pierre Yves Boelle, Roula Said Nahal, Maria Antonietta D’agostino, Jean Franois Vibert, Clément Turbelin, Homa Madrakian, Emmanuelle Durand, Odile Launay, Alfred Mahr, Antoine Flahault, Maxime Breban, und Thomas Hanslik aus Versailles, Paris und Boulogne, Frankreich

Der Verlauf einer Spondyloarthritis1 ist gekennzeichnet durch Entzündungsschübe und relativ entzündungsarme Zeiten. Wie weit Umgebungseinflüsse die Krankheit auslösen oder ihren Verlauf beeinflussen, wurde nur für die reaktive Arthritis ausführlich untersucht. Bei ihr wurden bakterielle Darm- oder Harnwegs-Infektionen als Auslöser nachgewiesen. Der Mangel an entsprechenden Untersuchungen für die übrigen Spondyloarthritiden mag damit zusammenhängen, dass es nicht einfach ist, die Krankheitsaktivität zu messen, obwohl dafür der BASDAI-Fragebogen2 zur Verfügung steht.
Ein Einfluss auf den Krankheitsverlauf wurde nachgewiesen für

  • Ernährungsgewohnheiten3,
  • Darm- und Atemwegs-Infektionen, und
  • Rauchen4.

Bei anderen chronischentzündlichen Krankheiten wurden auch berufsbedingte Umgebungseinflüsse wie Staub, landwirtschaftliche Tätigkeit und Lösungsmitteldämpfe als krankheitsverschlimmernd verdächtigt. In keiner der entsprechenden Studien wurden jedoch die Patienten über einen längeren Zeitraum beobachtet. Ereignisse wie beruflicher Stress, körperliche Verletzungen und Infektionen wurden in einer DVMB-Patientenbefragung5 auf ihre Rolle als Krankheitsauslöser beim Morbus Bechterew untersucht, aber nicht auf ihren Einfluss auf den Krankheitsverlauf.

Dreijährige Studie über Umgebungseinflüsse

Ziel unserer Studie war die prospektive Untersuchung (durch vorausgeplante Patientenbeobachtung, nicht durch nachträgliche Befragung) von Umgebungseinflüssen (insbesondere stresserzeugenden Ereignissen) auf die Krankheitsaktivität französischer Spondyloarthritis-Patienten. Studienteilnehmer waren entweder Patienten, welche die AMOR-Kriterien6  für die Spondyloarthritiden erfüllten und bei denen die Wirbelsäulenbeschwerden im Vordergrund standen, oder Patienten mit Morbus Bechterew gemäß den modifizierten New-York-Kriterien7. Sie waren entweder Patienten unserer Klinik in Boulogne oder Mitglieder der Spondyloarthritis-Patientenvereinigung in Frankreich.
272 Patienten nahmen die ganzen 3 Jahre (von 2005 bis 2008) an der Studie teil. Sie wurden gebeten, alle 3 Monate im Internet einen Fragebogen auszufüllen und wurden automatisch per eMail daran erinnert. Patienten, welche den Termin versäumten, wurden außerdem telefonisch erinnert. In den Fragebogen trugen die Patienten ein, ob sie in den vergangenen 3 Monaten einem Umgebungseinfluss aus einer vorgegebenen Liste ausgesetzt waren. Außerdem füllten sie den BASDAI- und den BASFI-Fragebogen2 aus und markierten auf einer weiteren Skala die Stärke ihrer Schmerzen in der vergangenen Woche.
Folgende Umgebungsfaktoren, denen in der Literatur ein möglicher Einfluss auf die Krankheitsaktivität bei Spondyloarthritis oder einer anderen entzündlichen Krankheit zugeschrieben wurde, wurden abgefragt8 :

  • Stress erzeugende Lebensereignisse (z.B. Tod eines Angehörigen, Erkrankung oder sonstige schwere Probleme eines Angehörigen, plötzliches eigenes Gesundheitsproblem neben der Spondyloarthritis, bemerkenswertes Ereignis in Bezug auf Beruf, Ausbildung, Fahrzeug oder Wohnung, finanzielle Probleme, rechtliche Probleme, Krankheit oder Tod eines Haustiers, Urlaubsstress).
  • Infektionen (Atemwegsinfektion, Magen-Darm-Infektion, Harnwegsinfektion).
  • Impfungen (gegen Diphtherie, Tetanus, Kinderlähmung, Grippe, Hepatitis, Typhus oder Tropenkrankheiten).
  • Umweltbelastungen im Zusammenhang mit landwirtschaftlicher Tätigkeit.
  • Staub (z.B. bei Bauarbeiten und Aufräumarbeiten).
  • Lösungsmitteldämpfe (z.B. bei Do-it-yourself-Arbeiten).

Wir konzentrierten uns in unserer Studie auf Umgebungseinflüsse, welche zwischen zwei Befragungsterminen vorübergehend aufgetreten sein konnten, nicht auf Alkohol- oder Tabak-Gebrauch, dem die Patienten über längere Zeit ausgesetzt waren, so dass sie nicht einer Änderung des Gesundheitszustands zwischen zwei Befragungsterminen zugeordnet werden konnten9.
Aufregende Ereignisse wurden dann in der Auswertung berücksichtigt, wenn der Patient die Schwere des Ereignisses auf einer Skala von 0 bis 10 mit mindestens 5 bewertete.

1) Dazu gehören die ankylosierende Spondylitis (Morbus Bechterew), die Psoriasis-Arthritis, Wirbelsäulenentzündungen in Kombination mit einer entzündlichen Darm-Erkrankung, die reaktive Arthritis und die undifferenzierte Spondyloarthritis, siehe MBJ Nr. 109 S. 9–13 und Nr. 132 S. 4–6.
2) MBJ Nr. 121 S. 9–12, DVMB-Schriftenreihe Heft 13
3) siehe die in jedem zweiten Heft, z. B. MBJ 134 S. 29–31 dazu angebotene Literatur
4) MBJ Nr. 103 S. 8–9, Nr. 115 S. 8 und 14, Nr. 117 S. 18, Nr. 119 S. 6–7, Nr. 122 S. 22, 25, 27, Nr. 123 S. 18, Nr. 126 S. 15 und 18, Nr. 129 S. 17–18, Nr. 130 S. 8 und S. 20, Nr. 133 S. 9
5) MBJ Nr. 109 S. 5–7
6) MBJ Nr. 106 S. 12, Nr. 109 S. 9–13, DVMB-Schriftenreihe Heft 13
7) MBJ Nr. 109 S. 9–13, Nr. 123 S. 7, DVMB-Schriftenreihe Heft 13
8) Leider wurde nach Aufenthalt in kalter oder nasser Arbeitsumgebung als möglicherweise schadenden Umwelteinflüssen nicht gefragt.
9) Auch nach Stress erzeugendem privatem Lebensstil und Stress erzeugenden beruflichen Anforderungen  konnte deshalb nicht gefragt werden, Anmerkung der Redaktion.

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