Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 136 (März 2014)

Welche knöchernen Veränderungen tragen zur Behinderung bei?

von Dr. Michael M. Ward (Bethesda, Maryland), Dr. Thomas J. Learch (Los Angeles, California),
Dr. Lianne S. Gensler (San Francisco, California), Dr. John C. Davis jr. (San Francisco, California),
John D. Reveille (Houston, Texas) und Dr. Michael H. Weisman (Los Angeles, California), USA

Bei der ankylosierenden Spondylitis (Morbus Bechterew) nimmt die Behinderung bei Alltagsverrichtungen im Allgemeinen mit der Krankheitsdauer zu. Die Behinderung beruht meist auf der zunehmenden Wirbelsäulenversteifung. Eine eingeschränkte Atmung und eine Entzündung der Hüftgelenke oder anderer Gelenke außerhalb der Wirbelsäule können ebenfalls zur Behinderung beitragen.
Obwohl allgemein angenommen wird, dass die Behinderung nach langer Krankheitsdauer hauptsächlich auf der Wirbelsäulenversteifung beruht, ist nie untersucht worden, ob die Wirbelsäulenversteifung im Alter wirklich mehr zur Behinderung beiträgt als im Frühstadium der Erkrankung.
Im Allgemeinen treten die Entzündungsprozesse beim Morbus Bechterew zunächst in der Lendenwirbelsäule auf und erst danach in der Halswirbelsäule und evtl. in den Hüftgelenken. Die Art der Behinderung kann sich deshalb mit der Zeit ändern. Wie die Behinderung von den knöchernen Veränderungen in verschiedenen Körperregionen abhängt, ist bisher nicht untersucht worden.
Wir untersuchten den Zusammenhang zwischen knöchernen Veränderungen und der Behinderung beim Morbus Bechterew, um folgende Fragen zu beantworten:

  • Ist die Behinderung in unterschiedlichen Krankheitsstadien unterschiedlich stark mit der knöchernen Versteifung verknüpft?
  • Wie stark tragen Lendenwirbelsäule, Halswirbelsäule und Hüftgelenkbeteiligung in verschiedenen Krankheitsstadien zur Behinderung bei?
Untersuchungsmethode

Zur Teilnahme aufgerufen waren Patienten unserer Kliniken, Mitglieder der Patientenorganisation und am Ort der Kliniken wohnende Morbus-Bechterew-Patienten. 801 Patienten nahmen an der Studie teil. Von allen Teilnehmern existierten Röntgenaufnahmen des Beckens und der Wirbelsäule sowie ausgefüllte Fragebögen zur Krankheitsvorgeschichte. Ausgeschlossen waren Patienten mit Wirbelsäulenoperationen.
Von den Teilnehmern hatten 35% eine Iritis in der Vorgeschichte, 23% litten an Bluthochdruck, 15% an Depressionen, 12% an Magengeschwüren und 9% an Asthma.
Als Maß für die Behinderung füllten die Teilnehmer den BASFI-Fragebogen1) mit seinen Fragen zur Ausführbarkeit von 10 Alltagsverrichtungen aus.
Als Maß für die knöchernen Wirbelsäulenveränderungen verwendeten wir die Halswirbelsäulen- und Lendenwirbelsäulenteile des modifizierten Stoke Ankylosing Spondylitis Spine Score (mSASSS).2) In ihm werden im Röntgenbild sichtbare Veränderungen an der Vorderseite der Wirbelsäule erfasst.
Als Maß für die Hüftgelenkbeteiligung verwendeten wir den BASRI für die Hüftgelenke (BASRI-hip), in dem die Hüftgelenkbeteiligung mit 0 (keine Veränderung) bis 4 (künstliche Hüftgelenke) bewertet wird.

Studienergebnisse

Die im Röntgenbild sichtbaren Veränderungen der Lendenwirbelsäule, der Halswirbelsäule und der Hüftgelenke nahmen mit der Krankheitsdauer zu, wobei in allen Dekaden ein Fortschreiten beobachtet wurde.
Eine unveränderte Lendenwirbelsäule hatten 72% der Patienten, die sich noch in den ersten 10 Krankheitsjahren befanden, gegenüber 5% bei einer Krankheitsdauer von 40–50 Jahren. Nach 40–50 Krankheitsjahren hatten 23% eine komplett versteifte Lendenwirbelsäule.
Die Halswirbelsäule war nach 0–10 Krankheitsjahren noch bei 65% unverändert, nach 40–50 Krankheitsjahren dagegen nur bei 12%, während nach 40–50 Krankheitsjahren 34% eine komplett versteifte Halswirbelsäule hatten.
Der Anteil mit einer Hüftgelenkbeteiligung betrug in den ersten 10 Krankheitsjahren 23% und in den darauf folgenden Dekaden 32%, 37%, 48% bzw. 43%. Auch die Behinderung nahm mit zunehmender Krankheitsdauer zu.

Verknüpfung zwischen knöchernen Veränderungen und Behinderung

Nimmt man alle Patienten unabhängig von der Krankheitsdauer zusammen, so trägt das Ausmaß der knöchernen Veränderungen sowohl in der Halswirbelsäule als auch in der Lendenwirbelsäule und in den Hüftgelenken zur Behinderung bei.
Wie diese Korrelation von der Krankheitsdauer abhängt, ist im Bild 1 dargestellt. Die Verknüpfung zwischen Versteifung und Behinderung wird mit zunehmender Krankheitsdauer schwächer.
Für die Abhängigkeit der Behinderung vom Ausmaß der Hüftgelenkbeteiligung wurde kein solcher Einfluss der Krankheitsdauer festgestellt.
Im Zusammenhang von Behinderung und knöcherner Versteifung fanden wir keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern.

1) MBJ Nr. 121 S. 9–12, DVMB-Schriftenreihe Heft 13
2) MBJ Nr. 101 S. 16, DVMB-Schriftenreihe Heft 13

Bild 1: Behinderung (BASFI) in Abhängigkeit von der Krankheitsdauer und vom Ausmaß knöcherner Veränderungen in der Lendenwirbelsäule (A) bzw. in der Halswirbelsäule (B). Die Behinderung hängt nur in den ersten Krank-heitsjahren stark vom Ausmaß de
Bild 1: Behinderung (BASFI) in Abhängigkeit von der Krankheitsdauer und vom Ausmaß knöcherner Veränderungen in der Lendenwirbelsäule (A) bzw. in der Halswirbelsäule (B). Die Behinderung hängt nur in den ersten Krank-heitsjahren stark vom Ausmaß der knöchernen Versteifung ab. Dass im Bild 1A bei einer Krankheitsdauer von 50 Jahren sogar eine Abnahme der Behinderung mit zunehmender Versteifung zu sehen ist, mag damit zusammenhängen, dass alle Kanten des „Dachs“ der Einfachheit halber durch gerade Linien angenähert wurden und keine Kurven zugelassen wurden, Anmerkung der Redaktion.

Wollen Sie weiterlesen? Als Mitglied der ehrenamtlich geführten Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew bekommen Sie regelmäßig unsere Zeitschrift mit vielen wichtigen Beiträgen zum Morbus Bechterew zugeschickt. Gleichzeitig unterstützen Sie die Interessenvertretung der Morbus-Bechterew-Patienten.
Zwei von vielen Gründen, möglichst bald Mitglied der DVMB zu werden!